11.05.2026 Vortrag "Krieg und Legitimität"

Dritte Ringvorlesung: "Krieg und Legitimität – Zur Politik bewaffneter Gruppen in der internationalen Ordnung"

Zu sehen ist das Bürogebäude der Vereinten Nationen in Genf. Vor dem Palais des Nations erstreckt sich die Allée des Nations, mit den Flaggen der UN-Mitgliedstaaten.
Foto: Hugo Magalhaes via Pexels
Büro der Vereinten Nationen in Genf.

Am 18. Mai 2026 wurde die Ringvorlesung „Die globale Ordnung im Prozess ihrer kontinuierlichen Aushandlung“ mit einem Vortrag von Prof. Dr. Klaus Schlichte fortgesetzt. Unter dem Titel „Krieg und Legitimität“ widmete sich Schlichte der Frage, wie bewaffnete Gruppen Legitimität herstellen und welche Rolle sie in den Aushandlungsprozessen globaler Ordnung seit 1945 spielen. Im Zentrum stand dabei die historische Entwicklung internationaler Legitimitätsvorstellungen sowie die Frage, wie Gewalt und politische Ordnung miteinander verknüpft sind.

Zu Beginn führte Schlichte in seine historisch-soziologische Perspektive ein, die sich unter anderem auf Autoren wie Max Weber, Hannah Arendt, Norbert Elias, Michel Foucault und Pierre Bourdieu stützt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Annahme, dass physische Gewalt eine grundlegende Machtform darstellt. Gewalt bedeutet dabei nicht nur die tatsächliche Verletzung von Körpern, sondern auch die Möglichkeit oder Androhung solcher Verletzungen. Gleichzeitig betonte Schlichte, dass Macht nicht ausschließlich repressiv verstanden werden dürfe. Aufbauend auf Hannah Arendt hob er hervor, dass Macht auch produktiv sein kann und durch gemeinsames Handeln entsteht.

Von besonderer Bedeutung war dabei die Frage nach Organisation und Staatlichkeit. Schlichte argumentierte, dass bewaffnete Gruppen häufig als „nichtstaatliche Akteure“ bezeichnet werden, tatsächlich jedoch vielfach eng mit staatlichen Strukturen verbunden seien oder selbst Formen von Gewaltordnungen hervorbringen. Gerade in Regionen mit schwacher staatlicher Präsenz entstehen häufig alternative Gewalt- und Herrschaftsordnungen, die nicht vollständig staatlich organisiert sind, aber dennoch politische Autorität beanspruchen.

Im Zentrum des Vortrags stand das Verhältnis von Gewalt und Legitimität. Schlichte unterschied dabei zwei grundlegende Dynamiken: Einerseits müsse Gewalt legitimiert werden, da sowohl staatliche Armeen als auch bewaffnete Gruppen auf die Zustimmung ihrer Mitglieder und Unterstützer angewiesen seien. Andererseits könne Gewalt stets auch delegitimierend wirken, etwa wenn sie als unverhältnismäßig oder zerstörerisch wahrgenommen wird. Gewaltakteure laufen daher ständig Gefahr, durch ihr eigenes Handeln ihre Legitimität zu verlieren - sowohl innerhalb der eigenen Organisation als auch gegenüber der Bevölkerung oder der internationalen Öffentlichkeit.

Schlichte verdeutlichte, dass bewaffnete Gruppen häufig aus Erfahrungen staatlicher Repression hervorgehen. Oppositionelle Bewegungen radikalisieren sich demnach oftmals dann, wenn politische Aushandlungsprozesse scheitern und staatliche Gewalt als illegitim wahrgenommen wird. Die Gegengewalt erscheint in solchen Situationen für viele Beteiligte als gerechtfertigte Reaktion. Zugleich zeigte Schlichte jedoch, dass andauernde Gewalt wiederum selbst zu Legitimitätsverlusten führen kann, wenn Krieg, Opfer und Zerstörung zunehmend infrage stellen, ob die ursprünglichen politischen Ziele noch gerechtfertigt sind.

Besonders ausführlich widmete sich Schlichte der internationalen Ebene von Legitimität. In der globalen Ordnung gehe es nicht nur darum, innerhalb einer Gesellschaft Anerkennung zu finden, sondern auch darum, von anderen Staaten als legitimer politischer Akteur akzeptiert zu werden. Bewaffnete Bewegungen versuchen deshalb gezielt, internationale Anerkennung zu erlangen. Schlichte bezeichnete diese Strategien als „Legitimitätspolitik“.

