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Living Library

Die Living Library ist ein Konzept, das nach dem Prinzip einer traditionellen Leihbibliothek funktioniert. Menschen können ein Buch entleihen, es lesen, nach einer gewissen Zeit wieder zurückgeben und ein neues entleihen. Bei der Living Library handelt es sich allerdings nicht um materielle Bücher, sondern um Menschen, die sich für ein Gespräch mit oder ohne spezifisches Thema zur Verfügung stellen, mit dem übergeordneten Ziel, Vorurteile in Frage zu stellen und zu reduzieren. Die lebendigen Bücher gehören dabei entweder Personengruppen an, die mit Vorurteilen, Diskriminierung oder Stigmatisierung konfrontiert sind, z. B. Flüchtlinge oder Personen mit psychischen Störungen, oder Personengruppen, die stellvertretend über die eben genannten Gruppen informieren können. Die Entleiher erhalten so die Möglichkeit, mit den Personen in Kontakt zu treten, mit denen sie sonst eher weniger in Kontakt treten können oder wollen und sich zu informieren. So wird ein konstruktiver Dialog über die Vorurteile ermöglicht, die häufig zur Diskriminierung der lebendigen Bücher beitragen (Little et al., 2011). Die Wirksamkeit der Living Library konnte bereits nachgewiesen werden (Orosz, Bánki, Bőthe, Tóth-Király, & Tropp, 2016). Orosz et al. (2016) zeigten, dass das Konzept die Vorurteile von Schülern gegenüber Roma, Homosexuellen sowie Transgender reduzieren kann. Eine ausführliche Reflexion zu dem Thema im Rahmen der Lehre der klinischen Kinder- und Jugendpsychologie finden Sie hier.

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen HintergrundHintergrund

    Ursprünglich ist die Idee einer Living Library auf die dänische Jugendinitiative Foreningen Stop Volden („Stoppt Gewalt“) zurückzuführen. Nachdem ein gemeinsamer Freund Opfer eines rassistisch motivierten Überfalls geworden war, gründete sich diese Jugendgruppe im Jahr 1993. Das Ziel war zunächst, Aufmerksamkeit für und Engagement gegen Gewalt unter Jugendlichen zu fördern und Vorurteile abzubauen. Als „Stoppt Gewalt“ von dem damaligen Direktor eines dänischen Rockfestivals dazu eingeladen wurde, mit einem Event Vorurteile zu reduzieren und die Beziehungen zwischen den Festivalbesuchern zu verbessern, entwickelten sie die erste Menneske Biblioteket („Menschliche Bibliothek“; Rasch & Unterholzner, 2015). Zur Verbreitung des Konzepts trug vor allem der Europarat bei, der es 2003 in sein Programm aufnahm. Auslöser hierfür war die Erkenntnis, dass Menschenrechte nicht allein durch Rechtstexte verteidigt und gefördert werden können (Little et al., 2011). So wurden im Jahr 2011 bereits in über 60 Ländern erfolgreich Living Library organisiert, sodass mittlerweile zahlreiche Institutionen, z. B. Buchmessen, Schulen und Bibliotheken, auf die Living Library aufmerksam geworden sind und das Konzept adaptiert haben (Rasch & Unterholzner, 2015).

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    Auch in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, stellt die Living Library eine mögliche Methode dar, um Vorurteile, Misstrauen und Kontaktangst vor gesellschaftlichen Minderheiten zu reduzieren (Schachner, 2007). So basiert das KJ2a-Seminar zu Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter auf dem Konzept der Living Library. Die Idee ist, mit dem innovativen Konzept Menschen bereits im Kindes- und Jugendalter über unterschiedliche psychischen Störungen, die bei Minderjährigen auftreten können, und über Psychotherapie zu informieren und so zum einen bestehende Vorurteile abzubauen und zum anderen präventiv dem Entstehen weiterer Vorurteile entgegenzuwirken. Darüber hinaus sollen im Rahmen des Konzepts auch Personen aus dem unmittelbaren Umfeld von Kindern und Jugendlichen, z. B. Eltern und LehrerInnen, informiert und aufgeklärt werden. Um dies zu erreichen, informieren und diskutieren die SeminarteilnehmerInnen als lebendige Bücher mit den Kindern und Jugendlichen als Buchentleiher über die Ätiologie, Epidemiologie, Symptome, psychosoziale Belastungen, aber auch über die vielversprechenden Behandlungsmaßnahmen und langfristige „Chancen“ psychischer Störungen. Das zentrale Bestreben des Living Library-Konzepts im KJ2a-Seminar ist, Vorurteile über Menschen mit psychischen Störungen durch die Förderung eines konstruktiven Dialogs über Stereotype, die häufig zur Diskriminierung von Einzelpersonen oder Gruppen führen, zu reduzieren.

