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Zur Geschichte des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung

Die Anfänge

Die initialen Vorarbeiten zur Gründung des „Gender-Zentrums“ begannen bereits in den 1990er Jahren. Getragen von einer Studien­gruppe, die aus Professorinnen, Frauen im Mittelbau, aber insbesondere aus Studentinnen bestand, wurde ein Antrag für ein Pilotprojekt beim HMWK entwickelt. Im Namen der Projektgruppe „Inter­disziplinäre Frauen- und Geschlechter­forschung“ (InFraGe) reichte Ingrid Kurz-Scherf (später Professorin der Politikwissenschaft an der UMR und eine der geschäftsführenden Direktorinnen am Zentrum) den Antrag ein. Das Ministerium äußerte bei diesem ersten Versuch „erhebliche Bedenken“ und forderte Nachbesserungen. Doch auch der überarbeitete Folgeantrag wurde als zu stark an der Lehre orientiert kritisiert und eine Verankerung in einem Forschungsumfeld wurde auch angemahnt. Dabei existierte dieses Umfeld bereits vor dem Antrag: Bereits 1989 hatte sich die IAG – die „Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Frauenforschung“ – gegründet. Die IAG gab gemeinsam mit der Zentralen Arbeitsstelle für Studienorientierung und -beratung (ZAS) und später auch mit der zentralen Frauenbeauftragten den Veranstaltungskalender für Frauen heraus. 40 Seminare und Vorlesungen waren dort etwa für das WiSe 1995/96 aufgeführt, die sich inhaltlich besonders mit Fragen der Rolle von Frauen in der Gesellschaft beschäftigten. Hinzu kamen Workshop-Angebote der ZAS und ein ebenso breiter Veranstaltungskatalog der kommunalen Frauenbeauftragten.

Ein Schwarz-weiß-Bild zeigt Menschen in einem Hörsaal. An der Tafel hängt ein Transparent mit der Aufschrift
Der „Frauenratschlag“ 1986 fordert ein „Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung und Gender Studies (ZiFuG). Quelle: Gudrun Hentges in: Nina Schumacher u.a. (Hg.), Sind wir schon da? Wegweiser durch 30 Jahre Gleichstellung an der Philipps-Universität, Marburg 2020, 73.

Trotz vieler – teilweise auch innerhalb der IAG – geäußerten Zweifel, ob das Zentrum breiten Anklang finden würde, reichten Prof. Dr. Renate Rausch, Dr. Karola Maltry und sechs Wissenschaftlerinnen aus dem Kreis der IAG gemeinsam mit dem damaligen Vizepräsidenten, Prof. Dr. Theo Schiller, im April 1998 beim HMWK erneut einen überarbeiteten Antrag zur Förderung des Pilotprojekts zur „Einrichtung eines interdisziplinären Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung“ ein – nur vier Wochen später sagte das Ministerium die Bewilligung der Mittel in Höhe von 80.000 DM zu. Nach dieser initialen Anschub-Bewilligung folgten bis zur Etablierung des Zentrums 2001 noch mehrere Fortsetzungsanträge der Förderung. Von Beginn an zeichnete sich das noch in Gründung befindliche Zentrum durch zukunftsorientierte, interdisziplinäre und internationale Forschungsansätze aus: 1999 fanden neben einem interdisziplinären Kolloquium mit Rednerinnen wie Gabriele Winker oder Ursula Beer auch die Tagung „Geschlechterverhältnisse im Kontext der Globalisierung“ und der Workshop „Das Internet als neues Medium der Geschlechterforschung“ statt. Ein Arbeitsschwerpunkt der Planungs­gruppe lag zudem in der Ausgestaltung eines künftigen Curriculums des „Zertifikats Gender Studies und feministische Wissenschaft“

Gründung 2001

Die Gründung des „Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung“ ist laut Satzung auf den 12.2.2001 datiert. Die konstituierende Mitglieder- und Direktoriums­versammlung fand am 9.4.2001 statt. Der Name hebt das spezifische Profil unter den damals an allen Hessischen Hochschulen gegründeten Zentren hervor. Es geht darum, die beiden Begriffe Geschlechterforschung und Feminismus im Titel zu verankern und die Zukunft als Zielpunkt gesellschaftspolitischer Veränderungen in den Blick zu nehmen. Das Zentrum ist seit seiner Gründung mit den anderen hessischen, deutschen und zunehmend auch mit internationalen Zentren für Geschlechterforschung vernetzt. Es steht allen Disziplinen der Philipps-Universität offen und zeichnet sich, wie bereits die Gründungsgruppe zeigt, durch breite Beteiligung vieler Fächer aus.

Ein Schwarz-weiß-Foto zeigt 12 Personen, die für ein Gruppenbild zusammenstehen bzw. -sitzen.
Bild von der Gründungsfeier 2001 (Foto privat vermittelt durch Dr. Silke Lorch-Göllner, Frauenbeauftragte der Universität von 1998-2017)
Hinten v.l.n.r.: Prof. Dr. Ina Merkel (Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft), Prof. Dr. Thomas Anz (Neuere Deutsche Literatur), Prof. Dr. Ulrike Prokop (Erziehungswissenschaften), Prof. Dr. Maria Funder (Soziologie), Prof. Dr. Elisabeth Rohr (Erziehungswissenschaften), Dr. Elisabeth Hartlieb (Evangelische Theologie), Dr. Michael Liegl (Philosophie), Prof. Dr. Angela Standhartinger (Evangelische Theologie).
Vorne v.l.n.r.: Maria Sporrer (Politikwissen­schaft), Dr. Karola Maltry (Politikwissenschaft, erste Geschäftsführerin des Zentrums), HD Dr. habil. Gabriele Sturm (Soziologie, erste Direktorin), Prof. i.R. Dr. Renate Rausch (1930-2007, Soziologie).

