13.07.2026 Vortrag "Globale Wohltaten oder America First? US-Auslandshilfe und die Aushandlung amerikanischer Hegemonie im 20. Jh."
Am 15. Juni 2026 wurde die Ringvorlesung „Die globale Ordnung im Prozess ihrer kontinuierlichen Aushandlung“ mit einem Vortrag von Jun.-Prof. Dr. Elisabeth Piller von der Universität Freiburg fortgesetzt. Unter dem Titel „Globale Wohltaten oder America First? US-Auslandshilfe und die Aushandlung amerikanischer Hegemonie im 20. Jahrhundert“ widmete sich Piller der historischen Entwicklung amerikanischer Auslandshilfe und ihrer Bedeutung für die Entstehung und Stabilisierung globaler Ordnungen. Im Zentrum ihres Vortrags stand die Frage, wie humanitäre Hilfe zur Herausbildung amerikanischer Macht beitrug und inwiefern sie als Aushandlungsprozess zwischen den Vereinigten Staaten und den Empfängerländern verstanden werden kann.
Ausgangspunkt des Vortrags war die gegenwärtige Debatte um die Zukunft amerikanischer Auslandshilfe. Piller verwies auf die Auflösung der US-Entwicklungshilfebehörde USAID im Jahr 2025 sowie auf die deutlichen Kürzungen amerikanischer Hilfsprogramme. Diese Entwicklungen stünden in starkem Kontrast zur Rolle der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie zur größten Gebernation der Welt aufstiegen und humanitäre Hilfe zu einem zentralen Instrument ihrer Außenpolitik machten.
Im ersten Teil ihres Vortrags zeichnete Piller die historischen Ursprünge amerikanischer Auslandshilfe nach. Bereits im 19. Jahrhundert entwickelte sich in den USA eine ausgeprägte Tradition internationaler Wohltätigkeit, die eng mit christlichen Missionsbewegungen verbunden war. Amerikanische Hilfsorganisationen engagierten sich bei Hungersnöten in Indien und China oder während der Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich. Dabei entstand zunehmend die Vorstellung, die Vereinigten Staaten hätten eine besondere Verantwortung gegenüber der Weltgemeinschaft. Auslandshilfe wurde somit früh mit Ideen des amerikanischen Exzeptionalismus und einer besonderen globalen Mission verknüpft.
Eine weitere wichtige Entwicklungsphase sah Piller in den beiden Weltkriegen. Insbesondere während des Ersten Weltkriegs entstanden große Hilfsorganisationen wie das Amerikanische Rote Kreuz, das Millionen Mitglieder gewann und humanitäres Engagement als Ausdruck amerikanischer Werte präsentierte. Gleichzeitig begann sich die amerikanische Regierung stärker an internationalen Hilfsmaßnahmen zu beteiligen. Auslandshilfe wurde dadurch zunehmend zu einem Instrument staatlicher Außenpolitik.
Anschließend stellte Piller die zentralen Motive amerikanischer Auslandshilfe heraus. Humanitäres Engagement beruhe niemals allein auf altruistischen Beweggründen. Vielmehr würden Hilfsprogramme regelmäßig von drei Faktoren geprägt: selektiver Solidarität mit bestimmten Bevölkerungsgruppen, Sicherheitsinteressen sowie dem Wunsch, amerikanischen Einfluss und amerikanische Werte weltweit zu verbreiten. Humanitäre Hilfe sei daher stets zugleich Ausdruck von Mitgefühl und politischem Interesse.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Rolle der USA während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Piller beschrieb diese Zeit als eine beispiellose humanitäre Katastrophe, in der Millionen Menschen durch Krieg, Vertreibung und Hunger ums Leben kamen. Anders als im Ersten Weltkrieg waren nun vor allem Zivilisten betroffen. Gleichzeitig verfügten die Vereinigten Staaten als einzige große Kriegspartei über enorme wirtschaftliche und landwirtschaftliche Ressourcen. Während weite Teile Europas unter massiver Unterversorgung litten, waren die USA in der Lage, umfangreiche Hilfsprogramme bereitzustellen.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Piller den amerikanischen Nahrungsmittelhilfen der 1940er Jahre. Programme wie Lend-Lease, die Hilfsorganisation UNRRA, die CARE-Pakete sowie später der Marshallplan stellten Europa gewaltige Mengen an Lebensmitteln, Rohstoffen und finanziellen Mitteln zur Verfügung. Nach Pillers Einschätzung wäre die Versorgung zahlreicher europäischer Staaten ohne diese Hilfen kaum möglich gewesen. Die Vereinigten Staaten etablierten sich dadurch nicht nur als politische und wirtschaftliche, sondern auch als humanitäre Supermacht.
