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Archiv der Philipps-Universität Marburg

Das Universitätsarchiv verwahrt das in der laufenden Verwaltung der Universität nicht mehr benötigte Schriftgut, erschließt es und macht es für die Forschung, aber auch für die Universität selbst nutzbar. Zur Zeit umfasst das Universitätsarchiv knapp 500 Urkunden und mehr als 2000 lfd. Regalmeter Amtsbücher und Akten aus der Zeit vom 13. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart.

Seit 1890 sind die Bestände als Depositum im Hessischen Staatsarchiv Marburg untergebracht. Am 1. März 2006 hat die Universität mit der Einstellung einer Archivarin die Einrichtung selbst übernommen (vgl. Nachricht vom 24. April 2006). Akten und Urkunden blieben aber im Staatsarchiv und können dort im Lesesaal eingesehen werden. Seit dem 1. Februar 2010 zählt das Archiv zu den Zentralen Einrichtungen der Universität.

 

 Die besondere Archivalie:

Norbert Nail

Ansichten aus einem eroberten Land - Reflexionen eines amerikanischen „Chief Interrogator for Military Government Information Control“ aus Marburg und Leipzig 1945


bericht
Erste Seite einer Einschätzung der amerikanischen Besatzungspolitik duch Samson B. Knoll. UniA MR 312/3/37 Nr. 56
 

Das Archiv der Philipps-Universität beherbergt seit geraumer Zeit den schriftlichen Nachlass des in den Jahren 1945/46 in Marburg eingesetzten „Chief Interrogator for Military Government Information Control“ der US-Armeeverwaltung (OMGUS), Samson B. Knoll (1912-2001). Noch 1933, als Student der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität und weise vorausschauend, hatte der im österreichischen Galizien in einer jüdischen Familie geborene Knoll Deutschland verlassen. Seine akademische Ausbildung konnte er mit Hilfe von Freunden und Verwandten zunächst in Frankreich und England, später in den Vereinigten Staaten von Amerika fortsetzen. Seine literaturwissenschaftlichen Studien schloss er 1936 mit dem „Master“ der University of Colorado ab; er promovierte 1953 an der Stanford University zum „Ph.D.“ in Geschichtswissenschaften, lehrte danach an verschiedenen amerikanischen Hochschulen und machte sich als Herder-Forscher einen Namen. Zuletzt war Knoll Professor für deutsche Geschichte und deutsche Literatur am Monterey Institute of Foreign Studies in Monterey, Kalifornien. Den 2. Weltkrieg erlebte er, mittlerweile „College-Instructor“ und US-Bürger, als „Befragungs-/Verhör-Officer“ der „Intelligence Section of the Psychological Warfare Combat Team“ der 1. US-Armee, und zwar vom Einsatz in der Normandie im Juni 1944 bis zur Besetzung Leipzigs im April 1945 und dem Abschied vom Militär im Range eines „Technical Sergeant“ in Marburg an der Lahn im gleichen Jahr. Hier war er  noch bis August 1946 für die amerikanischen Besatzungsbehörden tätig, erkundete die Stimmung der Bevölkerung, wirkte am Aufbau demokratischer Strukturen in der Stadt und an der Denazifizierung der Marburger Universität mit.[1]

 

Samson B. Knoll
Samson B. Knoll vor einer Dienststelle der Psychologial Warfare Branch 1944. UniA Marburg 312/3/37 NL Knoll

 

eintrittskarte
Eintritttskarte Samson B. Knolls zu einer linkssozialistischen Solidaritätsveranstaltung 1934 in Paris - westeuropäischer Nachklang zum Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller unter der Präsidentschaft Maxim Gorkis in Moskau vom 17. August bis 1. September 1934, auf dem eine fundamental neue Rolle des Dichters in der Gesellschaft („Sozialistischer Realismus“) postuliert wurde (Tagebuch Knoll, UniA Marburg 312/3/37 Nr. 76).

 

Knoll hatte das Abitur 1930 am Prinz-Heinrich-Gymnasium in Berlin abgelegt und anschließend Germanistik und Geschichte an der Berliner Universität studiert. Prägend für ihn wurde dort der liberale Kulturhistoriker Kurt Breysig (1866-1940), dem er auch freundschaftlich verbunden war. Intellektuell war Knoll, der junge Student, der „Instructor“ und „Interrogator“ wie auch der spätere Professor, aufgeschlossen für „linkes“ Gedankengut und fühlte sich, auch gerade in seiner militäramtlichen Tätigkeit, angezogen von einem linken, einem antifaschistischen Milieu. Seine spezielle Tätigkeit als „Aufklärer“ in den letzten Wochen des 2. Weltkriegs und als „Reeducator“ in den unmittelbaren Nachkriegsmonaten hat er in einer humanistischen Grundeinstellung mit großer Empathie für die unmittelbaren Opfer des Naziterrors[2], aber auch für die Opfer des Bombenkriegs und der kriegsbedingten Vertreibung betrieben. Kritisch blieb in dieser Zeit seine Einstellung zur offiziellen amerikanischen Besatzungspolitik in und für Deutschland und zu gewalttätigen Handlungen der kämpfenden Truppe gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung. In einem unveröffentlichten, im Nachlass erhaltenen Papier fasst Knoll seine Beobachtungen, Eindrücke und Gedanken aus jenen geschichtsträchtigen Tagen in Form eines fiktiven Briefes[3] zusammen, in dem manche Emotion aus unmittelbar erlebter Vergangenheit noch zu spüren ist:


                                                                                                                                                                                                                                                 Marburg, 5. August 1945

„Lieber Jedermann:                                                                                                                                                                                                         

...

