20.04.2026 Vortrag "Kriegsgewalt und Friedenssuche. Dynamiken globaler Ordnung in historischer Perspektive"
Erfolgreicher Kick-Off der Ringvorlesung „Die globale Ordnung im Prozess ihrer kontinuierlichen Aushandlung“
Am 20. April 2026 eröffnete unser Ko-Direktor, Prof. Dr. Eckart Conze, unsere Ringvorlesung „Die globale Ordnung im Prozess ihrer kontinuierlichen Aushandlung“ mit einem Vortrag mit dem Titel „Kriegsgewalt und Friedenssuche. Dynamiken globaler Ordnung in historischer Perspektive“. Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch unseren Geschäftsführer, Dr. Henning de Vries, der betonte, dass Ordnung nicht als etwas Naturgegebenes zu verstehen sei, sondern stets Ergebnis menschlicher Aushandlungsprozesse ist. Damit war bereits ein zentraler analytischer Rahmen für den anschließenden Vortrag gesetzt.
Conze griff diesen Gedanken auf und machte deutlich, dass sein Ansatz sowohl historisch fundiert als auch ausdrücklich auf die Gegenwart bezogen ist. Im Mittelpunkt stand für ihn die Frage, ob sich die heutige Welt in einer grundlegenden Phase des Umbruchs befindet und auf welche Weise sich globale Ordnungsstrukturen im Spannungsverhältnis von Krieg und Friedenssuche historisch entwickelt haben. Besonderes Augenmerk legte er dabei auf das gleichzeitige Nebeneinander von Gewalterfahrungen und Bemühungen um Frieden. Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die These, dass globale Ordnung niemals als stabil oder dauerhaft festgefügt verstanden werden könne. Internationale Ordnungen seien vielmehr ständigen Veränderungsprozessen unterworfen, die sich nicht allein aus bewussten politischen Aushandlungen ergeben, sondern ebenso durch Krisen, Brüche und disruptive Ereignisse geprägt werden. In diesem Zusammenhang griff Conze die seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine häufig formulierte Diagnose einer „Rückkehr der Geschichte“ auf. Diese stehe implizit im Gegensatz zu Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“, nach der sich liberale Ordnungsmodelle langfristig als überlegen durchgesetzt hätten. Conze betonte hingegen, dass sich gegenwärtig neue Konfliktlinien und Machtverschiebungen abzeichnen, die eher an Deutungsansätze wie jene von Samuel Huntington erinnern, insbesondere an die Vorstellung kultureller Gegensätze als prägendes Strukturmoment internationaler Politik.
Zugleich thematisierte Conze die Rolle staatlicher Interessen und Machtpolitik. Am Beispiel der USA verdeutlichte er, dass außenpolitisches Handeln zunehmend durch Handlungsmöglichkeiten („weil sie es können“) ebenso wie durch strategische Interessen („weil sie es wollen“) bestimmt sei. Dies werfe die Frage auf, inwiefern sich Unterschiede zwischen verschiedenen Großmächten tatsächlich noch klar bestimmen lassen. Insgesamt zeichne sich eine Entwicklung ab, in der Gewaltpolitik wieder stärker als legitimes Mittel internationaler Politik erscheint. Ein zentraler analytischer Ausgangspunkt des Vortrags bestand in der Hinterfragung vermeintlicher „Normalzustände“. Weder Krieg noch Frieden lassen sich historisch als dauerhafte oder natürliche Zustände begreifen; vielmehr ist internationale Ordnung von fortwährenden Wandlungsprozessen geprägt. Der Rückgriff auf die Geschichte dient dabei nicht dazu, Vergangenheit und Gegenwart gleichzusetzen, sondern ermöglicht es, aktuelle Entwicklungen differenziert einzuordnen, ohne vorschnell vereinfachende Analogien zu bemühen. Conze setzte sich differenziert mit dem Friedensbegriff auseinander und betonte, dass Frieden kein eindeutig bestimmbarer Zustand sei. Während eine Kriegserklärung formell Frieden beenden könne, garantiere eine Friedenserklärung noch keinen stabilen Frieden. Anknüpfend an Konzepte wie den positiven und negativen Frieden zeigte er, dass Frieden sowohl als Abwesenheit offener Gewalt als auch als Abbau struktureller Gewalt verstanden werden kann. Historische Beispiele verdeutlichen zudem, dass Frieden nicht durch bloßes „Vergeben und Vergessen“ entsteht, sondern langfristige politische und gesellschaftliche Prozesse erfordert. Auch die Idee des „gerechten Krieges“ sowie die politische Instrumentalisierung von Friedensrhetorik machten die Ambivalenz des Friedensbegriffs deutlich.
Insgesamt bot der Vortrag eine differenzierte und analytisch dichte Perspektive auf die Dynamiken globaler Ordnung. Besonders hervorzuheben ist die konsequente Betonung der Komplexität im Verhältnis von Krieg und Frieden sowie die Infragestellung scheinbar stabiler Kategorien. Dadurch eröffnete der Vortrag wichtige Perspektiven für das Verständnis aktueller internationaler Konflikte und ihrer historischen Tiefendimension.
Wir freuen uns über einen sehr gelungenen Kick-off unserer Vorlesungsreihe und bedanken uns herzlich bei Eckart Conze sowie dem diskussionsfreudigen Publikum.
Das gesamte Programm der Ringvorlesung finden Sie hier.
Neugierig auf weitere News aus dem ICWC?
Dann folgen Sie uns auf Instagram und LinkedIn oder abonnieren Sie unseren Newsletter. Hier geht es zur Anmeldung!
Vortrag verpasst? Kein Problem!
Für alle, die nicht live dabei sein können, wird die Ringvorlesung nachträglich auch als Podcast im Rahmen unseres Formats "WeltRechtlich" zur Verfügung gestellt. So haben Sie die Möglichkeit, die spannenden Vorträge und Diskussionen jederzeit auf Spotify oder YouTube nachzuhören.
Kontakt
Dr. Henning de Vries
Mail: icwc@uni-marburg.de