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No access. How the state of peacebuilding archives undermines democracy

Foto: Katrin Travouillon

Die Vereinten Nationen haben in einer Vielzahl von Peacebuilding-Missionen seit den 1990er Jahren eine führende Rolle beim Aufbau demokratischer staatlicher Institutionen und eines stabilen Friedens übernommen. Die Archive, die die UN-geführten State- und Nationbuilding-Prozesse dokumentieren, sind jedoch oft nur schwer oder gar nicht zugänglich, unzureichend gelagert, unvollständig oder bereits vollständig verloren. Die vorhandenen Sammlungen werden überwiegend außerhalb der Länder gelagert, deren Geschichte sie dokumentieren: Die umfangreichsten Sammlungen befinden sich derzeit im Besitz von Universitätsbibliotheken in den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Australien. Andere Aufzeichnungen liegen in Lagerhäusern in New York City und warten noch darauf, von den Vereinten Nationen bearbeitet und katalogisiert zu werden. Besser kuratierte Archive sind oft das Ergebnis der privaten Initiative einzelner ehemaliger UN-Mitarbeiter, die in den jeweiligen Missionen dienten. Sie haben sorgfältig Materialien gesammelt, ihren Besitz an Bibliotheken verschenkt oder in privaten Sammlungen aufbewahrt - oft in einer rechtlichen Grauzone. Sie fungieren nach wie vor als alleinige Gatekeeper von wichtigen Dokumenten, die Einblicke in die Entscheidungsprozesse und Ereignisse vor Ort während Missionen geben. Ihre Entscheidung, wer Zugang zu diesen Dokumenten erhält und wer nicht, basiert oft auf ihrer informellen Einschätzung der Absichten von Wissenschaftlern - insbesondere darauf, wie die Wissenschaftler:innen die Ereignisse (und damit die Rolle des Sammlers bei der Intervention) wahrscheinlich darstellen werden.

Vorläufige Interviews und informelle Gespräche der Projektmitarbeiter mit Archivexperten und ehemaligen Mitgliedern der Missionen ergaben, dass bereits während der Missionen wenig Aufmerksamkeit für die ordnungsgemäße Dokumentation der UN-Aktivitäten existierte. Ehemalige UN-Beamte schilderten ihre Frustration über den Mangel an Richtlinien. Einige berichteten, dass sie vergeblich versucht haben, bei den UN ein Bewusstsein für die Dringlichkeit dieses Problems zu schaffen  und ein Bewusstsein für die Tatsache zu schärfen, dass die UN keine kohärente  Strategie zu haben scheint, um wichtige Dokumente zu archivieren und die öffentliche Zugänglichkeit nach dem Ende von Missionen sicherzustellen. Wissenschaftler, Studenten und politische Entscheidungsträger in den betroffenen Ländern äußern häufig ihre Frustration über die Tatsache, dass sie keinen Zugang zu diesen Unterlagen haben. Ohne Finanzierungsmöglichkeiten verbleibt die Deutungshoheit über die Geschichte ihrer Länder und der UN-Missionen meist bei westlichen Wissenschaftlern, die überwiegend besser finanziert, weniger von Visabeschränkungen betroffen und daher viel mobiler sind.

Die Legitimität externer staats- und friedensfördernder Missionen beruht auf ihrem Anspruch der Demokratisierung und den Aufbau neuer, rechenschaftspflichtiger Institutionen.

Das Kooperationsprojekt will zeigen, wie Ad-hoc-Ansätze der Datensammlung, -speicherung und -zugänglichkeit vor, während und nach UN-Interventionen, die Nachhaltigkeit des Aufbaus demokratischer Institutionen behindert, epistemische Ungleichheiten verschärft und damit die Grundprinzipien der Interventionen effektiv untergraben haben.

Während zweier Forschungsaufenthalte (einer an der Philipps-Universität Marburg und einer an der Australian National University in Canberra) werden die Projektleiter:innen Archivare und wissenschaftliche Expert:innen mit unterschiedlichem Forschungshintergrund zusammenbringen. Ziel ist es, das Ausmaß der Problematik zu verstehen und die für die Entwicklung effektiver Strategien notwendigen Daten zu sammeln, um den problematischen Zugang zu Archiven zu einem expliziten Bestandteil der Diskussion über diese politischen Reformprojekte zu machen.

Aufbauend auf wichtigen Arbeiten in anderen Disziplinen, wie z.B. den Archiv- und Kolonialstudien, fordert das Projekt, dass die Friedensforschung der Tatsache Rechnung trägt, dass Archive, die die Arbeit von Interventionen dokumentieren, nicht nur wichtige Quellen für die Forschung sind. Sie sind physische Räume, in denen sich individuelle, institutionelle und kollektive Erinnerungen befinden. Insbesondere für diejenigen, die direkt von den Reformen betroffen sind,  ist die Möglichkeit, diese Erinnerungen effektiv mitzugestalten, ihre fortdauernde Relevanz für die Ordnung nach der Intervention zu kommunizieren und an den Prozessen der sozialen und politischen Transformation effektiv teilzunehmen, vom Zugang zu diesen Unterlagen abhängig.

Projektlaufzeit: 2020-2021
Förderung: German Research Foundation
Hauptforschende: Dr. Werner Distler and Dr. Katrin Travouillon

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