Wenn ich unsere Besatzungs'leitlinien' betrachte, gewinne ich mehr und mehr die Überzeugung, dass, falls nicht eine grundlegende Änderung herbeigeführt wird, daraus nichts Gutes für den Weltfrieden erwachsen kann. Die Potsdamer Konferenz[4] könnte zumindest, und endlich, einige konkrete Anweisungen hervorgebracht haben, so hoffen wir, und hoffen wir auch, dass das, was wir bisher erfahren haben, mehr als nur allgemeine Verlautbarungen sein werden und dass wirklich eine Form der Verwaltung für das unter unserer Kontrolle (ich meine wirklich unter alliierter Kontrolle) stehende Gesamtgebiet Deutschlands herauskommen wird, eine Art Dezentralisierung für das gesamte deutsche Territorium, oder es wird andererseits niemals ein lebensfähiges deutsches Gebilde entstehen. Und das, hoffe ich, war nicht unsere Absicht --- zumindest war es das nicht, wofür ich gekämpft habe. Soweit ich von hier aus beurteilen kann, haben wir in all diesen vielen Jahren, in denen wir reichlich Zeit hatten, keinerlei vernünftige Strategie für die Verwaltung Deutschlands erarbeitet. Wir haben eine Anzahl hervorragender Wissenschaftler beschäftigt, dies alles auszuarbeiten --- sie haben, und das kann ich aus eigener Erfahrung berichten, ausgezeichnete Arbeit geleistet in der Analyse der deutschen Vergangenheit oder in der Analyse der verschiedenen Aspekte und Phasen der Nazi-Diktatur - - Wir haben allerdings vollkommen vernachlässigt, einen wissenschaftlichen Plan für die Zukunft Deutschlands zu erarbeiten. Tatsächlich sieht es nur allzu sehr aus, als würden wir Deutschland überhaupt keine Zukunft zubilligen wollen. Was jetzt kommt, sind eine Reihe improvisierter Regelungen, die meisten uns aufgezwungen, weil wir uns plötzlich konfrontiert sehen mit Situationen, die wir nicht bewältigen können. Hinzu kommt, dass die Offiziere unserer Militärregierung, die große Mehrheit von ihnen, ein unfähiger, ignoranter und arroganter Haufen ist, schrecklich unkundig in allem, was Deutschland und die deutsche Sprache angeht. In all den vielen Teams der Militärregierung, mit denen ich bisher gearbeitet habe, habe ich kaum einen höherrangigen Offizier angetroffen, der Deutsch konnte oder irgendetwas über das deutsche Volk wusste. Die etwas wissen, sind einfache Gefreite, Unteroffiziere oder bestenfalls Sergeanten, die lediglich Übersetzer sind und keinerlei Autorität haben. Offenbar sind unsere Leitlinien: Schaffe einen Experten heran, der weiß, wie man elektrische Leitungen, Wasserrohre oder Straßen repariert --- kümmere dich nicht darum, ob er irgendetwas über die sozialen oder politischen Probleme der deutschen Nation oder irgendetwas über die deutsche Volksseele weiß.

  Ich selbst habe erlebt, als ich die künftigen Offiziere der Militärregierung in Stanford unterrichtete, wie völlig ungeeignet sie sind, notgedrungen musste es aber sein. Andererseits scheint es, als wären wir nicht interessiert, tatsächlich etwas aus dem deutschen Volk zu machen, es wirklich in Richtung Demokratie zu erziehen. Als ich diese Leute in Stanford unterrichtet habe, fand ich heraus, dass Voraussetzung für eine dienstliche Abordnung nicht Kenntnisse der Deutschen oder der deutschen Sprache waren --- nicht eigens gewonnene Erfahrungen aus Reisen oder Studien, vielmehr musste man in einer 'administrativen oder leitenden Position' in bestimmten Bereichen gewesen sein und ein Einkommen in Höhe von mindestens 5.000-- Dollar im Jahr gehabt haben. Eine Bedingung, die man voraussetzt, einen Mann als konservativ zu bezeichnen, wenn nicht sogar als reaktionär und wenig geneigt, in Eigeninitiative etwas auf sozialem Gebiet auszuprobieren.

  Die Ergebnisse sind jetzt schon spürbar. Offiziere der Militärregierung haben sich als absolut unfähig erwiesen, das Durcheinander zu entwirren, welches das sich auflösende Nazi-Regime hinterlassen hat. In mehr als einer Stadt (beginnend mit Aachen) haben wir offene oder heimliche Nazis im Amt belassen und haben den Rat aufrichtiger Anti-Nazis abgelehnt und außer Acht gelassen, Männer und Frauen, die ihr Leben riskiert haben, als sie für eine Sache kämpften, für die auch wir zu kämpfen einstehen. Die Folgen sind, dass wir in Gefahr geraten, das Vertrauen all derer zu verlieren, die, buchstäblich, auf uns gewartete haben, die in uns die einzige Macht sehen, die stark genug ist, sie vom Joch des Nazismus zu befreien. Gleichzeitig schöpfen Nazis und reaktionäre Elemente, die durch unseren Sieg davongejagt wurden und die nicht zu atmen wagten, als wir anfangs in Deutschland einrückten, wieder Hoffnung und füllen die Luft mit absichtlich gestreuten Gerüchten und beginnen in die Verwaltungsposten zurückzuschleichen oder bringen wenigstens ihre Strohmänner dort unter. Es scheint, dass die Briten in vielerlei Hinsicht die bessere Arbeit  leisten, und gewiss haben die  Russen - - was sonst sie auch anstellen mögen - - eine politische Leitlinie für Deutschland. Etwas, von dem wir anscheinend nichts verstehen, und in jeder Hinsicht haben die Russen in politischen Angelegenheiten die Richtung vorgegeben und uns gezwungen, mit ein wenig lachhafter Verspätung nachzuziehen.

