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Zeigen – Rätselhafte Schnitzarbeit

Schnitzarbeit aus Holz aus der Elisabethkirche. Geschmückt ist dieser mit einem schreienden Gesicht sowie einem Löwen, einem Phönix und einem Pelikan.
© Foto: Bildarchiv - Foto Marburg, Horst Fenchel
Schnitzarbeit (Elisabethkirche), Eichenholz, gefaßt, Ende 13. Jahrhundert, Inventar-Nr. 13141.

Skulptur, um 1400, Eichenholz, farbig gefasst, 51 x 51 x 38 cm, Inventar-Nr. 13141, Herkunft: Elisabethkirche in Marburg

Diese kunstvolle Schnitzarbeit aus dem frühen 15. Jahrhundert gibt große Rätsel auf. Die Ecken des pyramidenförmigen Objekts sind mit einem Pelikan, einem Löwen und einem Phönix geschmückt, denen in der christlichen Ikonographie jeweils eigene Bedeutungen zukommen. Während alle drei Tiere Symbole der Wiederauferstehung Jesu sind, lässt sich der Pelikan, der sich die Brust vor seinen Jungen aufreißt, auch als Symbol der aufopferungsvollen Elternliebe verstehen. In der Mitte des Objekts aus farbig gefasstem Eichenholz befindet sich ein aus einer Blattmaske hervorschauendes Gesicht mit weit aufgerissenem Mund.

Ikonographie der Tiere

  • Pelikan

    Der Pelikan steht in der hier dargestellten Form für das Todesopfer und die Auferstehung Christi. Bereits in Darstellungen der frühen christlichen Kunst wird dieser imposante Vogel gezeigt, wie er sich die Brust mit dem Schnabel aufreißt und seine Jungen mit seinem Blut füttert. Neben Werken, die Bezug auf die Thematik der Kreuzigung nehmen, in denen der Pelikan häufig verwendet wird, findet sich dieser unter anderem auch am Elisabethschrein wieder.

  • Löwe

    Der Löwe kann in der christlichen Ikonographie auf verschiedene Weise gedeutet werden. Steht das Animalische in ihm oft als Sinnbild für den Teufel oder den Antichristen, stellt die hier abgebildete Form des Löwen, der seine toten Jungen durch einen Atemhauch wieder zum Leben erweckt, als Verbildlichung für die Auferstehung Jesu. Eine weitere vorbildliche Eigenschaft, die dem Löwen bei entsprechenden Darstellungen zugesprochen wird, ist die Fürsorge und der Schutz seiner Jungen. Gezeigt wird in diesem Kontext häufig das mit geöffneten Augen schlafende Tier als Sinnbild für Gott, der über die Menschen wacht.

  • Phönix

    Auch der sich aus dem Feuer erhebende Phönix ist ein Symbol des Todes und der Wiederauferstehung Christi. Durch die Legende, nach der der Vogel aus seiner Asche immer wieder zu neuem Leben erwacht, handelt es sich um ein Sinnbild des ewigen Lebens. Das hier thematisierte Objekt zeigt einen verbreiteten Darstellungstypus des Phönix in Verbindung mit Löwe und Pelikan.

Herkunft und Verwendung

Zwischen 1860 und 1963 soll sich die Schnitzerei dekorativ unter dem Sitz des Organisten der Elisabethkirche befunden haben. Doch wo war sie ursprünglich zu finden? Diesbezüglich gibt es mehrere Theorien. Wahrscheinlich ist, dass das Objekt Teil eines größeren Kunstwerks gewesen ist, etwa als Schlussstein eines Baldachingewölbes oder eines Chorgestühls. Auch die Bezeichnung „Wasserspeier" ist bereits im Rahmen der Interpretationsversuche gebraucht worden. Diese Deutung ist aufgrund des hölzernen Materials und der Farbfassung jedoch sehr unwahrscheinlich. Sicher ist, dass das Objekt bezüglich seiner Ikonographie in einen christlichen Kontext eingeordnet werden kann und sich vermutlich bereits im Mittelalter in der Elisabethkirche befand.