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Lehre

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Im WS 2019/2020 sowie im SoSe 2020 befindet sich Sven Opitz im Forschungsfreisemester.

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    Zeitordnungen (MA-Seminar, Modul „Theorien sozialer Ordnung“)

    Aus Sicht der Soziologie geht die Zeit der sozialen Organisation nicht voraus, sondern ist für die Herstellung sozialer Ordnung konstitutiv. Soziale Prozesse ereignen sich nicht nur „in“ der Zeit. Sie nehmen vielmehr erst im Zuge der Ausbildung einer ihnen eigenen Zeitlichkeit Gestalt an: Zeitpläne strukturieren den Alltag, Risikokalkulationen stellen einen spezifischen Zukunftsbezug her, Medientechniken zielen auf die weltweite Etablierung von Kommunikation in „Echtzeit“ ab. Vor diesem Hintergrund widmet sich das Seminar der Frage, wie die Soziologie die Dimension der Temporalität konzeptuell erfassen kann. Auf der Basis der Erarbeitung von Grundlagentexten, welche immer wieder über den disziplinären Tellerrand in Richtung Philosophie, Geschichte und Medientheorie hinausweisen, sollen verschiedene Aspekte sozialer Zeitordnung erschlossen werden – z.B. Gedächtnisordnungen, Zeitrhythmen oder Zukunftstechniken. Zugleich wird punktuell auf aktuelle Zeitphänomene eingegangen. Neben der kritischen Prüfung prominenter Zeit-Diagnosen wie jene der Beschleunigung (Hartmut Rosa, Paul Virilio) bilden Temporalitäten der Sicherheit einen thematischen Schwerpunkt des Seminars.

    Politiken der Ansteckung – Zur Geschichte der Übertragungskontrolle (MA-Seminar, Modul „Bedrohte Ordnung“, gemeinsam mit Dr. Andrea Wiegeshoff, FB 06)

    Die Sorge vor Ansteckung ist ein schillerndes Phänomen mit einer langen Geschichte. In ihr überlagern sich medizinische, soziale, moralische und politische Aspekte in historisch extrem variabler Gestalt: Als scheinbar rein körperlicher Prozess wird das Infektionsgeschehen in unterschiedlicher Weise auf Verhältnisse des Zusammenlebens bezogen, mit moralischen Zuschreibungen des „Unreinen“ verwoben und anhand politischer Maßnahmen bekämpft. Insbesondere Epidemien werden als Situationen angesehen, in denen die soziale Ordnung bedroht ist. Die verheerenden Pestzüge des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, die Cholera als Schrecken des 19. Jahrhunderts bis hin zur HIV/Aids-Krise der 1980er und den Ebola-Ausbrüchen der letzten Jahre – sie alle bieten reichlich Beispiele dafür, wie Epidemien nicht allein Leib und Leben bedrohen, sondern als gesellschaftliche und politische Krisenphänomene zu untersuchen sind. Das Seminar widmet sich vor diesem Hintergrund mit einem zeitlichen Schwerpunkt vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart den Kontrollpraktiken, welche die Gefahr von Übertragungen bannen sollen. Von Interesse sind etwa der historische Wandel von Containment-Strategien, Hygienemaßnahmen oder Verfahren der Vektorkontrolle. Zugleich ist die Kategorie der Ansteckung selbst Veränderungsprozessen unterworfen, die wissensgeschichtlich einzuholen sind. So entsteht mit der bakteriologischen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue Wissensordnung, die gerade im Bruch mit Vorstellungen der „miasmatischen“ Übertragung mit einem spezifischen politischen Maßnahmenbündel korrespondiert. Dabei ist interessant zu sehen, wie im 20. Jahrhundert erneut ökologische Konzeptionen der Krankheit eine Rückkehr erleben – wiederum mit Konsequenzen für die Politiken der Ansteckung. Eine solche Vielgliedrigkeit der Thematik lässt eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Politischer Soziologie und Geschichtswissenschaft geboten erscheinen, welche in diesem Seminar erprobt werden soll.

