Ein Haus für alle Künste
Am ersten Tag ihrer 400-Jahrfeier (30. Juli 1927) weihte die Philipps-Universität den Jubiläumsbau ein, der erst im Todesjahr von Ernst von Hülsen (1875-1950) in Ernst-von-Hülsen-Haus umbenannt wurde. Schließlich war es der Kurator der Universität (1920 bis 1945), der in Vorbereitung der Säkularfeier dem Marburger Universitätsbund die Idee des Kunstgeschichtsprofessors Richard Hamann schmackhaft gemacht hatte: Alle Spenden sollten auf einen einzigen Zweck konzentriert werden, um ein neuartiges, gemeinsames Institut für die Kunstwissenschaften und die Kunstpflege, sozusagen ein Kulturzentrum für die gesamte Bevölkerung, zu bauen.
Dahinter stand Hamanns – für die damalige Zeit nahezu revolutionäre - Vorstellung von einem Kunstinstitut mit praxisorientierter, interdisziplinärer und öffentlichkeitsbezogener Arbeit. Zudem war die Raumnot des stark angewachsenen Kunsthistorischen Seminars, das in nur einem Raum der Alten Universität untergebracht war, und des Archäologischen Seminars unerträglich geworden. Ebenso war die Unterbringung und Präsentation der wichtigsten Sammlungen des Hessischen Geschichtsvereins und des Altertumsvereins in Marburg damals noch ungeklärt. Der Universitätsbund nahm sich der Aufgabe ab 1924 an: Trotz allgemeiner wirtschaftlicher Not gelang es durch Spendenaufrufe, die Baukosten von rund 1,3 Millionen Reichsmark einzuwerben. Die Stadt Marburg schenkte ein großes Grundstück zwischen Biegenstraße und Lahn, die preußische Verwaltung sicherte die Übernahme der Betriebskosten zu.
Nahezu die Hälfte des Gebäudes diente der öffentlichen Präsentation der Sammlungen. Im einzelnen waren untergebracht: das Museum mit den integrierten Sammlungen des Hessischen Geschichtsvereins und des Kunst- und Altertumsvereins mit seinen meist hessischen Gemälden, Plastiken, Grafiken und kunstgewerblichen Exponaten insbesondere hessischer Volkskunst, Dauerleihgaben der Evangelischen Kirchengemeinden und die Gipsabgusssammlung (Lehrsammlung) antiker Werke des archäologischen Seminars. In dem Museum wurde ferner eine Gemäldegalerie eingeplant, die Leihgaben aus den Museen in Berlin und Kassel aufnahm, sowie Oberlichtsäle für Wechselausstellungen. Zudem brachte Richard Hamann hier das von ihm gegründete Bildarchiv Foto Marburg unter, das als Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte (seit 1961) mit knapp zwei Millionen Fotografien Abbildungen von Kunstwerken archiviert.
Bis heute lernen, lehren und forschen in dem Gebäude Kunsthistoriker, klassische und christliche Archäologen, Vor- und Frühgeschichtler und Musikwissenschaftler, während die Öffentlichkeit das Museum für Kunst und Kulturgeschichte, die antike Gipsabgusssammlung oder Konzerte im Musiksaal besuchen können. Da die Räumlichkeiten im Laufe der Jahre nicht mehr den gestiegenen Studierendenzahlen und der stark angewachsenen Sammlungs- und Archivbeständen entsprach, zog Anfang der 1980er Jahre das Institut für Grafik und Malerei (ehemals der Universitätszeichenlehrer) in die Gutenbergstraße um. 1981 wurde der bedeutenden kulturhistorischen Sammlung des Museums der grundlegend renovierte Wilhelmsbau des Marburger Landgrafenschlosses vom Land Hessen zur Verfügung gestellt.
(Informationen aus: Thomas Jahn, Das Kunstinstitut der Philipps-Universität Marburg, aus: Marburg-Bilder, hrsg. Von Jörg Jochen Bruns, Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur Band 53, Marburg 1996, S. 320-356)

