01.10.2026 Bericht zur Filmpremiere von „Odyssee“
Auch wenn es den Anschein hatte: Der 16. Juli 2026 war kein normaler Tag. Dies lag ausnahmsweise mal nicht an der politischen Großwetterlage oder der laufenden Fußball-WM, die an diesem Tag spielfrei hatte. Nein, Grund für eine gewisse Aufregung war ein an diesem Termin startender Film, um den in den Medien ein wahrer Hype entfacht worden war. Die enorme Resonanz war sicherlich auch dadurch bedingt, dass es ein weiteres Werk von Christopher Nolan war, der nach „Tenet“, „Oppenheimer“ und anderen Anlass zur Vermutung gegeben hatte, dass es wieder einen „großen“ Film mit monumentalen Bildern geben werde. Ein Teil der weltweiten Begeisterung lag aber auch in der Faszination eines Stoffes begründet, der fast 2700 Jahre alt ist: der Erzählung der „Odyssee“. Denn die Odyssee ist weit mehr als „nur“ eine Abenteuergeschichte. Das Epos behandelt grundlegende Fragen menschlicher Existenz: Heimat und Fremde, Gewalt und Versöhnung, List und Moral sowie die Bedeutung von Erinnerung und Identität – Themen, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. In Großbritannien stiegen die Verkaufszahlen der Textausgaben und Übersetzungen im Vorfeld der Premiere um 1400% gegenüber dem Vorjahreszeitraum an. Die Odyssee ist weit mehr als „nur“ eine Abenteuergeschichte.
Am Tag der Filmpremiere strömten weltweit Menschen ins Kino, fast zeitgleich an Universitätsstandorten wie Marburg auch ganze Institute und Seminare, Studierende und Lehrende. Allen gemeinsam: eine Begeisterung für Geschichte, eine Passion für den Stoff, die Sprache, den Autor, den Mythos, die Charaktere. Die Anziehungskraft der Antike war nicht nur, aber gerade auch an diesem Tag enorm stark spürbar. Ausdruck dessen war ein faktisch ausverkaufter Kinosaal. Denn ein großes Publikum wollte nicht nur die Premiere von Nolans Film, sondern auch die Premiere eines neuen Formats erleben: der Verbindung von Sondervorstellung und Expertengespräch, die Ausdruck einer Kooperation zwischen dem Cineplex und dem Marburger Centrum Antike Welt (MCAW) war. Dr. Florian Krüpe (Alte Geschichte) und Prof. Dr. Sabine Föllinger (Gräzistik) führten in Form eines Interviews in die Odyssee ein. In diesem wurde den Zuhörern und Zuhörerinnen deutlich: Über den Autor Homer hat man so gut wie keine seriösen Informationen, aber man kann davon ausgehen kann, dass die Odyssee wie auch die Ilias schriftlich komponiert wurden. Dafür spricht ihre komplexe Struktur. Dazu gehört, dass Odysseus seine Irrfahrten in der Rückblende erzählt. Skepsis, so erfuhr man, ist angebracht gegenüber Versuchen, allzuviel Historisches in der Odyssee ausmachen zu wollen. Die Figur des Odysseus, der von der Sehnsucht nach seiner Heimat Ithaka und seiner Frau Penelope getrieben und, so Föllinger, als unglücklicher Held gezeichnet ist, steht im Mittelpunkt der Erzählung. Aber auch mit starken Frauenfiguren kann das antike Epos punkten. Erläuterungen zu der schlichten und gleichzeitig ergreifenden Sprache, in der das Epos verfasst ist, führte zu einem Austausch der Interviewpartner über die Problematik adäquater Übersetzungen.
Die Aktualität der Odyssee, so das abschließende Resümee, liegt in der Verbindung von action und Tiefgang, in den facettenreichen Charakteren und in den Emotionen, die das Epos erweckt.
Beide Interviewpartner kannten den Film noch nicht. Dass aber ein Regisseur mit einer Adaptation eines mythischen Stoffes, in der er eigene Akzente setzt und Veränderungen anbringt, nicht anders verfährt als antike Dichter, hob die Gräzistin am Schluss hervor. Und Krüpe verwies auf die Schauspielerin und Autorin Meike Rötzer, die ihre Sicht der Odyssee jüngst auf die Formel gebracht hat: „Ein Kriegsdienstverweigerer wird zum Krieg gezwungen und irrt 10 Jahre nach Hause zurück. Seine Irrfahrt macht klar: Krieg ist nicht vorbei, wenn er vorbei ist.“
Nolans Film selbst erwies sich dann als recht eigenwillige Adaptation des Stoffes, insofern er Odysseus als traumatisierten Kriegsteilnehmer darstellt, dessen Willen zur Heimkehr durch sein Schuldbewusstsein gebrochen ist. Am Schluss lässt er seinen Helden zu seiner Frau Penelope sprechen: „Was wäre, wenn der Odysseus, den du kennst, sich verirrt hätte? Was wäre, wenn... er eines Nachts in einer fremden Stadt Dinge sah, die ihn glauben ließen, dass das Zuhause, das er kannte, unmöglich mehr da sein könnte. Was wäre, wenn... als er den Bauch des Pferdes verließ und die Tore von Troja öffnete, er sah, wie zehn Jahre Wut in einer Nacht in diese Stadt strömten? Wir haben ihnen ein Geschenk hinterlassen, ein Friedensangebot, das sie mit nach Hause genommen haben. Wir haben gegen alles verstoßen, was jemals zwischen Menschen heilig ist. Es hat aus einem Kampf eine Jagd gemacht. Die Mauern von Troja zu verbrennen bedeutete, die ganze Welt zu verbrennen. Einschließlich seines Hauses. Was wäre, wenn er genau in dieser Nacht wusste, als er durch Feuer, Anarchie und Schmerz ging - und in einer Benommenheit verschwitzter Feierlichkeiten, die darauf folgten - was wäre, wenn er genau wusste, was er getan hat?“ (Christopher Nolans „Odyssee“ (2026), Odysseus zu Penelope).
Angesichts der gut gefüllten Reihen und der zahlreichen Diskussionen mit den Besucherinnen und Besuchern, die weit nach Filmende im Foyer des Kinos und im Umfeld fortgesetzt wurden, steht die Überlegung an, ob dieses Format als Reihe etablieren werden sollte.
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Dr. Florian Krüpe