    Global Health Security (BA-Seminar, Module 6b, „Political Sociology“)

    Since the SARS-pandemic in 2002 and 2003 global health has increasingly been addressed as a security issue. Especially the World Health Organization (WHO) came to understand its primary task in providing what was now called „Global Health Security”. From a sociological perspective, this linkage between health and security is highly significant for the fact that societal modes of dealing with phenomena change fundamentally as soon as they are problematized in terms of security: acts of “securitization” turn a given situation into an existential drama of survival vis-à-vis an existential threat which calls for exceptional measures; the concern for matters of life and death feeds into biopolitical modes of governing. This seminar elaborates conceptual tools for empirically investigating the contemporary securitization of global health, its procedures and its effects. It focuses on surveillance programms, border technologies, humanitarian design, legal regulations, contingency plans, and forms of risk management inter alia. It will become clear that biological problems of infection are of utmost relevance for the sociological inquiry of relationalities. The anxiety about pathogenic agents goes hand in hand with a heightened concern for the material contacts that bind humans with microbes, animals and things. Accordingly, the seminar will investigate how the securitization of health tends towards the securitization of collective life.

    Politik der Infrastruktur (BA-Seminar, Modul 6b, Politische Soziologie)

    Dem lateinischen Wortstamm gemäß werden Infrastrukturen als das „Darunterliegende“ angesehen: all jene Leitungen, Kabel und Rohre, die im Verborgenen liegen und oftmals erst sichtbar werden, wenn sie Defekte aufweisen und ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Lange Zeit haben die Sozialwissenschaften den Infrastrukturen keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie schienen in ihrer stummen Objekthaftigkeit kaum als soziologischer Tatbestand. Diese mangelnde Kenntnisnahme hat sich jedoch in den letzten Jahren mit einem neuen Interesse an der Materialität des Sozialen grundsätzlich gewandelt. Infrastrukturen werden nun als jene „Gefüge“ oder „Assemblagen“ untersucht, welche Verbindungen etablieren und Zirkulationsprozesse aufrecht erhalten. Sie erscheinen als „Mittler“ von Beziehungen, die in der Herstellung von Kollektivität eine aktive Rolle spielen. Dieses Seminar strebt einen Überblick über die sich entfaltende Debatte an, indem es nach der „Politik der Infrastruktur“ fragt: Wie werden Formen des Gemeinsamen verhandelt, indem Zusammenhänge und Ressourcenflüsse konfiguriert werden? Konzeptuelle Fragen danach, wie die Soziologie die Materialität von Infrastrukturen in Rechnung stellen kann, werden dabei in engem Kontakt mit Fallstudien etwa zur globalen Logistik, zu so genannten Smart Cities, zur Müllentsorgung oder zu Unterseekabeln behandelt.

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    Die Soziologie und das Politische (BA Vorlesung mit Übung, Modul 7b)

    Die Soziologie und die politische Theorie haben ein gespanntes Verhältnis zueinander. Während die klassische Soziologie mit wertneutralen Einsichten in die Prozesse moderner Vergesellschaftung für sich als Königsdisziplin wirbt, behauptet die politische Theorie des 20. Jahrhunderts ein Primat des Politischen. Erst das Politische, so die These, leitet den Blick auf die kontingenten Grenzziehungen, Entscheidungen und Artikulationen, die den politischen und sozialen Raum definieren. In dieser Vorlesung soll das derart gespannte Verhältnis zwischen Soziologie und politischer Theorie im Mittelpunkt stehen. Dabei werden zum einen jene Positionen diskutiert, die einen Primat des Politischen gegenüber dem Sozialen behaupten: nicht zuletzt die maßgeblichen Arbeiten von Hannah Arendt und Carl Schmitt. Zum anderen wird nachverfolgt, wie diese Perspektiven im soziologischen Denken aufgenommen wurden: Welche Anregungen und Abgrenzungen, Inspirationen und Verwerfungen lassen sich feststellen? Dabei wird sich die Vorlesung auf die Arbeiten zur politischen Soziologie insbesondere von Niklas Luhmann, Bruno Latour und Pierre Bourdieu und konzentrieren. Auf diese Weise soll die Vorlesung zur Klärung der Frage beitragen, wie die Soziologie heute das Politische begrifflich in Rechnung stellen kann.

    Medien der Zirkulation  (MA Seminar, gemeinsam mit Prof. Dr. Malte Hagener)