Zugleich betonte sie, dass diese Hilfsmaßnahmen weit mehr waren als reine Wohltätigkeit. Die Verteilung von Lebensmitteln machte das neue Machtgefälle zwischen den USA und Europa unmittelbar sichtbar. Amerikanische Hilfe wurde gezielt als Ausdruck amerikanischer Großzügigkeit inszeniert. Auf Verpackungen und Hilfsgütern fanden sich Hinweise auf ihre Herkunft, und Programme wie CARE sollten bewusst ein positives Bild der Vereinigten Staaten vermitteln. Humanitäre Hilfe fungierte damit auch als Instrument symbolischer Machtausübung und politischer Einflussnahme.
Einen zentralen Beitrag ihres Vortrags sah Piller darin, die Empfängerseite stärker in den Blick zu nehmen. In der Forschung würden Hilfsbeziehungen häufig als einseitige Machtverhältnisse verstanden. Tatsächlich hätten die Empfänger jedoch eigene Handlungsspielräume besessen. Besonders deutlich werde dies in den zahlreichen Dankesbriefen, die europäische Empfänger an amerikanische Organisationen und Privatpersonen schrieben. Diese Schreiben seien nicht nur Ausdruck von Dankbarkeit gewesen, sondern hätten auch bestimmte Erwartungen formuliert und Vorstellungen von den transatlantischen Beziehungen geprägt. Humanitäre Hilfe könne daher als Aushandlungsraum verstanden werden, in dem beide Seiten ihre Rollen und Beziehungen neu definierten.
Im letzten Teil des Vortrags wandte sich Piller der amerikanischen Innenperspektive zu. Entgegen der rückblickenden Vorstellung einer selbstverständlichen globalen Führungsrolle habe es nach dem Zweiten Weltkrieg erhebliche Vorbehalte gegenüber internationalem Engagement gegeben. Viele Amerikanerinnen und Amerikaner wollten sich nach den Entbehrungen des Krieges auf die eigenen Probleme konzentrieren und lehnten weitere Verpflichtungen gegenüber Europa ab. Briefe an die Regierung zeigten eine weit verbreitete Skepsis gegenüber der Idee, die Vereinigten Staaten müssten dauerhaft „die Welt ernähren“. Erst die zunehmende Wahrnehmung des Kommunismus als globale Bedrohung schuf die politische Grundlage für Programme wie den Marshallplan und stärkte die Bereitschaft, internationale Verantwortung zu übernehmen.
Abschließend argumentierte Piller, dass amerikanische Auslandshilfe wesentlich zur Herausbildung eines neuen Selbstverständnisses der USA als globale Supermacht beigetragen habe. Gleichzeitig verdeutliche ihre Geschichte, dass globale Ordnungen nicht allein durch politische Entscheidungen oder militärische Macht entstehen. Vielmehr werden sie in konkreten sozialen Beziehungen, Erwartungen und Aushandlungsprozessen zwischen Gebern und Empfängern fortlaufend hergestellt. Auslandshilfe sei daher nicht nur ein Instrument internationaler Politik, sondern auch ein zentraler Bestandteil der kontinuierlichen Aushandlung globaler Ordnung.
Wir danken Elisabeth Piller für die spannenden Einblicke in die Geschichte amerikanischer Auslandshilfe und ihre Bedeutung für die Entstehung transatlantischer Beziehungen sowie dem Publikum für die anregende Diskussion im Anschluss an den Vortrag.
Das gesamte Programm der Ringvorlesung finden Sie hier.
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