15.06.2026 Vortrag "Imaginationen globaler Ordnung. Zum Vertrautheitsproblem ihrer Strukturbildung"

Die Erosion der liberalen internationalen Ordnung – Vertrautheit, Imagination und globale Ordnung

Zu sehen ist das Bürogebäude der Vereinten Nationen in Genf. Vor dem Palais des Nations erstreckt sich die Allée des Nations, mit den Flaggen der UN-Mitgliedstaaten.
Foto: Hugo Magalhaes via Pexels
Büro der Vereinten Nationen in Genf.

Am 1. Juni 2026 wurde die Ringvorlesung „Die globale Ordnung im Prozess ihrer kontinuierlichen Aushandlung“ mit einem Vortrag von unserem Geschäftsführer, Dr. Henning de Vries, fortgesetzt. Unter dem Titel „Die Erosion der liberalen internationalen Ordnung – Vertrautheit, Imagination und globale Ordnung“ widmete sich de Vries der Frage, wodurch globale Ordnungen ihre Selbstverständlichkeit gewinnen und wie diese verloren gehen kann. Im Mittelpunkt stand die Annahme, dass die gegenwärtige Krise der liberalen internationalen Ordnung weniger auf ein Defizit an Vertrauen oder Durchsetzungskraft zurückzuführen ist als vielmehr auf den Verlust jener Vorstellungskraft, die diese Ordnung lange Zeit als selbstverständlich erscheinen ließ.

Zu Beginn skizzierte de Vries die gegenwärtige Lage der internationalen Ordnung. Er verwies darauf, dass zentrale Akteure weiterhin auf die Sprache des Völkerrechts zurückgreifen, diese jedoch zunehmend für unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Zwecke nutzen. Beispiele hierfür seien die russische Berufung auf Selbstverteidigung und Völkermordvorwürfe im Kontext des Krieges gegen die Ukraine oder Chinas Verweis auf staatliche Souveränität zur Legitimation seiner Ansprüche gegenüber Taiwan. Zugleich würden auch jene Staaten, die lange als Träger der liberalen Ordnung galten, deren Grundprinzipien zunehmend selbst infrage stellen. Obwohl Institutionen und Normen des Völkerrechts formal fortbestehen, verliere die Ordnung ihre Selbstverständlichkeit und damit ihre orientierende Kraft.

Den theoretischen Kern seines Vortrags entwickelte de Vries anhand der von Niklas Luhmann geprägten Unterscheidung zwischen „Vertrautheit“ und „Vertrauen“. Vertrautheit bezeichnet die grundlegende Selbstverständlichkeit einer Ordnung, die Orientierung ermöglicht, ohne ständig reflektiert werden zu müssen. Vertrauen setzt eine solche Vertrautheit voraus und richtet sich auf zukünftige Erwartungen. Für die Analyse globaler Ordnung sei daher entscheidend, dass nicht zuerst das Vertrauen in einzelne Normen verloren gehe, sondern die Vertrautheit mit der Ordnung selbst. Die aktuelle Krise sei folglich Ausdruck eines tieferliegenden Verlusts jener Selbstverständlichkeit, auf der Vertrauen überhaupt erst aufbauen kann.

Um diesen Prozess zu erklären, führte de Vries den Begriff der Imagination ein. Globale Ordnung beruhe nicht allein auf Verträgen, Institutionen oder rechtlichen Regeln, sondern auf gemeinsamen Vorstellungen darüber, was diese Ordnung bedeutet und wie sie verstanden werden soll. Solche Imaginationen ermöglichen es, unterschiedliche politische Praktiken und Normen als Ausdruck einer zusammenhängenden Ordnung wahrzunehmen. Dabei griff de Vries auf theoretische Überlegungen von Charles Taylor, Cornelius Castoriadis und anderen Autoren zurück. Imaginationen seien weder rein subjektive Vorstellungen noch bloße Ideologien, sondern gesellschaftliche Deutungsmuster, die politische Ordnungen stabilisieren und ihnen Sinn verleihen.

Von besonderer Bedeutung war die Frage, wie solche Imaginationen historisch stabilisiert werden. De Vries argumentierte, dass jede globale Ordnung auf Mechanismen von Inklusion und Exklusion beruht. Sie definiert, wer als legitimer Akteur dazugehört, welche Wissensformen und Perspektiven als gültig anerkannt werden und auf welche historische Tradition sich die Ordnung beruft. Diese Stabilisierung vollzieht sich nach de Vries in einer räumlich-personalen, einer epistemischen und einer zeitlichen Dimension. Erst ihr Zusammenspiel ermögliche es einer Ordnung, dauerhaft als selbstverständlich wahrgenommen zu werden.