  Alles in allem, von dem Zeitungsausschnitt, den Jeanette [?] mir geschickt hat, scheinen aus der russischen Zone die üblichen einseitigen Berichte zu kommen. Da die Zensur auch auf Nachrichten aus ihrem Gebiet Anwendung findet, erfährt die Öffentlichkeit alle möglichen wüsten Geschichten über Vergewaltigungen, Viehdiebstahl usw. Also, wenn solche Geschichten über die Russen erscheinen dürfen, sollte eine unparteiische Zensur auch ähnliche Geschichten aus unserem Gebiet freigeben. Und ich kann dir versichern, davon gibt es eine Menge: Mit Abscheu habe ich gesehen, wie unsere Soldaten Zivilisten ausraubten, die nicht gerade 'Feinde' waren, sondern solche, die, in Köln, mit Blumen und weißen Fahnen uns als ihre Befreier begrüßten. Ich habe gesehen, wie die wenige Habe, die der Bombenterror verschont hatte, mutwillig von unseren Soldaten zerstört wurde, wenn sie nichts davontragen konnten. Ich erinnere mich an eine Straße in Köln, wo Soldaten einquartiert waren, und bevor sie weiterzogen, haben Sie in den Häusern, die sie requiriert hatten, jeden Radioapparat, den sie nicht mitschleppen konnten, aus den Fenstern geworfen. Ich habe gesehen, wie sie Zivilisten ihrer Wertsachen beraubten, Uhren, Ringe --- Mehr als einmal suchten Zivilisten bei mir um Hilfe nach, und ich konnte selbst nichts für sie tun. Nur einmal habe ich eine umgehende Reaktion erlebt: Als ein Freund und ich einen Bericht über die Handlungen einer bestimmten Division in einer deutschen Stadt schrieben und der Bericht den Generalinspekteur erreichte, der eine Untersuchung in Gang setzte. In den Tagen der Kampfhandlungen waren Bürgermeister mehrerer Landgemeinden zu mir gekommen und haben sich über die Vieh- und Geflügeldiebstähle seitens unserer Soldaten beklagt, die mit Sicherheit die am besten Ernährten auf der ganzen Welt sind. Sogar jetzt, in Friedenszeit, ist nicht alles, wie es sein sollte - - nehmen wir z. B. Fahrräder, eines der wichtigsten Verkehrsmittel augenblicklich in Deutschland, wo es kein Benzin gibt, wo Züge ein Albtraum sind und sogar Pferde rar werden. Gerade vor zwei Wochen wurde einer unserer Informantinnen, die unglücklicherweise vergessen hatte, ihr Fahrrad anzuschließen, dieses von zwei GI's[5] gestohlen, und es war nicht nur unmöglich, sie zu verfolgen, es war zudem unmöglich, Militärpolizisten oder für die öffentliche Sicherheit zuständige Kräfte zu bewegen, in dem Fall etwas zu unternehmen. Und Vergewaltigungen - - die Russen schlagen vielleicht mehr zu als wir, aber seitdem wir Marburg einnahmen (28. März), gab es bis dato nahezu hundert Fälle[6] allein in dieser Stadt, sowohl durch Soldaten wie auch durch 'Displaced Persons'[7] --- beides unsere Schuld, weil wir nichts tun oder längere Zeit nichts getan haben, um die DP's  in Schach zu halten …. Ich will nicht verurteilen oder allzu kritisch klingen: Krieg ist die total erniedrigende, verwerflichste aller menschlichen Handlungen, und der Frontsoldat ist eine Person von eigenem Zuschnitt, dessen Psychose nicht verglichen werden kann mit beliebig anderen ....

  Eigentlich hatte ich vor, Dir mehr über die Anti-Nazi-Bewegung zu erzählen, die ich in Leipzig entdeckte.....

  Auf einer Dienstfahrt kam ich nach Leipzig, einen Tag, nachdem die Stadt von unseren Truppen erobert worden war.[8] Die Stadt bot das übliche Bild der Zerstörung, doch sah es nicht halb so schlimm aus wie in Städten wie Aachen oder Köln. Fast zufällig stieß ich auf das 'Nationalkomitee Freies Deutschland'[9]: Ein Deutscher kam auf meinen Wagen zu, als ich wenden wollte, um meine Hilfe zu erbitten, weil ein paar 'befreite' Italiener in ihren Baracken verrückt spielten und Fahrräder und Motorräder entwendeten, darunter sein eigenes. Der Mann war besonders erbost, weil er gerade vor 4 Tagen selber aus einem Nazi-Gefängnis befreit worden war - - ein politischer Gefangener, der zusammen mit vielen anderen im Fall von Dr. ... verurteilt worden war.

  Zwei Tage später nahm ich Verbindung zu einem der Anführer der Gruppe auf und war in der Lage, ihr Vertrauen zu gewinnen, so dass ich am Ende ihre Zentrale aufsuchen und sogar einigen spontanen Versammlungen beiwohnen konnte. Das Nationalkomitee Freies Deutschland bestand in Leipzig wohl seit nahezu 2 Jahren. Es hatte sich gebildet im Anschluss an Nachrichten aus dem Seydlitz-Komitee[10], das sich in Russland formiert hatte,  und gründete seine politische Linie auf heimlich abgehörten Radiosendungen sowohl aus Moskau wie auch aus London. Die Mitglieder des Komitees kamen aus allen Bereichen des Volkes, obgleich Arbeiter und Fachleute (Intellektuelle) vorherrschten. Sie waren seit zwei Jahren tätig - -  verteilten Anti-Nazi-Flugblätter, betrieben Sabotage, versuchten auf jegliche Weise Menschen gegen die Nazis aufzubringen. Erst zwei Monate vor unserer Einnahme Leipzigs war die Gestapo in der Lage gewesen, eine beträchtliche Zahl ihrer Anführer einzusperren, verurteilte sie wegen Hochverrats, und 11 wurden hingerichtet; einer entkam.[11]

  Ich sprach mit ihm, ein freundlicher, kluger Zahnarzt[12], der viele Jahre im Zuchthaus verbracht hatte und dem es gelungen war, am Tage seiner geplanten Hinrichtung aus dem Gefängnis zu entkommen, 11 Tage vor unserer Ankunft. Es ist einfach an dieser Stelle unmöglich, dir über die vielen Aktionen zu berichten, die diese Männer und Frauen durchgeführt haben. Ich kann nur betonen, dass dieses Treffen eine großartige Erfahrung war, denn es waren Menschen mit einem klaren Ziel, Leute, die wussten, was sie wollten, die wussten, wer ihr Feind war, die wussten, wie man ihn bekämpft und was die Zukunft bringen sollte.

