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Hintergrund des Projekts

Der LOEWE-Schwerpunkt ist eingebettet in das langfristige Marburger For­schungs­pro­gramm "Theorie und Empirie der Sprachdynamik und Sprachkognition". Das Pro­gramm hat seinen Ur­sprung in der im Jahr 2000 begonnenen Zusammenarbeit der Marburger theo­retischen Linguistik mit der Sprachvariations- und Sprachwandelforschung des Forschungs­zentrums Deut­scher Sprach­at­las. Das Programm dient dem Ziel, die bisher sehr erfolgreichen ein­zel­disziplinären For­schungs­an­sätze, Fragestellungen und Methoden so zusammenzuführen, dass für die Linguistik insgesamt ein nach­halt­iger Erkenntnisfortschritt möglich wird.

Das umfassende Forschungsprogramm setzt an einem Urrätsel der Sprache an: Die Sprache ist das wichtigste menschliche Organ der Kommunikation und stellt eine zentrale kognitive Fähigkeit des Menschen dar. Sie unterliegt einerseits beschränkenden Bedingungen, die für die große Stabilität des Sprachsystems verantwortlich sind. Andererseits gibt es Sprachvariation auf allen Ebenen und ständigen Wandel in allen Sprachen. Trotz beeindruckender Erkenntnisfortschritte in der Sprach­wis­sen­schaft ist das Verhältnis von Konstanz, Wandel und Variation noch weitgehend unklar. Die Klä­rung dieses Verhältnisses liefert aber den Schlüssel für die Lösung von Grundfragen der Sprach­wis­senschaft. Die in Marburg gebündelten Kompetenzen und Ressourcen bieten die einmalige Chance, zu diesem zentralen Aspekt der Sprachwissenschaft sowohl empirisch fundierte als auch theo­retisch avancierte Forschung zu betreiben und damit in hohem Maße international sichtbar zu wer­den. Das wissenschaftliche Konzept baut auf den folgenden Schwerpunkten auf:

1. Sprachdynamische Regionalsprachenforschung:

Kern des langfristig angelegten Forschungs­pro­gramms ist die sprachdynamische Regionalsprachenforschung zum Deutschen. Gerade in der Sprachwandelforschung wurden seit mehr als einem Jahrhundert anspruchs­vol­le Erklärungsansätze entwickelt und die Faktoren, die den Sprachwandel bestimmen, prinzipiell he­raus­gearbeitet. Dennoch konnten grundlegende Fragen, wie diejenigen nach den Prin­zi­pien, de­nen pho­nologischer Wandel folgt oder nach dem Wirkungsverhältnis sprachkognitiv-interner und sprach­externer Faktoren, bis heute nicht befriedigend geklärt werden. Um dieses Problem zu beheben, wird in Marburg seit 2001 ein hinsichtlich des Sprachdatenvolumens und der Datenqualität weltweit einmaliges "Testlabor für die Sprach(wandel)theorie" aufgebaut. Darin werden alle greifbaren, für die natürliche Entwicklung einer großen Kultursprache relevanten Sprachdaten über ei­nem Zeitraum von 130 Jahren erschlossen und der internationalen Forschung in einem In­ter­net­in­for­ma­tionssystem zur Verfügung gestellt. Ergebnisse zeigen im "Digitalen Wenker-Atlas (DiWA)" (2001-2009) und im darauf aufbauenden aktuellen Projekt "regionalsprache.de (REDE)", dessen Ziel es ist, für den Fundamentalbereich der linguistischen Kompetenz (Phonologie/Prosodie und Morphologie/Syntax) die Struktur und Dynamik der deutschen Regionalsprachen vollständig zu analysieren.

2. Langzeitdiachronie:

Im langfristigen Forschungsprogramm ist die theoretische und empirische "Reich­weite" der Erkenntnismöglichkeiten zu bestimmen, die das o. a. "Testlabor" birgt. Nach dem jet­zigen Erkenntnisstand der Sprachwandeltheorie ist es sehr wahr­scheinlich, dass die etablierten Faktoren und Prinzipien über den Grundbestand an Daten hinaus verall­gemeinerbar sind. Deswegen ist es erforderlich, genau zu bestimmen, inwieweit die Generalisier­barkeit der an der "Labor­da­ten­matrix" zur Kurzzeitdiachronie einer Einzelsprache gewonnenen Ergeb­nisse zeitlichen und typolo­gi­schen Beschränkungen unterliegt. In Kombination der Arbeitsgruppe zur Langzeitdiachronie des Deutschen seit alt­hochdeutscher Zeit (Prof. Fleischer) mit dem REDE-Team wird untersucht, inwieweit in den heutigen Regionalsprachen relevante Fak­toren­ auch für die vormodernen Sprachverhältnisse gelten. In einer historischen und sprachtypologischen Ausweitung wird mit der Ar­beits­grup­pe zur Langzeitdia­chro­nie der indoeuropäischen Sprachfamilie (Proff. Rieken, Poppe, PD Wid­mer) und zur Lang­zeit­diachronie der semitischen Sprachen (Prof. Weninger, Dr. Waltisberg) un­ter­sucht, ob sich die festgestellten Faktoren­kon­stel­la­tionen auch in mit dem Deutschen weit oder gar nicht verwandten Sprachen in ähnlicher Weise isolieren lassen.