    Medien sind nicht nur Agenturen des Speicherns, Abrufens und Wiedergebens, sondern sie setzen auch in Bewegung, sie lassen etwas zirkulieren – Botschaften und Objekte, Sendungen und Diskurse, Pakete und Parasiten. Während Medien lange Zeit vor allem in Bezug auf ihre Inhalte und Organisationsformen hin verstanden wurden, scheint unsere Gegenwart zunehmend einen anderen Zugang nahezulegen, nämlich Medien als Logistiken und Infrastrukturen der Zirkulation zu verstehen. Das Seminar macht sich diesen Perspektivwechsel zu Eigen und fragt nach der medialen Konstitution von Zirkulationsordnungen. Dabei geraten ganz unterschiedliche Formen der Zirkulation in den Blick: globale Lieferketten und Ansteckungsprozesse, Elektrizitätsströme und Verkehrsbewegungen, Echtzeitkommunikation und ökologische Stoffwechselprozesse. Diese Zirkulationsphänomene werden jeweils durch spezifische mediale Arrangements (z.B. Grenzregime, Leitungsnetzwerke, Kommunikationsstandards, Simulationsmodelle) ausgerichtet, sichtbar gemacht und bearbeitet. Konzeptuell stützt sich das Seminar auf aktuelle Debatten an der Schnittstelle von Sozial- und Geisteswissenschaften, welche das komplexe Zusammenwirken von Dingen, Akteuren, Institutionen und Apparaturen auf die jeweiligen medientechnischen Möglichkeitsbedingungen beziehen (u.a. Actor-Network-Theory, Dispositivanalyse, Medienarchäologie). Auf diese Weise soll die mediale Verfasstheit von Zirkulationsordnungen sowohl historisch als auch in Bezug auf die gegenwärtige Situation kritisch untersucht werden.

    Theorien der Ordnung (MA Seminar)

    Das Problem der sozialen Ordnung steht seit der Gründung der Soziologie im 19. Jahrhundert im Zentrum der Disziplin. Dabei gilt soziale Ordnung von Beginn an als historisch wandelbar und sogar prekär. Entsprechend betritt der Soziologe die Bühne als eine Figur, welche die Prozesse der Ordnungsbildung im Horizont einer als krisenhaft beschriebenen Moderne beobachtet: Wie ist so etwas Unwahrscheinliches wie soziale Ordnung überhaupt möglich? Die Veranstaltung möchte dem neugierigen Erstaunen folgen, das in diesem wissenschaftlichen Programm bis heute nachhallt. Sie behandelt dazu erstens maßgebliche theoretische Ansätze, die dem Problem überhaupt erst eine spezifische Form geben. Zweitens gilt es einem möglichen Ordnungsbias innerhalb der Soziologie zu begegnen, indem zentrale Konzepte erarbeitet werden, welche ebenfalls Unordnungsdynamiken erfassen (z.B. Krise oder Chaos). Drittens werden in exemplarischer Weise Techniken und Medien der Ordnungsproduktion auf die ihnen immanenten Ordnungsentwürfe hin analysiert. Dabei gerät auch die Soziologie selbst – ihre Verfahren, Metaphern und nicht zuletzt ihr numerisches Wissen – in den Fokus der kritisch-reflexiven Untersuchung.

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    Biosoziale Verbundenheiten (MA Seminar)

    Die Geschichte der Soziologie wird gemeinhin als eine Geschichte der Emanzipation vom Biologischen erzählt. Bereits Klassiker wie Emile Durkheim oder Max Weber haben den Begriff des Sozialen in Abgrenzung zum Bereich des Lebens entwickelt. Entsprechend fällt es dem Fach bis in die Gegenwart schwer, die Bedeutung biologischer Sachverhalte für das Verständnis sozialer Phänomene in Rechnung zu stellen. Symptomatisch dafür ist der Umstand, dass die Bezugnahme auf vitale Prozesse schnell im Verdacht steht, einem „biologischen Reduktionismus“ anheim zu fallen. Zugleich aber liegen die Verwicklungen des Lebens und des Sozialen empirisch offen zutage – heute vor allem im Kontext ökologischer Probleme, aber auch angesichts von Fragen der Krankheitsbekämpfung, der Nahrungsmittelproduktion oder der Gestaltung des Mikrobioms. Das Seminar widmet sich derartigen Phänomenen, um das Verhältnis der Soziologie zum Bereich des Lebendigen einer Neubetrachtung zu unterziehen. Es knüpft dabei an unterschiedliche theoretische Versuche aus den Bereichen der Science Studies, der Anthropologie und der Gender Studies an, biosoziale Verbindungen denkbar zu machen. Auf diese Weise soll die in den Sozialwissenschaften fest verankerte „Biophobie“ (Meloni et al.) überwunden werden.