  Am Tag vor unserer Einnahme Leipzigs verteilten sie Flugblätter oder klebten diese an die Wände, forderten die Truppen auf, keinen Widerstand zu leisten, und die Bürger, die weiße Fahne zu hissen.

Tags zuvor verbreiteten sie in mehreren hundert Exemplaren Kopien eines offenen Briefes an den Bürgermeister der Stadt und den Kampfkommandanten[13] (beide Briefe auch geradewegs 'zugestellt' auf den Schreibtisch dieser beiden Männer!) mit der Forderung, Leipzig zur offenen Stadt zu erklären und unseren vorrückenden Truppen keinen Widerstand zu leisten. Sie folgten Anweisungen, verbreitet vom Londoner Rundfunk, während die Kämpfe noch im Gange waren, sie übernahmen die Kontrolle von Fabriken und Lebensmitteldepots, versuchten diese vor Sabotage und Plünderung zu schützen. Vom Augenblick der Eroberung Leipzigs an, brachten sie Anweisungen und Appelle an die einheimische Bevölkerung heraus, forderten sie auf, mit den amerikanischen Besatzungsbehörden zusammenzuarbeiten, baten die Bevölkerung, nicht zu plündern und die Disziplin zu wahren, usw. Sie kamen unverzüglich zu unseren Autoritäten mit vorbereiteten Listen der Nazis der Stadt und waren auf vielerlei Weise nützlich. Sie gründeten lokale Gruppen und versuchten, die Bevölkerung auf einer bewusst antifaschistischen Grundlage zu organisieren, und versuchten, eine größtmögliche Anzahl für die Kooperation mit der Besatzungsmacht zu gewinnen.

  Was war das Ergebnis?

  Ein eindeutiger politischer Standpunkt, selbst einer, der so ersichtlich zu unserem Nutzen war und sich allemal zu unseren Gunsten auswirkte, war für die Herren der Militärregierung in Leipzig nicht hinnehmbar. Es war ziemlich lästig, wenn Leute in deinem Büro vorbeikamen, die wirklich Ahnung hatten, wovon sie sprachen, was sie wollten, obendrein noch Leute, die ständig kamen, um dich vor Menschen zu warnen, die solch einen günstigen Eindruck auf dich gemacht hatten. Nebenbei, diese Männer, die ihr Leben riskiert hatten, indem sie auch für unser Anliegen arbeiteten, waren 'offensichtlich' nicht viel mehr als ein Haufen 'verdammter Roter' --- obwohl sie faktisch Männer und Frauen aus all jenen Parteien umfassten, die dem Hitlerismus entgegentraten, von den Kommunisten bis zum Zentrum; aber für unsere Militärregierungsoffiziere war das alles dasselbe. Das Nationalkomitee war für sie nichts als ein Ärgernis. Seine 'Radikalität' wurde von den verantwortlichen Offizieren gehasst, und ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, wie ein Major zu einem anderen bemerkte: 'Wenn es nach mir ginge, würde ich jeden einzelnen von diesen … verdammten Dreckskerlen erschießen'. Ein Hauptmann sagte zu dem Zahnarzt, der knapp seiner Hinrichtung entkommen war: 'Schade, dass sich Leipzig nicht länger verteidigt hat, sonst hätten wir die Stadt dem Erdboden gleichgemacht und Sie zusammen mit dem Rest der Nazis getötet'. ----

  Na ja, das Nationalkomitee Freies Deutschland, angeführt von einer Gruppe der mutigsten Männer und Frauen, denen ich bislang begegnet bin, hatte eine kurzlebige 'legale' Existenz unter amerikanischer Herrschaft. Indem man sich hinter einem Gesetz versteckte, das jegliche politische Aktivität untersagte und welches sie davon abhalten konnte, öffentliche Versammlungen durchzuführen oder öffentlich Mitglieder zu werben, sie aber insgeheim arbeiten ließ und sie sicherlich benutzt haben könnte, verkündete die Militärregierung öffentlich ein Verbot des Komitees und ordnete an, jede einzelne der Proklamationen, die sie angeklebt hatten, abzureißen, und drohten sogar dem Zahnarzt mit Verhaftung, falls in der gesamten großen Stadt Leipzig ein Militärregierungsoffizier irgendwo ein Plakat fände, das übersehen worden war.

  Da ich ohnehin über das Komitee Recherchen anstellte, konnte ich ihnen eine letzte Versammlung einräumen, auf der sie sich formell auflösten in der Hoffnung, sich zu irgendeinem späteren Zeitpunkt rekonstituieren zu können. Jedenfalls bestanden sie auf diese Versammlung, das größte programmatische Treffen, das sie bis dato abgehalten hatten, um einen breit gefassten Leitgedanken für künftiges Handeln und für den Wiederaufbau Deutschlands entlang politischer Richtlinien festzuschreiben.

  Haben sie sich tatsächlich aufgelöst? Ich erinnere mich eines der Männer, der besonderes Vertrauen in mich setzte und der am Ende zu mir sagte: 'Wir haben so lange in der Illegalität gelebt und gearbeitet, - - wir können das noch ein wenig länger tun. Ich schätze, wir waren einfach Narren, aber seit 12 Jahren haben wir auf diesen Moment gewartet, und unsere Begeisterung hat uns einfach übermannt.'

