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Ludovicus Finsonius, Adam und Eva im Paradiesgarten

Adam und Eva umgeben von Früchten inmitten des Paradiesgartens; in lebensgroßer Darstellung.
© Bildarchiv Foto Marburg

Ludovicus Finsonius
Brügge 1580 – 1617 Amsterdam
Adam und Eva im Paradiesgarten, 1610
Öl auf Leinwand, 164,5 x 213,5 cm
Ankauf 1978

Beeinflusst durch die Arbeiten Caravaggios malte Ludovicus Finsonius 1610 das Werk Adam und Eva im Paradiesgarten. Eva lehnt sich entspannt an Adams Körper und hält ihrem Partner mit der rechten Hand eine Frucht hin, während ihr die Schlange, die nur schwach am oberen Bildrand zu erkennen ist, einen Apfel zu reichen scheint. Adam beißt währenddessen mit gierigem Blick in eine Frucht, die er bereits in seinen Händen hält.

Adam und Eva umgeben von Früchten inmitten des Paradiesgartens; in lebensgroßer Darstellung.
© Bildarchiv Foto Marburg
Finsonius rückt in seinem Kunstwerk von der ursprünglichen Darstellungsweise des berühmten Paares ab. Bis ins späte Mittelalter schmückte der Sündenfall oft die geschlossenen Flügelseiten eines Altares – die Alltagsseite. In der Regel wurden Adam und Eva neben dem Baum der Erkenntnis positioniert, aufrecht stehend und ihre Scham mit einem Blatt bedeckend. Dass Adam in Finsonius Bildschöpfung bereits von der Frucht gegessen hat, ist ungewöhnlich. Der Moment der zögerlichen Versuchung ist bereits verstrichen, hier ist ein Augenblick voller Lust und Begierde zu sehen. Lediglich die angebissene Paradiesesfrucht stellt als Vanitas-Symbol – als Zeichen der Vergänglichkeit – einen leisen Verweis auf den weiteren Verlauf der biblischen Erzählung dar – die Vertreibung aus dem Paradies.

Die opulente Darstellung ist vermutlich auch von Finsonius Tätigkeit im Kunsthandel beeinflusst, bei der er fortlaufend mit neuen Impulsen der internationalen Künstlerschaft konfrontiert wurde, die Reflexe im eigenen Werk hinterlassen haben. Finsonius gehört zu den ersten nicht-italienischen Künstlern, die von Caravaggio profitieren konnten. Die meist religiösen Kompositionen des niederländischen Malers lassen wie bei seinem Vorbild eine bühnenhafte Darstellung, raumgreifende Gebärden und dramatische Hell-Dunkel-Kontraste erkennen.

Die freie, legere Darstellung von Adam und Eva kann als frühes Zeugnis der Barockmalerei gesehen werden, denn im Barock waren locker inszenierte Figuren gängige Bildelemente. In Verbindung damit steht die üppige Ausgestaltung der übrigen Motive: Obst und Gemüse, welches das Paar zu allen Seiten und in zahlreichen Sorten umgibt. Auch ohne den Bildtitel wird klar: Es handelt sich um den Paradiesgarten, denn nur dort können Pfirsiche und Kürbisse zur gleichen Zeit erblühen und ausreifen.

Mit der Darstellung Evas nimmt Finsonius den Traditionsstrang der liegenden Venus auf, wie er in der italienischen Renaissancemalerei weitverbreitet war. Bekräftigt wird dies durch die Position der Frauenfigur, deren Unterleib sich genau in der Bildmitte befindet und unter dem unmittelbar zwei Melonen liegen, welche als Attribut der Fruchtbarkeit gelten. Die Inszenierung der erotischen Spannung zwischen Mann und Frau wurde im Barock beliebt und ist hier stark ausgeprägt. Eva steht nicht nur im Mittelpunkt, sondern teilt optisch mit ihrem Körper das Werk diagonal in zwei Hälften. Zu ihrer Linken und zu den Füßen des Paares befindet sich ein Großteil der Früchte, während auf Adams Seite vor allem die distelartigen Artischocken auffallen. Mit der Positionierung von dornigen und stacheligen Pflanzen auf der Seite Adams konnte der Künstler darauf hinweisen, dass sich das Paar bereits am Ende der Zeit im Paradies befindet und seine baldige Verbannung bevorsteht.

Anastasia Bursova

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