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Bericht über die Exkursion nach Katar vom 16.-22. November 2024

Im November 2024 reisten wir, eine Gruppe von 19 Studierenden des Centrums für Nah- und Mitteloststudien der Philipps-Universität Marburg, begleitet von Professor Dr. Martin Beck und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Alexander Lohse, nach Katar. Ziel der Exkursion war es, die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen des Landes zwischen Tradition und Moderne kennenzulernen und durch direkte Begegnungen die Stimmen vor Ort wahrzunehmen.

Katar, das 1971 seine Unabhängigkeit erlangte, hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte von einem kleinen Wüstenstaat zu einer bedeutenden Regionalmacht entwickelt. Der Zuschlag für die Ausrichtung der FIFA-Weltmeisterschaft 2022 war ein sichtbarer Höhepunkt dieses Aufstiegs. Gleichzeitig steht das Land im Fokus internationaler Kritik, insbesondere im Hinblick auf Arbeitsrechte und soziale Fragen. Unsere Exkursion sollte uns ermöglichen, diese Ambivalenzen differenziert zu betrachten und besser einzuordnen.

1. Die ersten beiden Tage: Qatar University

Unsere Reise begann mit einem zweitägigen Aufenthalt an der Qatar University, der größten staatlichen Hochschule des Landes. Am ersten Tag nahmen wir an der 9th Annual International Multidisciplinary Conference mit dem Titel „The Gulf in the Emerging Regional (Dis)Order“ teil. Die Panels behandelten zentrale Themen wie die diplomatische Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Iran, Katars klare Ablehnung einer Wiederaufnahme Syriens in die Arabische Liga sowie die geopolitische Rolle der Golfstaaten im Verhältnis zu den USA und China. Besonders eindrücklich war Katars Haltung im Syrienkonflikt. Während viele Golfstaaten eine Normalisierung der Beziehungen mit Assad unterstützten, stellte sich Katar entschieden dagegen. Der spätere Fall des Assad-Regimes verdeutlichte, wie dynamisch und wandelbar die politische Ausrichtung der Region ist. Neben geopolitischen Fragen wurde auch Katars Einsatz von Soft Power thematisiert, insbesondere durch Investitionen in Bildung, Technologie und Sport, die das Land international profilieren.

Am zweiten Tag standen Begegnungen mit Mitarbeitenden und Studierenden der Universität im Mittelpunkt. Der Direktor des International Office stellte die weltweite Vernetzung der Hochschule vor und sprach von über 350 Partnerschaften mit Universitäten weltweit sowie mehreren vollständig finanzierten Austauschplätzen pro Jahr. Besonders gefragt sind Sprachprogramme in Arabisch. Auffällig war auch der hohe Anteil internationaler Studierender, der zwischen 30 und 40 Prozent liegt. In Gesprächen mit Studierenden erhielten wir ein facettenreiches Bild. Während katarische Studierende von hervorragenden Berufsaussichten berichteten, beschrieben internationale Kommilitoninnen und Kommilitonen die hohen Studiengebühren als große Belastung. Zudem wurde deutlich, dass die Zulassung für Nicht-Kataris schwierig ist und besonders hohe Leistungen voraussetzt. Mehrfach wurde auf die Unterschiede zwischen einheimischen und internationalen Studierenden hingewiesen, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch im Zugang zu Stipendien. Besonders auffällig war der hohe Frauenanteil von bis zu 85 Prozent, der gesellschaftlichen Wandel widerspiegelt, dessen Nachhaltigkeit jedoch kritisch reflektiert werden sollte.

Unsere Zeit an der Qatar University zeigte eindrucksvoll, wie Bildung als Motor gesellschaftlicher Entwicklung fungiert, gleichzeitig aber auch soziale Ungleichheiten sichtbar macht.

2. Zweiter Tag: International Labour Organization (ILO) Office

Am Nachmittag des zweiten Tages besuchten wir das Büro der Internationalen Arbeitsorganisation in Doha, das einzige seiner Art in der Golfregion. Dort erfuhren wir, welche Fortschritte Katar in den letzten Jahren im Bereich Arbeitsrechte erzielt hat. Besonders hervorgehoben wurden die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns sowie die Abschaffung des restriktiven Kafala-Systems. Diese Schritte haben Katar internationale Anerkennung eingebracht und machen es zu einem Vorreiter in der Region.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass die praktische Umsetzung noch nicht in allen Bereichen gelingt. Viele Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten spüren die Reformen bislang nur eingeschränkt, und manche Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber versuchen, gesetzliche Vorgaben zu umgehen. Dennoch nahmen wir den Besuch als Zeichen dafür wahr, dass Katar bereit ist, auf internationale Kritik zu reagieren und konkrete Verbesserungen einzuleiten. Besonders die Zusammenarbeit mit der ILO verdeutlichte Katars Bereitschaft, sich in diesem Bereich langfristig zu engagieren.