  Du bist vielleicht an dem 12-Punkte-Programm interessiert, das sie auf dieser Versammlung verabschiedet haben (eine der interessantesten, die ich erlebt habe), hier folgt es:

 

28. April 1945

  

Politische Plattform des Nationalkomitees Freies Deutschland


  1. Für ein freies, wahrhaft demokratisches Deutschland.
  2. Kampf gegen Nationalsozialismus und Militarismus.
  3. Vernichtung und Entfernung aller offenen und heimlichen Nazis aus allen Schlüsselpositionen und Bestrafung aller Kriegsverbrecher.
  4. Bestrafung all derjenigen, die schuldig sind für die Verbrechen, begangen durch die Justizangehörigen, die Polizei, die SS und die Gestapo in den Konzentrationslagern, Strafanstalten und anderen Einrichtungen.
  5. Für die Sicherung des Friedens und für die Zusammenarbeit mit allen Nationen.
  6. Für friedlichen Wiederaufbau und Wiederaufnahme der Produktion der Friedenszeit.
  7. Intensive Zusammenarbeit bei der Wiedergutmachung von Kriegsschäden. Kampf gegen jede Form von Sabotage.
  8. Für die Sicherstellung der Ernährung und der Versorgung der Bevölkerung.
  9. Für die Wahl von Betriebsräten und die Bildung freier Gewerkschaften.
  10. Für die freie Betätigung aller religiösen und ideologischen Vereinigungen im Rahmen dieses Programms.
  11. Für die Gleichheit aller Rassen.
  12. Für Wiedergutmachung von Schäden und Verlusten, die Juden und anderen Opfern politischer Verfolgung zugefügt wurden. Hilfe für alle Opfer des Nazi-Terrors; Fürsorge für die Kriegsopfer.

 

Das Programm wurde gründlich und mit Sachverstand diskutiert, auch wurde während der Versammlung über die früheren Aktivitäten berichtet, um die Delegierten neu aufgenommener Gruppen zu informieren.

Da ich gerade dabei bin, möchte ich auch noch den Brief vortragen, den sie mir für die amerikanischen Gewerkschaften mitgegeben haben.

 

Das Nationalkomitee Freies Deutschland an die Gewerkschaften der Vereinigten Staaten von Amerika 

Nach 12 Jahren der Nazi-Barbarei erhebt sich wieder die Stimme der Arbeiter Deutschlands, um die amerikanischen Gewerkschaften zu grüßen. Damit grüßen wir die Vertreter einer großen und freien Nation, die den Ozean überquert hat, um ihren deutschen Brüdern die Freiheit zu bringen und allen Nationen den Frieden.

  In einem Bündnis mit allen werktätigen Antifaschisten, die, trotz unermesslicher Opfer für Leben und Freiheit, nie erlahmten, den Faschismus zu bekämpfen, nutzt der entschiedenste Teil der deutschen Arbeiterschaft nunmehr die Stunde seiner Befreiung, um erneut seine Solidarität mit den Arbeitern aller Länder zu bekräftigen.

  Immer fortgesetzte Wellen der Verfolgung, immer wiederholte Bluturteile haben uns unserer besten Kräfte beraubt, haben von Jahr zu Jahr unsere Reihen dezimiert und nahezu die letzten Überbleibsel der einst so stolzen deutschen Organisationen zerstört. Einzig eine unerschütterliche Überzeugung von der Rechtmäßigkeit unseres Kampfes und der feste Glaube an die internationale Solidarität haben uns das letzte bisschen Kraft mobilisieren lassen, um immer wieder den Kampf aufzunehmen gegen den schrecklichsten Ausfluss dieses Landes: Nazismus und Militarismus. Wir waren nicht mehr stark genug, uns selbst zu befreien.

  Die siegreiche amerikanische Armee, zusammen mit ihren großen Verbündeten, der Sowjetunion und Großbritannien, haben die Befreiung Deutschlands vom faschistischen Joch erreicht.

  Nachdem 10 Jahre lang nichts vom Kampf zu hören war, haben sich die Arbeiter Leipzigs, in deren Namen wir vor allen anderen sprechen, 1943 zusammengefunden, um das Nationalkomitee Freies Deutschland zu bilden mit dem Ziel, den Kampf für Frieden, Freiheit und Brot aufzunehmen, wie ihre Genossen in Russland, ohne Ansehen von Parteizugehörigkeit oder religiösem Glauben oder Rasse oder Nationalität. Unser Ziel ist die Errichtung eines freien, wahrhaft demokratischen Deutschlands, die Zerschlagung von Faschismus und Militarismus und die Bestrafung aller Kriegsverbrecher. Wir begrüßen mit Freude die amerikanischen Soldaten als unsere Befreier und hoffen auf ihre fortgesetzte Unterstützung in unserem Kampf.

  In unseren Reihen sind  Abertausend Opfer der faschistischen 'Justiz' und der Gestapo, die in Konzentrationslagern und Gefängnissen für die Rechte aller Menschen gelitten haben. Wir hoffen deshalb, eure Unterstützung von euch zu erhalten beim Wiederaufbau unserer Gewerkschaften und aller unserer Organisationen, die uns in die Lage versetzen werden, ein Deutschland aufzubauen, das wieder fähig sein wird, seinen Platz unter den großen, freien Nationen einzunehmen. Wir erwarten und nehmen dankbar vor allem jedwede Unterstützung entgegen für unseren fortgesetzten Kampf gegen Nazismus und Militarismus, bis deren grundlegenden Ursachen zerstört worden sind.

  Wir sind überzeugt, dass es uns gelingt, unsere Vertreter auf den nächsten internationalen Kongress zu schicken, damit wir vor den Völkern der ganzen Welt einen Bericht über unseren 12 Jahre währenden Kampf geben können.

  Die amerikanischen Gewerkschaften sind die ersten, zu denen wir sprechen können. Wir wiederholen daher unsere brüderlichen Grüße und bitten euch, diese den Gewerkschaften in aller Welt zu übermitteln.

  Für Frieden, Freiheit und Brot!