3. Neurolinguistik:

Neben der sprachdynamischen Regionalsprachenforschung und der Langzeit­dia­chronie stellt im langfristig angelegten Marburger Forschungsprogramm die Neurolinguistik einen drit­ten Schwerpunkt dar. Für die Sprachtheorie würde es einen Durchbruch bedeuten, wenn sich, wie erhofft, sprachkognitive Reflexe linguistischer Basiskategorien in der Direktbe­obachtung der Sprach­ko­gnition, d. h. im neurolinguistischen Experiment, nachweisen ließen. Der von Prof. Born­kes­sel-Schlesewsky und Kolleg/innen in den letzten Jahren neu entwickelte Zugang "Neuro­ty­po­lo­gie" be­schäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen der neuronalen Spracharchitektur und der Spra­chen­vielfalt. Eine Kernfrage ist dabei, wie ein immer gleich strukturiertes Gehirn das Ver­ständ­nis der mensch­li­chen Sprachen gewährleisten kann bzw. welche sprachübergreifenden Ge­mein­sam­kei­ten und Unterschiede hierbei beobachtet werden können. Die Beantwortung dieser Frage ver­spricht neue Einblicke in die Natur der Sprache und in die Funktionsweise des menschlichen Ge­hirns: Da sprach­übergreifend zutreffende Charakteristika der menschlichen Sprache vermutlich eng mit der Or­ganisation des menschlichen Gehirns zusammenhängen, kann die Identifikation von "Uni­ver­sa­lien" in der Neurokognition der Sprache die Hypothesenbildung über den Zusammen­hang zwi­schen Spra­che und Gehirn entscheidend vorantreiben.

4. Sprachtheorie und Psycholinguistik:

Neben der mehr als ein Jahrhundert zurückreichenden Tradition der sprachgeographischen und historischen Linguistik hat sich Marburg in den letzten 15 Jahren zu einem Zentrum der theoretischen Linguistik mit dem perfekt zur sprachdynamischen Re­gio­nal­spra­chen­forschung passenden Schwerpunkt Phonologie und Morphologie entwickelt (Ar­beits­grup­pe Prof. Wiese). Ein signifikantes Markenzeichen der Marburger theoretischen Linguistik ist deren de­zi­diert verfolgtes Forschungsziel, linguistische Basiskategorien und Theoreme kognitions- und neu­ro­wis­sen­schaftlich zu fun­dieren, was zum Aufbau der Neurolinguistik und der Klinischen Linguis­tik (Prof. Kauschke; For­schungsschwerpunkt: Spracherwerb) führte. Seit der Studie von Wiese (2003) wurde zunehmend deutlich, welchen enormen zusätzlichen Erkenntnisgewinn der re­gio­nal­sprach­liche und diachrone Datenschatz zum Deutschen gerade für die ursprünglich genuin theo­re­ti­schen Fragestellungen der Arbeitsgruppe ermöglicht.

Das langfristige Forschungsprogramm "Theorie und Empirie der Sprachdynamik und Sprach­ko­gni­tion" ist das empirische Fundament sowie der theoretische und institutionelle Rahmen für den LOEWE-Schwerpunkt. Es wurde entwickelt, indem ur­sprüng­lich weitgehend unab­hän­gige Forschungsansätze und Themen zunächst in bilateralen Ko­ope­ra­tio­nen sukzessiv aufeinan­der bezogen und zunehmend verbunden wurden. Die dabei erfolgten inhaltlichen und metho­di­schen Integrationen machen es nun möglich, ein gemeinsames Thema anzugehen, das alle Teil­dis­ziplinen und Arbeitsgruppen umfasst und von höchster theoretischer Relevanz ist.

Zuletzt aktualisiert: 31.01.2012 · droegea

 
 
 
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