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Religionen Altamerikas – präkolumbisches Mesoamerika und das zentrale Andengebiet


In heutiger Zeit schauen die Bewohner Mexikos und Perus voller Stolz zurück auf die Kulturen und historischen Reiche, die in der Zeit vor dem Eindringen der spanischen Kolonialmacht auf dem Territorium dieser und anderer lateinamerikanischer Länder entstanden und zu ihrer Blüte gekommen waren. Das katholische Christentum der europäischen Eroberer wandelte im Verlauf der letzten ca. 500 Jahre das religiöse Leben und Denken der Menschen Lateinamerikas nachhaltig. Die kulturellen Errungenschaften der präkolumbischen Zeit wurden durch die europäischen Einflüsse stark verändert und zu einem großen Teil völlig verdrängt.

Bereits vor dem ersten Jahrtausend vor unserer Zeit legten die Bewohner des alten Amerika dort den Grundstein für kulturelle, künstlerische und religiöse Entwicklungen, die dem alten Amerika ein besonderes, eigenständiges Gepräge gaben. Beispielsweise kultivierten sie bereits den Mais und andere Nutzpflanzen im Gebiet des heutigen Mexiko und Peru. Am Isthmus von Tehuantepec in Mexiko, wo Zentralmexiko über eine Landenge ostwärts in das Gebiet der Halbinsel Yukatan übergeht, entstanden schon um 1.000 v.u.Z. bei La Venta frühe Monumente mesoamerikanischer Kultur und Religion, so zum Beispiel mehrere Meter hohe Kolossalköpfe, Steinaltäre sowie Schmuck- und Zeremonialgegenstände aus Jade und anderen Materialien. Auch finden sich hier Frühformen des mesoamerikanischen Ballspiels und Kalenderwesens. Im nördlichen andinen Hochland Perus bildete sich nur wenig später im Umfeld der archäologischen Fundstätte Chavín de Huantar ebenfalls eine frühe, für die gesamte Region des zentralen Andengebiets richtungweisende religiöse Vorstellungswelt, Praxis und Ikonographie heraus, die bleibenden Einfluss auf die späteren Entwicklungen in diesem Gebiet hatte. Dabei gibt es deutliche Hinweise auf ein frühes Orakelwesen mit damit verbundenen Pilgerbewegungen, auf ein vielgestaltiges Repertoire von Geistwesen oder Gottheiten in Gestalt von Mensch-Tier-Mischwesen und auf die rituelle Benutzung halluzinogener Substanzen. Die Reiche beispielsweise der Azteken und Inka, auf welche die Europäer bei ihrer Ankunft in Amerika im frühen 16. Jahrhundert stießen, waren späte kulturelle Erben dieser religiösen Entwicklungen, denen sie aber auch im Verlauf der Jahrhunderte neue Elemente hinzugefügt hatten, ohne die grundlegenden traditionellen Denkmuster und Institutionen aufzugeben.

Die Gesellschaften des altamerikanischen Hochkulturraums zeichneten sich durch eine deutliche soziale Schichtung und Hierarchisierung aus. An ihrer Spitze standen Vertreter von Herrscherdynastien, die in ihrem Amt politische und religiöse Funktionen vereinten. Ein ausgeprägtes Priestertum wachte über das Ritualleben, die Bewahrung und den Fortgang religiöser Traditionen. In Mesoamerika wurde ein kompliziertes, jedoch ausgereiftes Kalenderwesen enwickelt, das für die Ausgestaltung des rituellen Jahreskreises bestimmend war. So orientierten sich Weissagungen, Heilungsriten und auch Opferzeremonien an den Vorgaben des zyklischen Ritualkalenders, den die Maya „Tzolk'in“ und die Azteken „Tonalpohualli“ nannten. In den Anden waren Wallfahrten zu Orakelstätten von großer religiöser Bedeutung. Orte wie Pachacamac an der mittleren peruanischen Küste und der Titicaca-See in der peruanisch-bolivianischen Hochebene zogen auf diese Weise regelmäßig große Pilgerscharen an. Insgesamt lassen die in heutiger Zeit zugänglichen Funde darauf schließen, dass Fruchtbarkeit, Opfer, der Fortgang des Lebens nach dem Tod und die Positionierung des Menschen im Kosmos die zentralen Themen im religiösen Leben der altamerikanischen Völker waren. So sind die in der religionskundlichen Sammlung ausgestellten peruanischen Gefäße eher von Fruchtbarkeitssymbolik geprägt, während die mexikanischen Objekte stärker der Tradition des Opferbrauchs zugehörig sind. Diese waren im präkolumbischen Meso- und Südamerika zwei besonders eng miteinander verbundene religiöse Bereiche. Für die im alten Amerika entwickelten Glaubenssysteme sind gerade in ihren späten Ausformungen, z.B. bei den Azteken im 14. und 15. Jahrhundert, die Vorstellungen von einer enormen Fülle mythischer Wesen, Gottheiten und anderer kosmischer Kräfte belegt, die sich wiederum in einer Vielzahl künstlerischer Darstellungen zeigt. In der Ausstellung sind hierzu exemplarisch unter anderem figurale Plastiken von Chicomecoatl („sieben Schlange“, Göttin des Maises) und Coyolxauhqui („die sich mit goldenen / kupfernen Schellen Schmückende“, Göttin des Mondes bzw. der Milchstraße) zu besichtigen.

Der Ausstellungsbereich Religionen Altamerikas umfasst also schwerpunktmäßig:

  1. das Gebiet Zentralmexikos, dabei besonders die Azteken (ca. 14. bis frühes 16. Jh. u.Z.)

  2. die nordperuanische Pazifikküste und die religiösen Traditionen der Moche und Chimú (ca. 5. bis 15. Jh. u.Z.)


Die Exponate wurden hauptsächlich ab den 1930er bis zum Ende der 1960er Jahre gesammelt und sind entweder Gipsabgüsse von meist relativ gut erforschten und beschriebenen Originalen aus dem Museo Nacional de Antropología e Historia (INAH) in Mexiko bzw. aus dem Ethnologischen Museum Berlin oder wurden als Originale von Kunsthändlern erworben und entstammen vermutlich den unzähligen privaten, nicht autorisierten Grabungen in den archäologischen Stätten Lateinamerikas. (HZ)


Literatur:


Moctezuma, Eduardo Matos: The Great Temple of the Aztecs. Treasures of Tenochtitlan. Thames & Hudson. 1988.

Lanczkowski, Günter: Die Religion der Azteken, Maya und Inka. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 1989.

Andritzky, Walter: Schamanismus und rituelles Heilen im Alten Peru (2 Bde.). Clemens Zerling. 1988.

Köhler, Ulrich (Hg.): Altamerikanistik. Eine Einführung in die Hochkulturen Mittel- und Südamerikas. Dietrich Reimer. 1990.

 

Ausgewählte Objekte





Chicomecouatl













Chicomecoatl

Jaguargefäss

Details


 















 

Zuletzt aktualisiert: 08.12.2010 · Dippelju

 
 
 
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