Nationalkomitee Freies Deutschland

Bezirk Leipzig

  Leipzig, 20. April 1945

  18 Unterschriften unter diesem Brief, der einstimmig auf dem Treffen vom 28. April angenommen wurde.[14]


  Na dann, es wird schon sehr spät -- aber dieses sind die Erwartungen der Männer und Frauen, die wir von oben herab auf unsäglichste Weise behandelt haben  …. Es ist wenig rühmlich, dass wir, die sie zu uns als Repräsentanten der Demokratie mit unverstellter Ehrfurcht aufschauten, sie so schwer enttäuschen mussten.“[15]

Wenig später gehörte zu den Enttäuschten auch jene Vorhut der amerikanischen Demokratie auf dem europäischen Kriegsschauplatz, die als Propagandisten, Verhörexperten und „Umerzieher“ den Kampf der US-Truppen gegen den Nazismus von der Küste der Normandie bis tief nach Deutschland hinein mitgetragen hat und gelegentlich schon das öffentliche Leben in den befreiten Landstrichen in demokratische Bahnen lenken half. Mit der Installierung des stalinistischen Systems in den von der Sowjetarmee eroberten Ländern Ost- und Mitteleuropas nahm bald jedoch der „kalte Krieg“ Fahrt auf, und das offizielle Amerika misstraute fortan seinen einstigen Spezialisten für psychologische Kriegsführung. Viele von diesen waren als rassisch und/oder politisch Verfolgte aus Deutschland, Österreich und dem östlichen Mitteleuropa in die Vereinigten Staaten gekommen und US-Bürger geworden. Ihre Beherrschung der deutschen Sprache, ihre Kenntnis der kulturellen Verhältnisse und der gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten in Mitteleuropa, ggf. auch ihre Kontakte in die ehemaligen Feindstaaten prädestinierte sie für ihre spätere Mission im Krieg, machte sie nach Beendigung der Kampfhandlungen aber verdächtig, zugänglich für kommunistische Ideen und bolschewistische Ziele zu sein, und ließ sie mit ihren europäischen Wurzeln, ihrem europäisch geprägten Werteverständnis und ihrer explizit antifaschistischen Gesinnung als nicht mehr zuverlässig und geeignet erscheinen, interessengelenkte amerikanische Vorstellungen von zeitgemäßer Politik und Gesellschaft in den vom US-Militär administrierten Gebieten zu vermitteln.[16]

 Die in Marburg seit Kriegsende eingesetzten „Reeducators“ erhielten mit Datum vom 29. Januar 1946 einen Fragenkatalog folgenden Wortlauts von ihrer vorgesetzten Dienststelle zugestellt: 

„Die Nachrichtenkontrollabteilung, OMGUS [Office of Military Government United States],wünscht Hintergrundinformation zu allen Mitarbeitern des Dienstes, um sich in die Lage zu versetzen, besser und präziser Material politischer Natur auszuwerten, das an die Geschäftsstelle Nachrichtenkontrolle von den im Einsatzgebiet operierenden Einheiten weitergeleitet wird.

Um dem zuvor genannten Ersuchen nachzukommen, wird gebeten, dass Sie bis 5. Februar 1946

eine kurze Selbstbiographie einreichen, die auf folgende Punkte eingehen sollte:

a.         Ihre politischen Verbindungen in den Vereinigten Staaten (sofern gegeben).

b.         Allgemeine politische Ansichten (Rechts, Links, Kommunistisch, Demokratisch, Republikanisch, usw.).

c.         Ihr Hintergrund mit Bezug zu Deutschland.

d.         Ihre gegenwärtige Beziehung zu Deutschen und Deutschland (Wie viel Zugang zu deutschen Haushalten und Individuen, Kontakte in welche Kreise, usw.).

e.         Religionsbekenntnis (sofern gegeben).

f.          Alter, ökonomischer Status in den Vereinigten Staaten, übliche Gesellschaftsschicht, in der Sie zu Hause verkehren, Ihnen in Deutschland vertraute Gesellschaftsschicht.

Jegliche diese Thematik betreffende Korrespondenz wird als vertraulich klassifiziert.“[17]

 

Samson Knoll, seit Jahresbeginn nur noch ziviler Mitarbeiter der OMGUS-Behörde, war sich der Brisanz der Anfrage bewusst, die im Kern einer Loyalitätsüberprüfung gleichkam und bei Zweifeln seitens der vorgesetzten Dienststelle eine Abberufung nach sich gezogen hätte. Seine Antwort fiel, mit Hinweis auf das Vorbild des ermordeten Präsidenten Abraham Lincoln, einer Ikone der amerikanischen Demokratie („Gettysburg Address“ von 1863: „... that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.“), abgewogen zurückhaltend aus:

„Mit Bezug auf Ihr Ersuchen vom 29. Januar 1946 legt der Unterzeichnete die nachstehende  Hintergrundinformation zu seiner Person vor:

a.         Politische Verbindungen in den Vereinigten Staaten: keine.

b.         Allgemeine politische Ansichten: Die Ideale, wie sie in der Person Abraham Lincolns verkörpert und in seinen Reden verbreitet sind.

c.         Hintergrund mit Bezug zu Deutschland: Geboren in Polen als österreichischer Staatsbürger.  Lebte 20 Jahre lang in Deutschland, Gymnasium und Universitätsstudium in Berlin.

           Verließ Deutschland mit 21 Jahren im Juli 1933.

d.         Gegenwärtige Beziehung zu Deutschen und Deutschland: Zugang zu jedem deutschen Haushalt meiner Wahl. Gute Kontakte zu Einzelpersonen aller Kreise, besonders zu überzeugten Nazi-Gegnern.

e.         Keine Bekenntnis zu irgendeinem Glauben.

f.         34 Jahre alt. College-Lehrer in den Vereinigten Staaten. Die Kernbedeutung des Wortes 'Demokratie' schließt nach meiner Überzeugung immer

            solche Vorstellungen aus wie 'in üblicher Gesellschaftsschicht verkehren'.   

            Ich habe deshalb mich bemüht, Umgang mit ehrenwerten Personen zu pflegen ohne Rücksicht auf 'Gesellschaftsschicht', Rasse, Glauben, Farbe oder Nationalität.