Neben dem fächerübergreifenden Studienprogramm stand von Beginn an die Vernetzung der vielfältigen feministischen Geschlechterforschung in Marburg im Fokus. Zunächst geschah dies in drei Arbeitsbereichen: Raum Zeit, Bewegte Transformation – Bewegungs- und Transformations­dynamiken im Wandel der Geschlechterverhältnisse, sowie Kommunikation & Neue Medien. Ziel des Zentrums war es auch immer, wissenschaftliches Personal in den Qualifikationsphasen zu unterstützen und so gab es Kolloquien zu verschiedenen Phasen und Lehraufträge für Nachwuchskräfte, die so die eigene Forschungsperspektive und deren Ergebnisse zur Diskussion stellen konnten. Zur Sichtbarkeit des Zentrums trugen außerdem über Drittmittel finanzierte Forschungs­verbünde bei, z.B. das Promotionskolleg der Hans-Böckler-Stiftung »Geschlechterverhält­nisse im Spannungsfeld von Arbeit, Organisation und Demokratie« (2004-2013) sowie die beiden BMBF-Projekte »GendA Netzwerk feministische Arbeits­forschung« (2002-2005) und »REVERSE – Krise der Geschlechterverhältnisse? Anti-Feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potenzial« (2017-2020).

Im Jahr 2009 gelang es, mit Hilfe des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Professorinnen-Programms eine vorgezogene Neubesetzung der Professur für Politik und Geschlechterverhältnisse am Fachbereich 03 zu erreichen. Bereits fünf Jahre bevor Prof. Ingrid Kurz-Scherf in den Ruhestand ging, konnte die Professur so – ergänzt um den Schwerpunkt Sozial- und Arbeitspolitik – mit Prof. Dr. Annette Henninger besetzt und damit institutionelle Kontinuität gesichert werden. Die derzeitige Stelleninhaberin ist aktives Mitglied am Zentrum, war Projektleiterin des REVERSE-Projekts und ist mit weiteren Kolleginnen aus dem Zentrum in disziplinenübergreifenden Forschungsprojekten involviert.

Die Jubiläumstagung zum 10-jährigen Bestehen fand vom 29.-30.4.2011 zum Thema „Emanzipation: Verwicklungen, Verwerfungen, Verwandlungen“ statt. Die Beiträge sind publiziert in: Carmen Birkle (Hg.), Emanzipation und feministische Politiken. Verwirklichungen, Verwerfungen, Verwandlungen. Königstein: Helmer, 2012.

Gegenwart

Aus dem Profil der Philipps-Universität ist die Geschlechterforschung mit ihrem Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung nicht mehr wegzudenken. Die Genderforschung wird in Forschungsverbünden und Einzelforschungsprojekten vorangetrieben. Die Forschungsergebnisse wurden bisher in Einzelbänden oder in der zentrumseigenen Reihe des Ulrike-Helmer-Verlages publiziert; auch die jährliche Ringvorlesung, sowie Tagungen und teilweise auch Beiträge aus der jährlich stattfindenden Gender Lecture werden in diesen Bänden dokumentiert. Veröffentlicht wurden bis 2012 in der Schriftenreihe des Zentrums auch Magister-, Diplom-, Bachelor-, und Masterarbeiten. Die Fortführung solcher Veröffentlichungen auf dem Online-Portal fe_Marburg stellte sich bald als zu zeitaufwändig heraus. Heute bietet das Portal Blogs und Podcasts zu feministischen Themen, bewirbt Veranstaltungen und unterstützt die Vernetzung feministischer Gruppen an der Universität und in der Stadt. Außerdem trifft sich das fe_Marburg Kollektiv regelmäßig zu einem offenen Diskussionsforum.

In den Jahren 2010-2014 fanden im Wintersemester Gender Lectures zu aktuellen Themen statt, z.B. „Globale Aufbrüche? Fokus: arabische Revolutionen“ (2011/12), „Globale Aufbrüche? Fokus: Formen feministischen Widerstands in Ost- und Mitteleuropa“ (2012/13) und „Natur – Naturalisierung – NatureCultures. Aktuelle Perspektiven auf ein feministisches Kernthema aus Naturwissenschaft und Technoscience Studies“ (2013/14). Seit 2015 werden zur Gender Lecture prominente Genderforscher:innen eingeladen, u.a. Rosi Braidotti (2015), Linda Zerilli (2016), Londa Schiebinger (2017), Jack Halberstam (2018), Sarah R. Farris (2019) und Angela McRobbie (2020). Gut besucht ist außerdem der „Mobile Studientag feministische Rechtswissenschaft“, der 2018 bereits zum 11. Mal stattfand.

Foto: Johanna Heil

Für die Studierenden im „Zertifikat Gender Studies und feministische Wissenschaft“, das sich großer Beliebtheit erfreut und Studierenden aller Disziplinen offensteht, organisiert das Zentrum jeweils im Sommersemester eine Ringvorlesung zu aktuellen Themen. Darüber hinaus vergibt das Zentrum zweimal jährlich auf Antrag Gelder zur Durchführung von Workshops, Ausstellungen, Symposien u.a. und fördert studentische Initiativen.

Im 20. Jubiläumsjahr veranstaltet das Zentrum im Sommersemester 2021 die Studium-Generale-Reihe „Feminismen im Dialog“. Im Format eines Generationendialogs werden dabei Kernthemen deutschsprachiger Geschlechterforschung diskutiert, die selbst immer im Dialog zwischen Forschung, Lehre und sozialen Bewegungen steht.