05.03.2020 Rückblick auf Vortrag und Experiment zu Gertrud Grunows Harmonisierungslehre

Farbkartenauswahl - Gertrud Grunows Harmonisierungslehre im Experiment
© Foto: Marie Winter

Am 27. Februar 2020 fand im Kunstmuseum eine besondere Abendveranstaltung statt. Im Rahmen des Begleitprogramms zur Bauhaus-Ausstellung gaben die Kunsthistorikerin Dr. Linn Burchert und die Kunstpädagogin Gabriele Fecher anhand eines Vortrags und eines praktischen Experiments Einblick in die „Harmonisierungslehre“ von Gertrud Grunow und machten die Bauhauslehre in zwei praktischen Experimenten für das Publikum erfahrbar.

Referentin Gabriele Fecher zur Harmonisierungslehre von Gertrud Grunow
© Foto: Marie Winter

Gertrud Grunow arbeitete als einzige Formmeisterin am Weimarer Bauhaus und ist dennoch bis heute relativ unbekannt. Von 1919 und 1924 besuchten alle Studierenden ihren Harmonisierungsunterricht. Die rhythmischen Unterrichtsstunden hatten nicht nur Einfluss auf die Schülerschaft, sondern wurden auch von Lehrenden am Bauhaus besucht. „Wer unstimmig malte“, so berichtete Linn Burchert, „wurde von Paul Klee oder Wassily Kandinsky zu Grunow geschickt“, einer gelernten Musikpädagogin und Gesangslehrerin. Im Vordergrund ihrer Bewegungs- und Konzentrationspraxis stand Körper und Seele durch Imagination, Bewegung und Atem in Einklang zu bringen. Die physischen und psychischen Eigenschaften des Einzelnen sollten zum Ausgleich gebracht werden, um eine Maximierung der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit und Schöpfungskraft zu erzielen.

Entstanden war die Harmonisierungslehre in der Frühphase des Bauhauses, die anders als die späteren Phasen, auch durch spirituelle und esoterische Tendenzen beeinflusst war. Die als zunehmend hektisch wahrgenommene Umwelt und die damit einhergehenden nervösen und unausgeglichenen Symptome, sollten durch die rhythmischen und ganzheitlichen Bewegungs-, Klang- und Farbübungen bekämpft werden.

Die beiden Referentinnen Dr. Linn Burchert und Gabriele Fecher stießen bei ihren Recherchen immer wieder auf Hindernisse, da Grunow die Lehre nie systematisch zusammengefasst hatte. Ihre um das Jahr 1939 begonnene Niederschrift blieb insgesamt unvollendet und Teile des Manuskripts wurden von dem Schweizer Esoteriker Gerhard Schunke verändert und als eigenes Werk publiziert. Das entwendete geistige Eigentum Grunows wurde dabei erheblich verfremdet. Für die Erforschung von Grunows authentischer Harmonisierungslehre erwiesen sich andere Wege als Gewinn bringender. Neben den wenigen Fotografien und Berichten ihrer Schüler/innen war es vor allem der Kontakt zu René Radrizzani, der die Ideen und Übungen Grunows direkt von deren ehemaliger Assistentin Hildegard Heitmeyer vermittelt bekommen hatte und bereit war sie in einem Filmprojekt von Gabriele Fecher dokumentieren zu lassen.

Grundlage der Harmonierungslehre war Grunows Auffassung, dass es bei der ganzheitlichen Wahrnehmung von Farben und Klängen Gesetzmäßigkeiten gebe, die für jeden Menschen gleich seien. Der Farbkreis von Grunow umfasst 12 Farbtöne, die ihre Entsprechungen in zugeordneten Tonhöhen, Bewegungsabläufen und Materialien finden sollen. Die Zusammenhänge wurden durch Vereinzelung von Farbtönen und Klängen und spezielle Übungen festgelegt und in Bewegung überführt. Durch An- und Entspannung, sollten die Studierenden von Grunow die zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten erkennen.

Im Gespräch werden Farbkarten ausgewählt
© Foto: Marie Winter

Auf den Spuren von Grunows Lehre wandelnd, wurde das Publikum in Form von zwei Experimenten in die Erfahrung einer Harmonisierungslehre einbezogen. Bei einem ersten Experiment wurden nach der Betrachtung von zwei gegensätzlichen Farbkarten frei assoziierte Gefühle und Begriffe notiert. Das zweite Experiment war bewegungsorientiert und verband Farbvorstellungen mit Körperwahrnehmungen. So wurde die Abendveranstaltung durch einen Wechsel von aktiven und rezeptiven Elementen zu einem neuartigen und erhellenden Erlebnis.

Nähere Informationen zu Gertrud Grunow finden Sie unter: www.gertrud-grunow.de

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