25.02.2013
Landtag veröffentlicht Studie des ICWC-Mitglieds Dr. Kirschner zur „NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“
Mehrere Mitglieder des ICWC sind an den Forschungsvorhaben zur Aufarbeitung der Parlamentarischen Geschichte Hessens beteiligt. Dr. Albrecht Kirschner hat jetzt einen ersten Abschlussbericht mit brisanten neuen Erkenntnissen zur Verstrickung ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter im Nationalsozialismus vorgelegt. Der hessische Landtag hat die Studie vor einigen Tagen vorgestellt und veröffentlicht.
Dr. Albrecht Kirschner, Mitglied des Internationalen Forschungs- und Dokumentationszentrums für Kriegsverbrecherprozesse (ICWC) an der Philipps-Universität Marburg, hat den Abschlussbericht der Arbeitsgruppe zur Vorstudie „NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“ fertiggestellt. Die Studie wurde im Rahmen der Arbeitsgruppe „Politische und Parlamentarische Geschichte des Landes Hessen“ der vom hessischen Landtag eingesetzten Kommission erarbeitet. Koordinator der Arbeitsgruppe ist Dr. Andreas Hedwig, ebenfalls Mitglied des ICWC. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ( Link zum Artikel), der Frankfurter Rundschau ( Link zum Artikel) und regionalen Tageszeitungen wurde bereits darüber berichtet.
Herr Dr. Kirschner und seine Mitarbeiter haben nun zahlreiches neues Archivmaterial zutage gefördert. In der Studie heißt es dazu: „Sowohl die Menge der Archivbelege, die im Rahmen der Vorstudie ermittelt werden konnten, als auch deren Aussagequalität übertrafen deutlich die Erwartungen.“
Als erstes Ergebnis steht unter anderem jetzt fest, dass weit mehr ehemalige Abgeordnete in das NS-Regime verwickelt waren als bislang bekannt. Fast jeder vierte der Abgeordneten, die dafür altersmäßig in Frage kamen, ist demnach Mitglied der NSDAP gewesen. 20 von ihnen haben ihre Parteimitgliedschaft nicht oder nicht korrekt angegeben. „Der Anteil der ehemaligen NSDAP-Mitglieder unter den Landtagsabgeordneten stieg ab 1950 signifikant an, erreichte in der 5. Legislaturperiode (1962-1966) einen Spitzenwert von 34% und ging dann vor allem altersbedingt Schritt für Schritt zurück.“ 12 Abgeordnete waren Mitglied der SS oder Waffen-SS und 26 der SA, weitere Abgeordnete hatten belastende Funktionen in anderen Parteigliederungen, in der Verwaltung oder in ihren sonstigen beruflichen Funktionen und zu fünf Abgeordneten liegen Hinweise auf Beteiligung an Kriegsverbrechen vor. Dabei finden sich Mitglieder aller bis 1999 im Landtag vertretenen Fraktionen.
Die wissenschaftliche Untersuchung unter maßgeblicher Mitwirkung der Marburger Wissenschaftler wurde durch den Landtag veranlasst, nachdem die Fraktion der Linkspartei im Mai 2011 bereits eine eigene Studie präsentiert hatte, die weiteren Forschungsbedarf nahegelegt hatte. Die nun vorliegenden Ergebnisse können jedoch kein Schlussstrich sein, denn: „Einige eindeutige Beispiele tiefer Verwicklungen in den NS-Partei- und Staatsapparat, die bisher unbekannt waren, kann die Studie dokumentieren.(…) Nach den jetzt vorliegenden Ergebnissen und Erfahrungen in Bezug auf die Quellenlage kann davon ausgegangen werden, dass in die Tiefe gehende Recherchen für die meisten Abgeordnetenbiographien weitere aussagekräftige Quellenbelege zutage fördern werden.“ Ziel dieser Vorstudie war es, „sich (…) dezidiert auf die Sicherung und systematische Aufbereitung historischer Belege [zu] konzentrieren, um sie als Ausgangspunkt für weitergehende Fragestellungen nutzbar zu machen.“
Die Studie selbst weist auf ihre Perspektive hin, wenn es darum geht die politische Geschichte und Vergangenheitsbewältigung in Hessen im Gesamten zu bewerten: „Abschließend muss betont werden, dass im Rahmen der Vorstudie auftragsgemäß gezielt nach Hinweisen auf „NS-Belastungen“ recherchiert wurde und insofern in gewisser Weise ein „tendenziöses“ Bild entstanden ist. Ähnlich intensiv angelegte Forschungsaktivitäten etwa unter der Fragestellung „Verfolgung und Widerstand“ würden unzweifelhaft ein ganz anderes Schlaglicht auf die hessischen Landtagsabgeordneten nach 1945 werfen und ein differenzierteres Gesamtbild der Untersuchungsgruppe und ihres Verhältnisses zum NS-Regime ergeben.“
Hier finden Sie den
Volltext des Abschlussberichts.
Kontakt
Dr. Albrecht Kirschner
Philipps-Universität Marburg
Savignyhaus, Raum 1005
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