            Die 20 Jahre in Deutschland, jene Jahre zumindest, die ich für mein eigenständiges Denken reklamieren kann, habe ich in gleicher Weise gelebt.“[18]



[1]    Ausführliche biographische Angaben findet man im schriftlichen Nachlass Samson B. Knolls,  UniA MR 312/3/37 Nr. 176. Zur Marburger Tätigkeit Knolls vgl. auch Walter Bernsdorff / MartinVialon: Vom Um-Erzieher zum Freund. Interview mit Samson B. Knoll - Offizier der amerikanischen Militärregierung in Marburg. In: Aufbruch zwischen Mangel und Verweigerung. Marburg in den Nachkriegsjahren 2, hrsg. v. Benno Hafeneger und Wolfram Schäfer. Marburg 2000 (Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur; 68), 21-44. - Ich danke Carsten Lind vom Marburger Universitätsarchiv und Christopher Moss für hilfreiche Zusammenarbeit.

[2]    Eines  der ungezählten jüdischen Opfer des NS-Regimes, der damals 18-jährige Walter Krämer aus Niederklein bei Marburg, suchte im September 1945 Samson Knoll in dessen Marburger Dienststelle auf, um vom Leben und Sterben in den Konzentrationslagern Bericht zu geben. Samson Knoll hat Krämers erschütterndes Zeugnis zugänglich gemacht; es ist enthalten unter dem Titel „A Memoir of Life in Concentration Camps“ in dem von Henry Cord Meyer herausgegebenen Sammelband: Germany from Empire to Ruin, 1913-1945. London and Basingstoke 1973, 284-299.

[3]    Nachlass Samson B. Knoll,  UniA MR 312/3/37 Nr. 56. Deutsche Fassung:  Norbert Nail.

[4]    Potsdamer Konferenz: Auf Schloss Cecilienhof in Potsdam verhandelten vom 17. Juli bis 2. August 1945 die drei Hauptalliierten des 2. Weltkriegs, die USA, die Sowjetunion und Großbritannien, über die geografische, politische, und wirtschaftliche Neuordnung Deutschlands, seine Entmilitarisierung, über Reparationen und die Behandlung deutscher Kriegsverbrecher. Die Ergebnisse der Konferenz fanden ihren Niederschlag im Potsdamer Abkommen.

[5]    GI, G.I. 'Government Issue' oder 'General Issue', Bezeichnung für den amerikanischen Soldaten, vergleichbar deutsch Landser.

[6]    Im Knoll-Nachlass, UniA MR 312/3/37 Nr. 56, findet sich ein Papier von deutscher Hand, das mit „Stand vom 9. August 1945“ 126 Vergewaltigungen registriert, davon durch „Amerikaner 48, Neger 37, Mischlinge 4, Russen 20, Polen 5, Serben 1,  Franzosen 2, Italiener 2, andere 7“; registriert sind für den nämlichen Zeitraum 55 Schwangerschaftsunterbrechungen. Diese warfen ethische, medizinische und juristische Fragen auf. In zwei Schreiben vom 22. und 23. April 1945 beantwortete der amerikanische Rechtsoffizier der Militärregierung eine entsprechende Anfrage des Direktors der Marburger Universitätsfrauenklinik, Prof. Dr. Hans Naujoks (1892-1959), dergestalt, dass Fragen einer Schwangerschaftsunterbrechung allein deutscher Bewertung und Jurisdiktion unterlägen. Am 15. Mai 1945 fand unter Vorsitz des Dekans der Marburger Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Ernst Kretschmer (1888-1964), eine Besprechung über die Frage der Schwangerschaftsunterbrechung in Fällen nachgewiesener Notzucht statt. Teilnehmer waren hochrangige Mediziner der Philipps-Universität und der Gesundheitsbehörden sowie Professoren der  Marburger Juristen-Fakultät. Man sprach sich dafür aus, in Fällen nachgewiesener Notzucht und nach Prüfung im jeweiligen Einzelfall gemäß den „bestehenden gesetzlichen Bestimmungen … eine medizinisch indizierte Schwangerschaftsunterbrechung“ zu erlauben.

[7]    Displaced Persons, abgekürzt DP's: Bezeichnung für die ins Deutsche Reich zur Zwangs-/ Sklavenarbeit verschleppten Personen aus Ländern und Regionen unter deutschem Besatzungsregime und auch für ehemalige KZ- oder Straflagerhäftlinge, die aus diversen Gründen in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht in ihre jeweilige Heimat zurückkehren konnten oder wollten.

[8]    19. April 1945; letzte Widerstandsnester in Leipzig waren am 20. April niedergekämpft.

[9]    Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD): Von der Sowjetunion initiierter und von kommunistischen Emigranten im Juli 1943 in Moskau auf den Weg gebrachter Zusammenschluss von Hitler-Gegnern, dem sich in russischer Kriegsgefangenschaft befindliche deutsche Offiziere und Soldaten anschlossen.

[10]  Seydlitz-Komitee: Walther Kurt von Seydlitz-Kurzbach (1888-1976), General der Artillerie, der mit den Überresten der geschlagenen 6. Armee in Stalingrad  in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten war, gab dem Komitee seinen Namen. Zusammen mit anderen kriegsgefangenen Generälen und Offizieren gründete er im September 1943 den Bund Deutscher Offiziere mit dem Ziel der Beseitigung des Hitler-Regimes und der Beendigung des Krieges. Der Bund schloss sich als formal eigenständige Organisation dem Nationalkomitee Freies Deutschland an.

