03.04.2019 Bilder-Dialog: Clemens Mitscher und Florian Albrecht-Schoeck zurück im Kunstmuseum

Foto: Ulrike Rohde

Im Bilder-Dialog mit Clemens Mitscher und Florian Albrecht-Schoeck wurden zwei Werke und zwei Künstlerpersönlichkeiten vorgestellt, die auf eine besondere Weise mit der Geschichte des Kunstmuseums verbunden sind. Für die Künstler ist das Museum nicht nur ein Gebäude, in dem ihre Arbeiten aufbewahrt und ausgestellt werden, sondern vor allem der Ort, der mit der Entstehung der hier aktuell ausgestellten Fotografien unmittelbar zusammenhängt.

Das Gespräch mit Clemens Mitscher versetzte das Publikum in das Jahr 1987 zurück, als er sein großformatiges Werk „Aufforderung zum Tanz“ mitten im Kunstmuseum schuf. „Wir hatten zu der Zeit so eine Kunstszene in Marburg“, erzählte Mitscher, „ein paar junge Künstler, die eigentlich auch mal in den Kunstverein oder ins Museum wollten und nicht nur in Kneipen oder in Geschäften ausstellen wollten“. Damals studierte er noch im vierten Semester an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, als er dem damaligen Direktor des Kunstmuseums, Dr. Jürgen Wittstock, sein Projekt vorschlug.

Bis heute arbeitet Mitscher größtenteils mit Bildern aus der Medienwelt, vor dreißig Jahren entschied er sich jedoch für eine Fotografie aus dem Jahr 1944, die die zugemauerte Museumsfassade zeigte. Er erinnerte sich an dieses Motiv, das ihm während seiner fotografischen Ausbildung am Bildarchiv Foto Marburg begegnet war, und entdeckte es viele Jahre später wieder als Vorbild für seine künstlerische Aktion. Mitscher nutzte das Zeitdokument für eine neue Bildwerdung, die er vor dem Publikum im Museum als Performance inszenierte. Dabei re-entwickelte er das Ursprungsbild mehrmals unter der Einwirkung von Chemikalien, die nahezu malerische Spuren von Versehrtheit und eine Braunfärbung des Materials hinterließen.

Durch diese drastische Verfremdung überformte der Künstler die ursprüngliche Bildbedeutung und legte einen Schleier der Absage über das vermauerte Gebäude, das seine öffentliche Bestimmung in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Nazidiktatur verloren hat und damit, wie Mitscher betonte, „kein Museum mehr“ war. In diesem Zusammenhang verdeutlichte er, dass der Titel „Aufforderung zum Tanz“ die Fotoarbeit nicht erklärt, sondern das gleichnamige Musikstück von Carl Maria von Weber mit seinem Werk assoziativ verbindet. Bewusst setzte der Künstler seine Signatur unter den am linken Bildrand sichtbaren Steinhaufen, womit er zu Aktionen aufrufen wollte.

Nach Abschluss der Performance schenkte Mitscher seine Fotoarbeit dem Kunstmuseum. Doch damit war seine Begegnung mit dem Haus nicht beendet. Im Rahmen der Ausstellung „Aufbruch / Umbruch“ des Jahres 2011 kuratierte er nun als Lehrender gemeinsam mit Prof. Martin Liebscher die Werkpräsentation von Studierenden der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Aus diesem Anlass war auch erstmals Mitschers Schenkung im Museum ausgestellt neben Fotografien seines Schülers, Florian Albrecht-Schoeck.

Schoeck
Foto: Ulrike Rohde

Florian Albrecht-Schoecks sechs Meter breite Fotoarbeit „Im Lager“ (2011) zeigt die Gitterwände des Gemäldedepots im Kunstmuseum. Der Künstler arbeitete zur Entstehungszeit des Werkes ausschließlich in Schwarz-Weiß mit einer analogen Kamera. Er begreift das analoge Fotografieren als kreativen Prozess, bei dem er nur eine bedingte Kontrolle über das spätere Ergebnis hat. Eine bewusste Auseinandersetzung mit den entstandenen Aufnahmen beginnt bei Albrecht-Schoeck nach der Entwicklung der Negative. Für das Bild des Gemäldedepots kombinierte er mehrere Einzelaufnahmen zu einem Gesamtüberblick der Gitterwände.

Der Künstler hält in seinen Arbeiten oftmals alltägliche Dinge und Situationen fest und versucht gleichzeitig durch die Kombination von Motivwahl und konfrontativer Bildsetzung bei den BetrachterInnen Irritationen auszulösen. Der Titel „Im Lager“ bietet einen assoziativen Verweis auf die Zeit des Nationalsozialismus. Aufgrund der Fokussierung der Darstellung auf die Gitterwandstreben wird der Eindruck eines Käfigs oder Gefängnisses erzeugt, der durch die dunkle Lichtsituation zusätzlich verstärkt wird. Die Gemälde bleiben bei diesem Blickwinkel im Verborgenen.

Intuitiv, technisch höchst unterschiedlich und persönlich gehen Albrecht-Schoeck und Mitscher mit dem Medium der Fotografie um. Ihre Werke verketten sich jedoch im gemeinsamen motivischen Schnittpunkt „Museum“, treffen mit ihren Bildlichkeiten direkt in die Wirrungen des individuellen und kulturellen Gedächtnisses und entgrenzen das Blickfeld für neue Einsichten in den musealen Raum. 

Marija Marchuk, Marie Winter