3. Dritter und vierter Tag: Al Jazeera

Ein besonderer Höhepunkt unserer Exkursion waren die beiden Tage bei Al Jazeera. Wir erhielten exklusive Einblicke in die Arbeit des Senders und besuchten die Studios von Al Jazeera Arabic, Al Jazeera English und AJ+. Dabei konnten wir hautnah miterleben, wie Nachrichtenredaktionen arbeiten, und sogar selbst vor der Kamera stehen.

In Gesprächen mit Journalistinnen, Journalisten und Verantwortlichen wurde uns die Bedeutung des Senders für die arabische und internationale Öffentlichkeit deutlich. Al Jazeera versteht sich als Stimme für Perspektiven, die in westlichen Medien häufig übersehen werden. Gleichzeitig wurde offen über die Frage diskutiert, wie unabhängig ein Sender sein kann, der von der katarischen Regierung finanziert wird. Die Verantwortlichen betonten den Anspruch redaktioneller Freiheit, wiesen jedoch zugleich auf die Abhängigkeiten hin, die Medien weltweit betreffen.

Besonders bewegend war die Würdigung der Journalistin Shirin Abu Akleh, die während eines Einsatzes im Westjordanland von israelischen Soldaten getötet wurde. Diese Erinnerung verdeutlichte den hohen Stellenwert, den Al Jazeera dem Engagement und der Sicherheit seiner Reporterinnen und Reporter beimisst. Auch die Vorträge über Kriegsberichterstattung beeindruckten uns. Sie zeigten die Professionalität und Sensibilität, mit der Journalistinnen und Journalisten auf gefährliche Einsätze vorbereitet werden.

Der Besuch bei Al Jazeera machte deutlich, wie stark Katar Medien als Instrument seiner Soft Power nutzt und gleichzeitig wie ernsthaft dort über journalistische Verantwortung und Glaubwürdigkeit nachgedacht wird.

5. Fünfter Tag: Msheireb-Museen

Am letzten Tag besuchten wir die Msheireb-Museen im Herzen Dohas. Diese vier Häuser widmen sich der Geschichte Katars aus unterschiedlichen Perspektiven.

Besonders eindrücklich war das Bin Jelmood House, das die Geschichte der Sklaverei in der Region thematisiert. Katar stellt sich damit einer schwierigen Vergangenheit und würdigt zugleich die Menschen, die durch ihre Arbeit die Gesellschaft geprägt haben.

Das Company House erinnerte an die Anfänge der Ölindustrie im Jahr 1939 und an die entscheidende Rolle, die sie für den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes spielte. Die Ausstellung machte deutlich, wie eng der heutige Wohlstand Katars mit den ersten Arbeitergenerationen verbunden ist, deren Einsatz bis heute im nationalen Gedächtnis verankert bleibt.

Die Msheireb-Museen zeigten uns, wie Katar seine Geschichte kritisch aufarbeitet und zugleich nach vorne blickt. Das Viertel selbst symbolisiert die Verbindung von Tradition und Moderne und machte damit anschaulich, wie sehr das Land zwischen Vergangenheit und Zukunft vermittelt.

Fazit

Die Exkursion nach Katar ermöglichte uns einen einzigartigen Blick auf ein Land, das sich im Spannungsfeld zwischen rasantem Fortschritt, internationaler Kritik und innergesellschaftlichen Herausforderungen bewegt.

Die Qatar University machte Bildung als Motor gesellschaftlicher Veränderung sichtbar, verdeutlichte aber auch bestehende soziale Unterschiede. Das Büro der Internationalen Arbeitsorganisation zeigte Fortschritte im Bereich Arbeitsrechte, wies jedoch auch auf Umsetzungsprobleme hin. Al Jazeera eröffnete uns Einblicke in die Rolle Katars als globaler Medienakteur und verdeutlichte, wie Soft Power gezielt eingesetzt wird. Die Msheireb-Museen führten uns schließlich die Auseinandersetzung Katars mit Vergangenheit und Identität eindrucksvoll vor Augen.

Für uns war die Reise nicht nur eine akademische Bereicherung, sondern auch eine persönliche Erfahrung. Sie hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, direkte Eindrücke zu sammeln und mit Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen, um ein differenziertes Bild eines Landes zu gewinnen, das in der Weltpolitik eine immer wichtigere Rolle spielt.