[11]  Mit dem Leipziger Ableger des NKFD trafen die amerikanischen Truppen auf eine gut organisierte, im Kampf gegen das NS-Regime erprobte Widerstandsbewegung, die selbstbewusst und an restriktiven Maßnahmen der Besatzungsmacht vorbei die Bevölkerung zu Kundgebungen und Versammlungen aufrief und dezidierte Vorstellungen von einer antifaschistisch-demokratischen Nachkriegsordnung auf lokaler Ebene umzusetzen suchte. Das NKFD sprach sich für eine weitgehende Zusammenarbeit mit den amerikanischen Militärbehörden aus, geriet mit seinen Verlautbarungen und Aktionen, die in der Regel ohne Rücksprache und gegen Vorstellungen einer mit den Problemen der zusammengebrochenen Ordnung überforderten Militärbürokratie inszeniert waren, auf Konfrontationskurs mit den Amerikanern. Diese werteten die Aktivitäten des NKFD als (kommunistisch inspirierte) Versuche, die Autorität der Besatzungsmacht zu untergraben, und gingen auf Distanz; sie besetzten beispielsweise wichtige Posten in der Stadtverwaltung, einschließlich des Oberbürgermeisterpostens, mit „bürgerlichen“ Elementen und schränkten mit Verboten alle „gestalterischen“ Aktivitäten des NKFD ein. Zu dem Dauerkonflikt zwischen den Leipziger Besatzungsbehörden und dem Nationalkomitee vgl. - speziell aus amerikanischer Perspektive - das Kapitel „Die amerikanische Militärverwaltung und das Nationalkomitee Freies Deutschland“ in Klaus-Dietmar Henke: Die amerikanische Besetzung Deutschlands. München 1995 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte; 27), 701-714, sowie den Abschnitt „Das Nationalkomitee Freies Deutschland in Leipzig und seine Auflösung“ in Walter L. Dorn: Inspektionsreisen in der US-Zone. Notizen, Denkschriften und Erinnerungen aus dem Nachlaß übersetzt und herausgegeben von Lutz Niethammer. Stuttgart 1973 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 26), 34-39.

[12]  Dr. Hermann Ley (1911-1990), 1945 Sekretär des Leipziger NKFD, 1947 Redakteur der „Leipziger Zeitung“, zuletzt Professor und Inhaber des  Lehrstuhls „Philosophische Probleme der modernen Naturwissenschaften“ an der Berliner Humboldt-Universität. Im Nachlass Samson Knolls, UniA MR 312/3/37 Nr. 38, sind Briefe Hermann Leys an Samson Knoll aus dem Jahre 1947 erhalten, die auf einen regen Gedankenaustausch der beiden Männern schließen lassen. Darüber hinaus hatte Knoll im Austausch für Zeitungen und Zeitschriften aus der sowjetisch besetzten Zone Lebensmittelpakete nach Leipzig geschickt und zu DDR-Zeiten die monumentale „Geschichte der Aufklärung und des Atheismus“ (Berlin 1966-1989) Hermann Leys zur Fortsetzung abonniert.

[13]  Nach Kurt Baller / Gerhild Schwendler („Zum antifaschistischen Widerstandskampf unter Führung der KPD von 1939 bis 1945 in Leipzig.“ In: Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Leipzig 1975, herausgegeben vom Museum für Geschichte der Stadt Leipzig in Zusammenarbeit mit der Sektion Geschichte der Karl-Marx-Universität Leipzig und dem Stadtarchiv Leipzig, 69-103, hier: 96) gelangte besagter Brief auf den Schreibtisch des LeipzigerPolizeipräsidenten.

[14]  Das Original des Briefes mit den 18 Unterschriften, darunter die des zeitweiligen (1923) SPD-Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen und von der sowjetischen Militäradministration im Juli 1945 eingesetzten Oberbürgermeisters Dr. Erich Zeigner (1886-1949), befindet sich im Nachlass Samson B. Knolls,  UniA MR 312/3/37 Nr. 81. Die gleiche Akte enthält weitere Unterlagen (Rundschreiben, Korrespondenzen, Flugblätter) zu den Aktivitäten des NKFD für den Zeitraum April 1945 sowie eine Reihe dienstlicher Einschätzungen des Komitees seitens Samson B. Knolls, die sich moralischer Wertungen enthalten.

[15]  Auch schon im befreiten Frankreich begegnete das US-Militär Personen des französischen Untergrunds und des „Freien Frankreich“ mit Vorbehalt. Der Schriftsteller Stefan Heym, der wie Samson B. Knoll als Sergeant der „Psychological Warfare Division“ den Vormarsch der Amerikaner 1944/45 in Frankreich, Luxemburg und Westdeutschland mitgemacht hatte, lässt, mit Bezug auf den französischen Widerstand, einen der Protagonisten seines „Crusaders“-Romans sagen : „Ich gebe zu, daß sie im Kriege eine Hilfe waren. Im Frieden sind sie es jedoch nicht. Nein, ich bin nicht zynisch,. Wir müssen uns aber darüber im klaren sein, was wir wollen. Wollen Sie Chaos, Anarchie, Bolschewismus? Wollen Sie mir allen Ernstes erzählen, daß das amerikanische Volk seine Armee nach Übersee geworfen hat, um den Kommunismus in Europa aufzurichten?“ Vgl. Stefan Heym: Kreuzfahrer Von Heute (The Crusaders) – Roman unserer Zeit. 21. Aufl. Leipzig 1969, 433.

[16]  Zu den Konflikten zwischen der in Kommunisten-Furcht befangenen US-Administration und den im besetzten Nachkriegsdeutschland tätigen amerikanischen „Umerziehern“ vgl. zum Beispiel Jessica C. E. Gienow-Hecht: „Friends, Foes, or Reeducators? Feindbilder and Anti-Communism in the U.S. Military Government in Germany, 1946-1953.“ In: Enemy Images in American History. Edited by Ragnhild Fiebig-von Hase and Ursula Lehmkuhl. Providence / Oxford 1997, 281-300.

[17]  Nachlass Samson B. Knoll, UniA MR 312/3/37 Nr. 39. Deutsche Fassung: Norbert Nail.

[18]  Nachlass Samson B. Knoll, UniA MR 312/3/37 Nr. 39. Deutsche Fassung: Norbert Nail.


© Dr. Norbert Nail (Mai 2016)



Zuletzt aktualisiert: 28.06.2016 · Dr. Carsten Lind, Universitätsarchiv, 06421-9250176

 
 
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