Expressiver Realismus – Stiftung Zimmermann
Mit dem Begriff "Expressiver Realismus" hat der Kunsthistoriker Rainer
Zimmermann (gestorben 2009) treffend eine wenig beachtete Richtung der
Malerei des 20. Jahrhunderts beschrieben. Sie folgte mit ausgeprägt
realistischen Tendenzen auf die expressionistischen und
ungegenständlichen Ausdrucksformen der Malerei zwischen der
Jahrhundertwende und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Die Maler des Expressiven Realismus waren eine Generation jünger als jene bahnbrechenden Künstler wie Wassily Kandinsky oder Henri Matisse, die vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges neue Wege in Richtung Abstraktion gingen.
Als die Künstler des Expressiven Realismus in den zwanziger Jahren ihre Ausbildung erhielten, orientierten sie sich nicht an fauvistischen, expressionistischen und abstrakten Vorbildern. Neben konstruktivistischen Ansätzen, die sich übergreifend in Malerei, Skulptur, Architektur und Kunsthandwerk beispielsweise im Weimar-Dessauer Bauhaus äußerten, waren es vor allem neorealistische Strömungen ("pittura metafisica" und "Neue Sachlichkeit"), die als Ausdrucksformen der Gegenwart damals virulent waren. Allerdings konnten sie nicht alle Kunststudenten und jüngeren Künstler ansprechen. Viele der jungen Maler in der deutschsprachigen Kunstlandschaft orientierten sich vielmehr am Spätwerk von Lovis Corinth (1858 - 1925) und suchten ihr Ausdrucksfeld in einem Realismus unabhängig von ihren Künstlerkollegen, wie Fritz Winter, Karl Hartung und Ernst Wilhelm Nay, die den Weg zur gegenstandslosen Kunst einschlugen.
Ein etwas älterer Maler des Expressiven Realismus war der 1897 geborene, seit den dreißiger Jahren in Goßfelden bei Marburg, schließlich in Marburg selbst, lebende Franz Frank. Mit einem sowohl thematisch wie technisch breit gefächerten Werk hatte er bereits als junger Künstler auf sich aufmerksam gemacht. Der Marburger Kunsthistoriker Richard Hamann gehörte zu den Bewunderern seiner Malerei. Unter den Studenten Hamanns befand sich auch Rainer Zimmermann, der Anfang der 1950er Jahre in den Seminarräumen des Kunstgeschichtlichen Instituts und in den Ausstellungsräumen des Marburger Universitätsmuseums Grafik und Malerei Franks kennen lernte und schließlich den Künstler in Goßfelden besuchte. Zimmermann war von dem Werk des Künstlers fasziniert: "Ein großes Oeuvre von Gelegenheitsgedichten in Farbe, Zeugnisse eines zitternden Staunens vor den Erscheinungen unserer Welt." Und rückblickend erinnert er sich: "Das Phänomen der Frankschen Malerei hat mich nicht mehr losgelassen. Es war nur zu verstehen als eine neue, so noch nicht da gewesene Form des Realismus, eines expressiven Realismus'."
Zugleich wurde das Interesse Zimmermanns für weitere Künstler des Expressiven Realismus geweckt, die in den Wirren der europäischen Geschichte im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts gewissermaßen untergegangen waren und für das Kunstleben der Nachkriegszeit als "verschollen" gelten mussten. Das Werk des Düsseldorfers Otto Pankok (1893 - 1966), das Zimmermann durch eine kleine Ausstellung im Marburger Amerika-Haus vermittelt worden war, fand bald nach der Begegnung mit Frank sein lebhaftes Interesse. Wie im Falle Franks erschien ebenfalls im Jahr 1964 Zimmermanns Biographie des Künstlers.
Zu den Malern des Expressiven Realismus, die früh die Aufmerksamkeit Zimmermanns auf sich zogen, gehörte schließlich der Ulmer Wilhelm Geyer (1900 - 1968), ein Studienfreund Franks. Auch ihm widmete Zimmermann eine Biographie, die aber erst drei Jahre nach dem Tod Geyers, 1971, in Berlin erschien.
Im Laufe der Zeit lernte Rainer Zimmermann weitere Maler und Grafiker kennen. Eine Vielzahl von Publikationen Zimmermanns zu diesen Künstlern führte schließlich zu dem 1980 erschienenen Standardwerk "Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925 bis 1975" mit Kurzbiographien von rund 200 Malern und Grafikern. Vierzehn Jahre später konnte es in einer wesentlich erweiterten Fassung – mit rund 420 Künstlern – unter dem Titel "Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation" (1994) erneut herausgegeben werden.
Gleichzeitig entstand eine Sammlung mit Gemälden, Papierarbeiten und druckgraphischen Werken, die Rainer Zimmermann zum Teil im März 1994 als "Stiftung Expressiver Realismus – Sammlung Emmy und Rainer Zimmermann" der Marburger Philipps-Universität übergab. Großzügige Spenden der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Sparkasse Marburg-Biedenkopf sowie Sondermittel der Marburger Universität ermöglichten die Bearbeitung der Sammlung im Museum. Einschließlich verschiedener Zustiftungen von dritter Seite und einer im Jahr 2008 erfolgten abschließenden Stiftung der Sammlung Zimmermann umfasst der Bestand heute über 1.700 Werke.

