13.02.2020 Bilder-Dialog: Vortrag und Filmvorführung zu László Moholy-Nagys Typoskript „Dynamik der Gross-Stadt“

Gezeigt ist ein Videostill aus dem Film "Dynamik der Groß-Stadt". Neben einem Baukran sind ein blauer Kreis und ein rotes Dreieck zu sehen.
© Schroeter und Berger
Kran bei Hausbau in Bewegung, Dynamik der Groß-Stadt, Videostill, Schroeter und Berger, 2019

Anlässlich des „Bilder-Dialogs“ am 30. Januar 2020 war Sebastian Helm vom Gestaltungsbüro Schroeter & Berger zu Gast im Kunstmuseum.

Das Publikum blickt auf die Leinwand. Sebastian Helm gibt Einblicke in die Hintergründe des Filmprojekts.
© Foto: Christian Krüger

Vor etwa 50 Besucherinnen und Besuchern erläuterte der aus Berlin angereiste Grafiker und Kulturwissenschaftler das interdisziplinäre Konzept seines Büros. Seit 15 Jahren sind die beiden Gründer Sebastian Helm und Maximilian Sauerbier auf der Suche nach unvollendeten und liegengebliebenen Projektideen der Avantgarde des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die von ihnen wieder aufgespürten Ideen, Skizzen oder Entwürfe, zu denen auch das Filmskript „Dynamik der Gross-Stadt“ von László Moholy-Nagy zählt, werden von dem Gestaltungsduo analysiert und unter Verwendung moderner Technik in die Gegenwart überführt. Im Auftrag der Klassikstiftung Weimar erschien der gezeigte Film als aktualisierender Animationsfilm.

Moholy-Nagys Skript „Dynamik der Gross-Stadt“, auf dem der Film von 2019 beruht, wurde 1925 im Bauhausbuch Nr. 8 veröffentlicht. Unter den Eindrücken der Metropole Berlin entstand das Typoskript in den Jahren zuvor. Es handelt sich dabei eher um ein mit den damals avantgardistischen Mitteln der neuen Typographie gestaltetes visuelles Lesewerk mit Regieanweisungen als ein klassisches Drehbuch. Gedichtsequenzen, Vorboten der konkreten Poesie, Stichworte zum Verlauf des Films und eingestreutes Bildmaterial weisen bereits in der damals publizierten Fassung auf die vermutlich erwünschte Collagetechnik für die filmische Umsetzung hin, wobei der Künstler im Hinblick auf die Realisierung noch große Spielräume ließ. Die zahlreichen Bilder und Texthinweise lassen bereits bei der Lektüre visuelle Eindrücke eines inneren „Lesefilms“ entstehen, was in dieser Form einmalig war. Der Künstler hielt in seiner Publikation Beobachtungen fest, wie sie sich auch heute verstärkt in Großstädten machen lassen: ein permanent bewegliches Bildermeer, in dem zahlreiche Geräusche und Verkehrslärm sich auf immer neue Art und Weise mischen, überschneiden und übertönen.

Das historische Typoskript als Ausgangsbasis nutzend, schufen Schroeter & Berger einen grafisch aktuellen Animationsfilm, der bewusst rechtefreie Bilder nutzt, sie in eine an der Avantgarde der 1920er orientierte Ästhetik integriert und beides durch auditive Reize verstärkt. Die bisweilen minimalistische Musik stammt von Jonas Holfeld (alias Stanley Schmidt), der Technobeats mit den Klängen der Großstadt kombinierte. Bildlich orientiert sich der Film stark an der Gitterstruktur des Typoskriptes und schafft so eine fortlaufende Flut an Bildern und Momenten, die vom ersten Augenblick an zu rasen scheinen. Auf diese Weise entsteht eine Verbindung zwischen dem konkreten Ausgangsmaterial als theoretischer Grundlage und den aktuellen Eindrücken einer Großstadt.

Blick in das Filmmanuskript
© Foto: Anastasia Bursova

Der post- oder neomoderne Ansatz vermittelt somit einen zeitgenössischen Gefühlseindruck städtischen Lebens, dessen inhaltliche Grundlage bereits vor fast 100 Jahren entstanden ist. Die trickfilmische Umsetzung changiert zwischen heutiger und früherer Interpretation städtischer Zivilisation und ihrer Dynamik.

Einen Ausschnitt aus dem 15-minütigen Werk findet sich auf der Homepage von Schroeter & Berger.

www.schroeterundberger.de/dynamik-der-gross-stadt-2/