Im historischen Teil des Vortrags rekonstruierte de Vries vier zentrale Konstellationen globaler Ordnung. Die erste entstand nach den Napoleonischen Kriegen mit dem europäischen Konzert der Großmächte. Der Wiener Kongress und die anschließende Konzertdiplomatie schufen eine Ordnung, die auf dem Zusammenwirken europäischer Großmächte beruhte. Die zentrale Imagination bestand in der Vorstellung, dass diese Mächte gemeinsam für Stabilität und Ordnung verantwortlich seien. Begriffe wie Souveränität, Gleichgewicht oder Intervention erhielten in diesem Zusammenhang neue Bedeutungen. Zugleich blieb die Ordnung stark exklusiv, da ihre universellen Ansprüche faktisch auf einen europäischen und kolonial geprägten Raum beschränkt waren.

Die zweite Konstellation entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Völkerbund. Die Vorstellung einer institutionalisierten Staatengemeinschaft sollte die exklusive Logik des europäischen Konzerts überwinden und eine formal gleichberechtigte internationale Ordnung schaffen. Zentrale Leitideen waren kollektive Sicherheit, nationale Selbstbestimmung und die Gleichheit souveräner Staaten. De Vries zeigte jedoch, dass diese Imagination nur begrenzt erfolgreich war. Insbesondere das Mandatssystem reproduzierte koloniale Hierarchien und knüpfte weiterhin an zivilisatorische Unterscheidungen an. Auch die selektive Anwendung kollektiver Sicherheitsmechanismen machte deutlich, dass die versprochene Gleichheit vielfach nicht eingelöst wurde.

Die dritte Konstellation entstand nach 1945 mit der Ordnung der Vereinten Nationen. Im Unterschied zum Völkerbund gelang es hier, eine deutlich breitere globale Inklusion zu erreichen. Die Dekolonisation führte zur Aufnahme zahlreicher neuer Staaten in die internationale Gemeinschaft. Gleichzeitig existierten unterschiedliche Vorstellungen davon, was Begriffe wie Souveränität, Selbstbestimmung oder Menschenrechte bedeuteten. Während westliche Staaten diese Konzepte liberal interpretierten, verbanden sozialistische und antikoloniale Akteure damit andere politische Ziele. Trotz dieser Unterschiede blieb die Charta der Vereinten Nationen ein gemeinsamer Bezugspunkt, der unterschiedliche politische Imaginationen miteinander verband.

Die vierte und gegenwärtige Konstellation beschreibt de Vries als Phase liberaler Universalisierung nach dem Ende des Kalten Krieges. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien sich die liberale Ordnung weltweit durchzusetzen. Demokratie, Menschenrechte und Marktwirtschaft wurden zunehmend als universelle Normen verstanden. Gleichzeitig begann jedoch jener Prozess, der heute als Krise der liberalen Ordnung sichtbar wird. Durch ihre weitgehende Universalisierung verlor die Ordnung jene Gegenbilder und Ausschlüsse, über die sie ihre Identität lange stabilisiert hatte. Die zugrunde liegende liberale Imagination wurde zunehmend sichtbar und damit zugleich fragwürdig. Unterschiedliche Akteure nutzen dieselben völkerrechtlichen Begriffe weiterhin, verbinden damit jedoch unterschiedliche Bedeutungen und politische Ziele.

Abschließend argumentierte de Vries, dass die gegenwärtige Krise der liberalen internationalen Ordnung weniger auf den Zerfall ihrer Institutionen als auf den Verlust ihrer imaginativen Grundlagen zurückzuführen sei. Zwar bestehen die zentralen Normen, Verträge und Organisationen fort, doch die gemeinsame Vorstellung ihrer Bedeutung verliert an Bindungskraft. Dadurch schwindet die Fähigkeit der Ordnung, unterschiedliche politische Akteure dauerhaft auf einen gemeinsamen Orientierungsrahmen zu verpflichten.

Insgesamt zeigte der Vortrag, dass die Beständigkeit globaler Ordnung nicht allein auf institutionellen Arrangements oder rechtlichen Normen beruht. Sie setzt vielmehr jene geteilten Imaginationen und Formen der Vertrautheit voraus, durch die politische Ordnungen als selbstverständlich wahrgenommen werden. Die gegenwärtige Krise der liberalen internationalen Ordnung verweist daher weniger auf eine temporäre Fehlentwicklung als auf einen grundlegenden Wandel der Deutungsmuster, die globale Ordnung bislang getragen haben.

Wir danken Henning de Vries für die anregenden Einblicke in die historischen und imaginativen Grundlagen globaler Ordnung sowie dem Publikum für die lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag.

Das gesamte Programm der Ringvorlesung finden Sie hier.

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