d): Schaufensterpuppe, 2010. a): Portät der Terroristin Lheila Khalid, 1973. b): Nadine Proutnal, in: La Madone des Pipes, 1983. c): Modell mit Pali-Tuch, Otto-Versand, 2010. |
Zombie des Monats - 09/2010
Pali-Tuch, das: Es kam aus dem Osten, es diente der Vermummung, es war bezeichnend und es war alternativ – das Palästinensertuch. Vor allem in der arabischen Welt getragen, galt dieses Kopftuch (Kufiya) bereits in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts als politisches Zeichen.
Als "Arafat Schal“ erlebte das Palästinensertuch, meist kurz „Pali-Tuch“ genannt, seit den siebziger Jahren nicht nur in Palästina, sondern auch in Europa eine Wiederauferstehung als politisches Symbol des Revolutionären mit weiter Verbreitung und erstaunlichen Varianten bis heute.
Drückte das Pali-Tuch einstmals die Solidarität der arabischen Oberschicht mit den gegen die britische Kolonialmacht aufbegehrenden palästinensischen Bauern aus, diente es in der Nachkriegszeit der PLO und anderen Organisationen als Erkennungsmarke ihres antiisraelischen Kampfes.
Terroristen wie die noch heute als Heldin gefeierte Flugzeugentführerin Leihla Khalid posierten in den 1970er Jahren verführerisch mit der Waffe in der Hand und in das Pali-Tuch gehüllt ( a ). Beides zusammen ergab den „radical chic“ sexuell konnotierter Gewalt. "Im Bett zart, gegen Bullen hart" reimte der Zeitgeist 1972 mit Blick auf andere "Fronten".
Die Lust an der Befreiung agierte auch Nadine Proutnal ( b ) aus. In dem französischen Pornofilm „La Madone des pipes“ (1983, Regie:José Bénazéraf) geht es um Waffenschmuggel, Terrorismus und Penetrationen. Arafats Schal wurde zur stimulierenden Anspielung, ein frei flottierendes Zeichen von Protest und Dominanz, das sich wie so viele andere Versatzstücke politischer Protestkultur relativ problemlos kulturindustrieller Verwertung öffnet.
Auch im 21. Jahrhundert wird mit dem Pali-Tuch ein sexuell konnotierter Zusammenhang von Rebellion und Befreiung transportiert. Jüngstes Beispiel dafür ist das Bild eines skeptisch blickenden verführerischen Jünglings im Pali-Tuch aus dem „Otto Shop“ ( c ). Das Tuch drapiert sich zur Kenntlichkeit seiner Geschichte: als Pose des Protestes.
Damit enthüllt sich in dieser Bildgeschichte der politischen Verhüllung eine neue Variante. Jenseits des Lustprinzips. Als bloßes Accessoire austauschbar geworden ( d ), dient das Pali-Tuch offensichtlich zunehmend auch jüngeren Neonazis, um an der Markenführung antiisraelischer Kampagnen teilzunehmen.
Das Palituch ist ein Wiedergänger jener politischen Haltung, die in der Solidarität mit politischen Bewegungen vor allen Dingen die eigenen Fantasiewelten beschwört. Dabei sind die (scheinbar) Schwachen und Unterlegenen immer moralisch überlegen.
Nach wie vor schmeichelt das Pali-Tuch nicht nur dem Körper, sondern auch dem guten Gewissen.
Thomas Noetzel |



