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Beginnende Abstraktion

Ein Blumenstillleben im Hochformat. Lange Pinselstriche, ein kräftiges Violett, Gelb-, Weiß- und Blautöne charakterisieren das Kunstwerk.
© Bildarchiv Foto Marburg

Curt Herrmann
Merseburg 1854 – 1929 Erlangen
Blumenstrauß in schlanker Vase, undatiert
Öl auf Pappe, 47 x 31 cm
Sammlung Richard Hamann, Ankauf 1960

Curt Herrmann gilt neben Paul Baum als einer der bedeutendsten deutschen Maler des Neoimpressionismus. Der außergewöhnlich wandlungsfähige Künstler wechselte im Laufe der Zeit mehrfach seine künstlerische Arbeitsweise und gehörte ab Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Mitbegründern der Abstraktion in Deutschland. Das undatierte Gemälde „Blumenstrauß in schlanker Vase“ lässt sich aufgrund der Malweise Curt Hermanns einer späten Werkphase zuordnen, in der sich der Künstler intensiv mit den Arbeiten Vincent Van Goghs auseinandersetzte. So wandelten sich seine zuvor nebeneinandergesetzten Farbpunkte mit Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Farbauftrag mit langgezogenen Pinselstrichen. In einem Ausstellungskatalog (Schweinfurt/Marburg 2001/2002) wurde das Werk auf „um 1917/1918“ datiert.

Ein Blumenstillleben im Hochformat. Lange Pinselstriche, ein kräftiges Violett, Gelb-, Weiß- und Blautöne charakterisieren das Kunstwerk.
© Bildarchiv Foto Marburg

Ein Blumenstrauß in einer schlanken, weißen Vase mit Henkel, deren Körper sich aus diagonal verlaufenden Strichen zusammensetzt, steht im Zentrum des Stilllebens. Im unteren Bereich des Bildes deuten vorwiegend waagerechte, teilweise bogenförmige Linien ein rundes Tischchen an. Die einzelnen Blüten und Blätter des Straußes verschwimmen zu abstrakten Farbflächen. Sie bilden kaum noch fassbare, fast schon raumlose Farbstrukturen von rein ästhetischem Wert, die erst durch die Betrachtung aus einiger Entfernung ein Motiv ergeben. Grüntöne in verschiedenen Abstufungen, ein kräftiges Violett, Gelb-, Weiß- und Blautöne bestimmen die Palette. Lediglich einzelne Blütenformen lassen sich zwischen den aufstrebenden vertikalen Linien erkennen. Eine große dunkelrote Blüte am Fuße der weißen Vase tritt dabei am deutlichsten hervor. Flankiert wird die Vase von dunklen Farbflächen in Violett, Blau, Petrol und Schwarz, wodurch das zentrale Motiv in den Fokus rückt. Die Farbfläche auf der rechten Bildhälfte kann durch ihre runde Konturlinie als eine zweite bauchige Vase oder ein Gefäß interpretiert werden. Der Körper formt sich aus vertikal angeordneten langgezogenen Pinselstrichen in dunklem Kolorit, welches sich vom hellen Grund abzeichnet. Der ebenfalls aus vertikalen Pinselstrichen zusammengesetzte Hintergrund verschmilzt mit den einzelnen Motiven.

Curt Herrmanns Interesse liegt in der Farbstimmung. Perspektive und Motive erscheinen sekundär. Sie verflüchtigen sich in einer Komposition aus Licht und Farbe. Diese formauflösende Malweise mit abstrahierender Tendenz ist das wichtigste Kennzeichen für Curt Herrmanns Spätwerk in Auseinandersetzung mit künstlerischen Positionen, die auf den Impressionismus folgten.

Winona-Lisette Michel

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