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Archiv der Philipps-Universität Marburg

Das Universitätsarchiv verwahrt das in der laufenden Verwaltung der Universität nicht mehr benötigte Schriftgut, erschließt es und macht es für die Forschung, aber auch für die Universität selbst nutzbar. Zur Zeit umfasst das Universitätsarchiv knapp 500 Urkunden und mehr als 2000 lfd. Regalmeter Amtsbücher und Akten aus der Zeit vom 13. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart.

Seit 1890 sind die Bestände als Depositum im Hessischen Staatsarchiv Marburg untergebracht. Am 1. März 2006 hat die Universität mit der Einstellung einer Archivarin die Einrichtung selbst übernommen (vgl. Nachricht vom 24. April 2006). Akten und Urkunden blieben aber im Staatsarchiv und können dort im Lesesaal eingesehen werden. Seit dem 1. Februar 2010 zählt das Archiv zu den Zentralen Einrichtungen der Universität.

 

  

Die besondere Archivalie: Unterlagen der Geschäftsstelle der Marburger Ferienkurse

 

Before the lamps went out all over Europe – Ferienkurse in Marburg am Vorabend des Ersten Weltkrieges

 

Programm 1913
Programm der Marburger Ferienkurse 1913, UniA Marburg 312/3/42 Nr. 5

Die 1896 von dem Romanisten Eduard Koschwitz ins Leben gerufenen Marburger Ferienkurse zur Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern des neusprachlichen Unterrichts erfreuten sich in den Jahren vor 1914 großer Beliebtheit bei ausländischen Studierenden. Gegenstand der Ferienkurse waren Vorlesungen und Übungen zur deutschen, englischen und französischen Sprache. Veranstaltet wurden immer zwei dreiwöchige Kurse. Einer fand im Juli und einer im August statt. Bereits 1912 zählte die Leiterin der Geschäftsstelle der Ferienkurse, Elsa von Blanckensee, mehr als 200 Teilnehmer aus 20 Nationen. Die positive Tendenz hielt bis in den Sommer des Jahres 1914 an.

Der Zufall hat dazu geführt, dass gerade aus jenen Vorkriegsjahren die Korrespondenz der Geschäftsstelle erhalten blieb und ihren Weg in das Archiv gefunden hat. Die Schriftwechsel zeigen das Bild eines friedlichen, kultivierten europäischen Kontinents und lassen ahnen, dass es im Juli 1914 bessere Optionen gegeben haben muss als den Krieg.

Anmeldung Marshall
Die Head Mistress der Kirby Secondary School in Linthorpe, Middlesbrough, bittet in ihrem Schreiben vom 18. Juli 1914 um die Mitteilung guter Unterkunftsmöglichkeiten in Marburg. Sie wollte mit ihrem Neffen am Augustkursus 1914 teilnehmen. Wie der Erledigungsvermerk vom 21. Juli 1914 zeigt, hatte sich die Geschäftsstelle des Anliegens umgehend angenommen. UniA Marburg 312/3/42 Nr. 1

Karten und Anmeldungen aus dem Ausland für den Ferienkurs im August 1914 erreichten die Geschäftsstelle noch während des ganzen Juli und wurden umgehend beantwortet. Ein deutliches Zeichen, dass viele Europäer nicht daran glauben wollten, dass die Krise, die mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers ihren Anfang genommen hatte, zu einem Weltkrieg eskalieren könnte.

Postkarte aus Schottland
Bildpostkarte aus Schottland. UniA Marburg 312/3/42 Nr. 2.
Die Absenderin bat um Zusendung des Kursprogramms für das Jahr 1912.

Ähnlich ging es wohl auch dem Schriftsteller Thomas Stearns Eliot, der im Juli 1914 nach Marburg reiste, um an dem Ferienkurs im August teilzunehmen. Trotz der „Juli-Krise“ bereiste er nach seiner Ankunft in London am 9. Juli zunächst Flandern, um dann die Stadt an der Lahn anzusteuern. Unmittelbar drohende Kriegsgefahr verspürte er dort zunächst nicht. Auch seine Gastgeber, der Superintendent Theodor Happich und dessen Familie, waren im Verlauf des Juli über den Fortgang der Ereignisse wohl nur wenig beunruhigt, wie Eliots Mitteilungen in einem Brief vom 26. Juli vermuten lassen:

„This will not be an exciting summer, but I think a pleasant one, though I hope you will not circulate any gossip about me and the Pastors daughter. […] In the evening, when we gather about the lamp, and the Herr Pfarrer takes a nap and composes his thoughts, and the ladies sew needlework, then the Frau Pfarrer says 'Ach Hannah, spiel uns ein Stuck Beethoven', and Hannah spiels for 15 minutes. Hannah also sings, and can talk a little French and English (but she hasn’t tried it on me). Then we read the paper, and discuss the Balkan Question, and the difference in climate between America and Deutschland.” Zitiert nach Valerie Eliot, Hugh Haughton (Ed.), The Letters of T.S. Eliot, Volume 1 1898-1922, New Haven & London 2011, p. 52-53.

Der Ferienkurs im August 1914 war bereits einen Tag nach seiner Eröffnung wegen des Kriegsbeginns vorzeitig zu Ende. Eliot musste seinen Aufenthalt in Marburg aber dennoch bis Mitte August fortsetzen. Erst dann wurde ihm als Ausländer die Ausreise aus Deutschland gestattet. >>> Carsten Lind

Wege nach Marburg
Karte mit den Reisewegen nach Marburg aus dem Programm für die Ferienkurse 1913. UniA Marburg 312/3/42 Nr. 5.
Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts sollte ein so ungehindertes Reisen in Europa wieder möglich sein.

Weitere Informationen finden Sie in zwei Artikeln von Dr. Norbert Nail unter http://staff-www.uni-marburg.de/~nail/ferienkurse.htm und http://staff-www.uni-marburg.de/~nail/eliot.htm.


Zuletzt aktualisiert: 01.04.2014 · Dr. Carsten Lind, Universitätsarchiv, 06421-9250176

 
 
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