Anhand des Beispiels des angolanischen Rebellenführers Jonas Savimbi, der in den 1980er Jahren öffentlich von US-Präsident Ronald Reagan empfangen wurde, zeigte Schlichte, wie solche Legitimitätspolitiken funktionieren. Bereits der öffentliche Empfang durch den amerikanischen Präsidenten signalisierte, dass Savimbi als ernstzunehmender politischer Akteur anerkannt wurde. Auch symbolische Elemente wie Kleidung, diplomatische Umgangsformen oder öffentliche Auftritte spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Rebellenführer erscheint dadurch nicht mehr ausschließlich als militärischer Kämpfer, sondern als potenzieller Staatsmann.

Im weiteren Verlauf entwickelte Schlichte die zentrale These seines Vortrags: Die Formen internationaler Legitimität haben sich seit 1945 historisch verändert. Gemeinsam mit Kolleg:innen identifizierte er vier sich überlappende historische Phasen, in denen jeweils unterschiedliche Normen und Legitimitätsvorstellungen dominierten.

Die erste Phase war durch die Dekolonisation geprägt. Während europäische Kolonialmächte bewaffnete Befreiungsbewegungen zunächst als illegitime Akteure darstellten, setzte sich spätestens in den 1960er Jahren das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung zunehmend als globale Norm durch. Antikoloniale Bewegungen konnten ihre Gewalt nun als legitimen Befreiungskampf darstellen. Schlichte betonte, dass diese Dekolonisationslogik bis heute nachwirkt und auch gegenwärtige Konflikte, wie etwa im Zusammenhang mit Gaza, häufig in solchen Kategorien interpretiert werden.

Besonders interessant sei dabei, dass viele führende Köpfe antikolonialer Bewegungen zuvor selbst Teil kolonialer Verwaltungs- oder Militärstrukturen gewesen seien. Die koloniale Herrschaft habe damit gewissermaßen jene organisatorischen und militärischen Fähigkeiten hervorgebracht, die später gegen sie selbst eingesetzt wurden.

Darüber hinaus hob Schlichte hervor, dass sich die heutige internationale Ordnung historisch keineswegs selbstverständlich entwickelt habe. Die Vorstellung einer Welt souveräner Nationalstaaten setzte sich global erst nach dem Ende der kolonialen Imperien endgültig durch. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein spielten imperiale Ordnungen eine zentrale Rolle in der internationalen Politik. Erst mit der Dekolonisation etablierte sich die heute dominierende Norm staatlicher Souveränität weltweit.

Im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg zeigte Schlichte anschließend, wie stark internationale Legitimität von geopolitischen Bündnissen beeinflusst wurde. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion unterstützten bewaffnete Bewegungen und neue Staaten, um ihren eigenen Einfluss auszubauen. Internationale Hilfe, wirtschaftliche Unterstützung oder diplomatische Anerkennung dienten dabei nicht nur humanitären Zwecken, sondern waren Teil globaler Macht- und Bündnispolitik.

Abschließend verdeutlichte Schlichte, dass internationale Ordnung stets von Aushandlungsprozessen geprägt ist, in denen Gewalt, Legitimität und politische Anerkennung eng miteinander verflochten sind. Staaten besitzen zwar weiterhin den Anspruch auf das Monopol legitimer Gewalt, doch bewaffnete Gruppen fordern diesen Anspruch immer wieder heraus. Entscheidend sei daher nicht allein die militärische Stärke eines Akteurs, sondern auch seine Fähigkeit, Legitimität herzustellen - sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung als auch im internationalen System.

Insgesamt zeigte der Vortrag, dass globale Ordnung nicht als stabile oder abgeschlossene Struktur verstanden werden kann. Vielmehr entsteht sie fortlaufend in politischen, militärischen und symbolischen Aushandlungsprozessen, in denen sich historische Normen, Machtverhältnisse und Vorstellungen legitimer Gewalt ständig verändern.

Wir bedanken uns herzlich bei Klaus Schlichte für den spannenden und historisch fundierten Vortrag, der zahlreiche Perspektiven auf das Verhältnis von Krieg, Gewalt und Legitimität eröffnet hat, sowie beim Publikum für die engagierte Diskussion.

Das gesamte Programm der Ringvorlesung finden Sie hier.

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