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Zombie des Monats 05/14e
a)  Weiche Welle: Nierentisch,
     1950er Jahre, Webeintrag,
     2014.

Zombie des Monats 05/14b
b)  Weiche Welle: Ludwig
     Erhard mit Frau beim
     Kartenspiel am runden
     Tisch zu Hause am Tegern-
     see, 1965, Webeintrag
     2014.

Zombie des Monats 05/14c
c)  Weiche Welle: Tagesschau
     mit Karl-Heinz Köpcke am
     geraden Tisch,1959, Web-
     eintrag, 2014.

Zombie des Monats 05/14d
d)  Weiche Welle: Tagesschau
     mit Judith Rakers am
     Nierentisch, 2014, Web-
     eintrag 2014.

 

Zombie des Monats - 05/2014

 

Nierentisch, der: Auch das war mal die neue Mitte, doch was für eine kleine Runde, so schwungvoll verschwinden die Ecken und Kanten und Kurven wie diese sind niemals anstößig – der Nierentisch ( a ). Kurze Beine und eine atemberaubend lange Linie versöhnt nur dieses Möbelstück. Entstanden und auferstanden in konfliktreichen Zeiten, ist der Nierentisch apart und gerade deshalb ein Denkmal des Widerstreits.

 

Keine Philosophie des Nierentisches, die dessen Kurzlebigkeit nicht auch durchdenkt. Vielleicht bestätigt der Aufstieg und Fall dieses Wohnmöbels nur ein weiteres Mal, dass steile Karrieren und schnelle Moden ebenso rasch und endgültig ihr Ende finden, wie ihr Anfang rasant und unaufhaltsam war. Kaum ein Trend, der sich der Wiederbelebung und dem allgegenwärtigen Retro bisher so erfolgreich verweigert hätte wie die Welle, die der Nierentisch macht.

 

Wenn auf den ersten Blick die strenge Linie das ganz Andere der Bequemlichkeit ist, dann lohnt der Nierentisch einen zweiten Blick. Was so unangepasst und freizügig scheint und der Tristess von Winkeln und Geraden die Munterkeit des Regellosen entgegensetzt, lässt jedoch jede Improvisation und jede Abweichung wie einen hässlichen Stilbruch wirken. Im diskreten Freischwinger sieht man auch in Jeans ziemlich cool aus. Doch wer am dominanten Nierentisch Platz nimmt, wird sich ohne Petticoat oder Anzug blamieren.

 

Exzentrizität überwindet Distinktionen nicht, stattdessen stellt sie neue Grenzen auf. So unmittelbar wie das regulär-irreguläre Nierendesign berührt Alltag und Lebenswelt nur selten politische Theorien und Ideen. Gefeiert als Ende der martialischen Härte von Baukunst und Wohnkultur im NS-Regime, steht der Nierentisch auch für die zwanghafte Heiterkeit einer noch jungen Demokratie.

 

Anständig geblieben zu sein, ist nach 1945 in Deutschland gewiss eine besonders begehrte Reputation. Sich den Spaß nicht nehmen zu lassen, ist eine andere Diktion dieses Ikons des Aufschwungs. So sind Benimm-Bücher in der Nachkriegszeit nicht weniger erfolgreich als Nierentische und vielleicht liegt in dieser Doppelbödigkeit des Bürgerlichen der 1950er Jahre auch ein Grund dafür, dass Ludwig Erhard als Vater des Wirtschaftswunders lieber am runden Tisch zu Hause war ( b ).

 

Bei Sachfragen war mit Nierentischen erst recht kein Staat zu machen und bedeutende Verhandlungen an runden Tischen wie die Potsdamer Konferenz 1945 lassen im Umkehrschluss für Treffs an Nierentischen nur schlimme Belanglosigkeiten befürchten. Auch die Einrichtung des ersten Sendestudios der „Tagesschau“ 1952 belegt: schon seinerzeit machte die Solidität um die wogenden Nierentische gerne einen sehr weiten Bogen ( c ).

 

Mitten in der Ukraine-Krise und der Angst vor der Rückkehr des Kalten Krieges hat die ARD ein neues Nachrichtenstudio bezogen, dass der Lage nicht unangemessen ist. Wenn die Moderatorentische der neuen „Tagesschau“ ihrem dynamischen New-Media-Style nach den Nierentischen gleichen ( d ), dann ist das ein Ausdruck des Friedenswillens. So wenig man Rommé an Schreibtischen spielt, so wenig wird am Nierentisch eine Kriegserklärung verlesen.

 

Was auch immer bei den Ereignissen mitschwingt!

 

Joerg Probst










Zuletzt aktualisiert: 08.05.2014 · probstj

 
 
 
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