    Risiko und Gefahr (BA Seminar, Modul 7b)

    Egal, ob es um Gesundheitsrisiken, Terrorrisiken, Finanzrisiken oder Umweltrisiken geht – die Gegenwart scheint durch eine regelrechte Risikoinflation gekennzeichnet zu sein. Entstanden ist der Risikobegriff jedoch bereits im Bereich der mittelalterlichen Handelsschifffahrt. Er verweist auf ein Wagnis im Angesicht einer ungewissen Zukunft, deren Eintrittswahrscheinlichkeit in der Moderne mit den Mitteln der Stochastik berechnet wird. In den letzten Jahrzehnten ist eine Zunahme von Risikoszenarien festzustellen, in denen sowohl die Unkalkulierbarkeit als auch die Unkompensierbarkeit von Gefahren akzentuiert wird. Die Zukunft erscheint vordringlich als Katastrophe. Das Seminar widmet sich diesem Zusammenhang, indem es zunächst die klassischen Positionen der Risikosoziologie erarbeitet (u.a. Ulrich Beck, Mary Douglas, Niklas Luhmann). Im Anschluss werden unterschiedliche Zukunftspolitiken analysiert: Ausgehend von den einschlägigen Arbeiten zur Versicherung (François Ewald) und zum „gefährlichen Menschen“ (Michel Foucault) werden die post-probabilistischen Rationalitäten der Vorsorge („precaution“), der Vorbereitung („preparedness“) und der „Präemption“ („preemption“) untersucht. Die Auseinandersetzung mit aktuellem Fallmaterial u.a. aus dem Bereich der Terrorismusbekämpfung und der Biosicherheit soll helfen, die verschiedenen Techniken der Antizipation anschaulich sowie kritisch diskutabel zu machen.

    Politik des Planetarischen (BA Seminar, Modul 7b)

    Man kann innerhalb der Sozialwissenschaften derzeit eine Verschiebung vom Globalen zum Planetarischen feststellen. Die Soziologie der Globalisierung hat die Welt seit den 1990er Jahren als Sphäre vorgestellt, in der grenzüberschreitende Transaktionen in Echtzeit ablaufen. Soziale Phänomene im globalen Maßstab zu betrachten bedeutete, ihre augenblicklich weltumspannende Qualität in Rechnung zu stellen. Auch die Rede vom Planetarischen signalisiert eine umfassende Optik. Allerdings hat sich der Blick verdüstert, geht es doch nun primär um die Bedingungen des Lebens und Überlebens auf der Erde. Soziale Prozesse werden zum geologischen Faktor in einem Zeitalter, in dem die „life support systems“ erodieren – dem „Anthropozän“. Diese Verschiebung korreliert mit einer erhöhten Aufmerksamkeit für die Einfaltung gesellschaftlicher Praktiken in die Materialitäten des Mehr-als-Menschlichen: Böden, Meere, Pflanzen, Tiere, Mikroben und die Atmosphäre. Das Seminar nähert sich diesem Komplex auf dem Wege der Auseinandersetzung mit spezifischen Phänomenen wie dem Klima, kontaminierten Landschaften und ökologischen Sensing-Technologien. Zugleich fragt es nach den sozialtheoretischen und auch methodologischen Herausforderungen, die eine Beschäftigung mit den Turbulenzen des Erdsystems an die Sozialwissenschaften stellt. Auf diese Weise soll eine Politik des Planetarischen vermessen werden, welche das Verhältnis der Soziologie zum Politischen im Kern betrifft.

    Globale Gesundheitssicherheit (BA Seminar, Modul 7b)

    Spätestens seit der SARS-Pandemie von 2002/2003 wird globale Gesundheit zunehmend unter Sicherheitsgesichtspunkten behandelt. So sieht nicht zuletzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre primäre Aufgabe heute in der Gewährleistung von Global Health Security. Diese Verbindung von Gesundheit und Sicherheit ist aus sozialwissenschaftlicher Sicht bemerkenswert, weil sich der Umgang mit einem Phänomen grundlegend ändert, sobald es als Sicherheitsproblem behandelt wird: Die „Versicherheitlichung“ bewirkt die politische Dramatisierung einer gegebenen Situation und drängt auf die Ergreifung außerordentlicher Maßnahmen. Vor diesem Hintergrund untersucht das Seminar sowohl die Verfahren als auch die Effekte der Versicherheitlichung von Gesundheit. Es richtet das Augenmerk u.a. auf Notfallpläne, Überwachungstechnologien, humanitäres Design, Grenztechniken, Verfahren des Risikomanagements sowie auf rechtliche Regulierungen. Dabei zeigt sich, dass die scheinbar bloß biologische Problematik der Infektion für das soziologische Studium von Relationen von herausragender Bedeutung ist. In der Behandlung von Krankheitsgefahren geraten nämlich jene materiellen Kontakte in den Blick, durch die sich Menschen mit Mikroben, Tieren und Dingen zu Ansteckungsgemeinschaften verbinden. Die Versicherheitlichung der Gesundheit erweist sich immer auch als eine Versicherheitlichung des Zusammenlebens.