17.04.2026 27.04.206, 16:00 Uhr: Artist Talk mit Daniela Comani zu ihrer Installation „Orlando's Library“

Artist Talk im DDK – Bildarchiv Foto Marburg im Vorfeld der direkt anschließenden Ausstellungseröffnung um 18:00 Uhr im Vortragsraum der Universitätsbibliothek Marburg

Daniela Comani, Orlando's Library, MAMbo Museo, Bologna, 2023
© Ornella De Carlo
Daniela Comani, Orlando's Library, MAMbo Museo, Bologna, 2023, © Ornella De Carlo

Artist Talk mit Daniela Comani
27.04.2026 um 16:00 Uhr | Vortragssaal des DDK – Bildarchiv Foto Marburg
Begrüßung: Prof. Dr. Hubert Locher, Direktor des DDK – Bildarchiv Foto Marburg
Einführung: Dr. Kathrin Heinz, Mariann Steegmann Institut. KUNST & GENDER, Bremen


Mit Orlando's Library verwandelt die Künstlerin Daniela Comani einen Gruppenarbeitsraum in der Universitätsbibliothek der Philipps-Universität Marburg in ein begehbares Bücherregal, das den Kanon der Weltliteratur aus ungewohnter Perspektive sichtbar macht. Auf raumgreifenden Tapeten, die Bücherregale zeigen, versammeln sich vertraute Klassiker – etwa von Fedor Dostojewski, Miguel de Cervantes und Gustave Flaubert bis zu Ernest Hemingway, Antoine de Saint-Exupéry oder Robert Musil. Doch wer kann für sich behaupten, "Die Schwestern Karamasow", "Doña Quixote" oder oder "La Petite Princesse" wirklich schon gelesen zu haben?

Daniela Comanis Installation basiert auf der Serie "Neuerscheinungen", hrsg. von Daniela Comani. Darin verändert die aus Bologna stammende, in Berlin lebende Künstlerin die Titel kanonischer Werke minimal – und doch entscheidend. In Marburg steigert sie diesen Eingriff erstmals in einer tatsächlichen Bibliothek zu einer ortsspezifischen Intervention: Tapetenbahnen formen eine Trompe-l'œil-Bibliothek, die den Eindruck erweckt, man bewege sich zwischen echten, dicht bestückten Regalen. Besucher*innen der Bibliothek werden so zu Beteiligten eines Raums, der sich nahtlos in ihren Arbeits- und Studienalltag ebenso einschreibt wie in ihre Freizeit. Somit lädt die Künstlerin dazu ein, die Selbstverständlichkeit des literarischen Kanons zu hinterfragen. Welche Veränderungspotenziale eröffnen sich für die Geschichtsschreibung, ihre Zuordnungen, Klassifikationen und Genealogien? Wer tritt als Protagonist*in auf, wessen Geschichten werden erzählt – und welche Stimmen fehlen bis heute in den Regalen?

Vor dem Hintergrund eines noch immer von männlichen Autoren dominierten Kanons – in dem weniger als ein Viertel der Werke von Autorinnen stammt – rückt die in Anspielung auf Virginia Woolfs berühmten Roman benannte Orlando's Library Geschlechterverhältnisse in der Literaturgeschichte ins Zentrum. Comani verbindet dabei konzeptuelle Strenge mit feinem Humor und schärft den Blick für die Wirkung von Wiederholung, Benennung und Erinnerung. Unerwartete Einblicke in die kunstgeschichtliche Kanonschreibung ergeben sich zudem, wenn Comani ihre Buchobjekte in die Bibliotheksvitrinen legt, die unmittelbar vor der Library zu bewundern sind: darunter Werke wie "Die blaue Reiterin" über Ernst Kris' und Otto Kurz' bahnbrechende "Legende von der Künstlerin. Ein geschichtlicher Versuch" bis zu Gertrude Steins "Picassa".

Dass diese Auseinandersetzung ausgerechnet in einer Universitätsbibliothek stattfindet, ist kein Zufall. Die zentrale Bibliothek als Ort des Lernens, des Forschens und des öffentlichen Austauschs wird mit Comanis Installation selbst zum Schauplatz einer kritischen Lektüre von Geschlecht, Kanon und Wissensordnung. Zwischen Lernplätzen, Gruppenraum und Bücherreihen öffnet sich ein Raum, in dem Studierende, Lehrende und Besucher*innen buchstäblich mitten in den Bildern einer anderen Literaturgeschichte stehen. (Elena Zanichelli)


Daniela Comani: Orlando's Library

27. April 2026–17. Juli 2026  | Mo–So: 08:00–24:00 Uhr
Universitätsbibliothek der Philipps-Universität Marburg  |Deutschhausstr. 9, 1 OG rechts
Im Rahmen der Reihe „#SpeakingOfMultitudes“

Ausstellungseröffnung: 27.04.2026, 18:00 Uhr | Vortragsraum der Universitätsbibliothek Marburg
Einladung mit Programm