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    Dass es sich hierbei um eine sinnvolle Zielgruppenauswahl handelt, zeigen Ergebnisse einer Umfrage von Moses (2010). Hier gaben 62 % der befragten Jugendlichen aus den USA an, Stigmatisierung in Beziehungen zu Gleichaltrigen zu erleben, was häufig zu Freundschaftsverlusten geführt habe. Ca. die Hälfte (46 %) beschrieben Stigmatisierung durch Familienmitglieder, die oft in Form von ungerechtfertigten Annahmen, Misstrauen, Vermeidung und Mitleid erfolgt sei. Etwa ein Drittel (35 %) der Teilnehmer berichteten sogar von Stigmatisierung durch das Schulpersonal, die sich in Angst, Abneigung, Vermeidung und Unterschätzung ihrer Fähigkeiten geäußert habe.

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen SeminarzieleSeminarziele

    Entwicklung von Verständnis und Toleranz für Menschen mit psychischer Störung

    Erwerb von Wissen über die gute Behandelbarkeit psychischer Störungen und damit Reduktion der Angst bei Eltern, Lehrkräfte und bereits betroffenen Kindern oder Jugendlichen

    Spezifisch für Eltern, Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher: Erwerb von Wissen über die vielfältigen Möglichkeiten, den Umgang mit Kindern mit psychischer Störung zu erleichtern und so Motivation für den Einsatz dieser Hilfsstrategien zu Hause, im Klassenzimmer oder in der Kita herzustellen

    Spezifisch für die lebendigen Bücher: Ausbau und Erweiterung des Wissens über Psychotherapie und psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen; Entwicklung der Kompetenz, das psychologische Fachwissen fachfremden jungen und erwachsenen Buchentleihern verständlich, kreativ und interessant zu vermitteln.

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen ZielgruppeZielgruppe

    Kinder- und Jugendliche (aller Altersgruppen) in Kitas/Kindergärten, aller Schulformen sowie Lehrkräfte, Erzieher*innen.

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Kommunikationspartner*innen und NetzwerkKommunikationspartner*innen und Netzwerk

    Erzieher*innen und Lehrkräfte von Kitas, Kindergärten und Schulen in Marburg und im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Unterstützt wird das Projekt vom staatlichen Schulamt Marburg. Bislang haben wir das Format einmal offen für alle Interessierten in der Universitätsbibliothek in Marburg umgesetzt (21. und 23. Januar 2019; siehe Flyer im Anhang). Zu dieser Veranstaltung kamen zum einen eine komplette Kindergartengruppe (Alter 3-7 Jahre) aus Marburg sowie verschiedene Lehrkräfte und Schüler*innen. Aufgrund der im Dialog gewonnenen Rückmeldungen wurde deutlich, dass solch ein offenes Format für die Institutionen schwierig ist und die Schwelle niedriger ist, wenn das Angebot direkt in den Institutionen z. B. im Rahmen eines Projekttages stattfindet. Basierend auf diesen Rückmeldungen bieten wir im kommenden Jahr die Living Library am 27. und 28. Januar 2020 an der Elisabeth-Schule (komplette 7. Jahrgangsstufe) und Martin-Luther Schule (komplette 10. Jahrgangsstufe) in Marburg an.

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Einbezug Studierende und Jungwissenschaftler*innenEinbezug Studierende und Jungwissenschaftler*innen

    Das Projekt ist wie die Psychologischen Kinderbücher in die Lehre eingebunden und baut ebenfalls auf dem sehr guten Störungswissen der Studierenden auf. Die Studierenden lernen, eine altersadäquate Sprache ohne Fachausdrücke zu verwenden und Wissen zu verschiedenen Störungen nicht-pathologisierend zu vermitteln und auf Ressourcen der Betroffenen einzugehen. Im Seminar erarbeiten die Studierenden zunächst das „lebendige Buch“ und wir üben die Durchführung in Rollenspielen. Auf Fact-Sheets werden die „lebendigen Bücher“ kurz zusammengefasst und den Schulen zur Verfügung gestellt sowie auf unserer Homepage veröffentlicht. Die Ausgestaltung der „lebendigen Bücher“ ist bislang hoch kreativ. Durch die Durchführung des Seminars auch von Doktorand*innen und Post-Doktorand*innen werden diese für neue Lehrformate und den Dialog mit den Zielgruppen motiviert.

Zum Thema "Mobbing" siehe folgenden Link:

https://drive.google.com/file/d/1VTwQxSNr5AfTHAsOPs3bf589-TKAR423/view?usp=sharing