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28.03.2018

Von anthropomorphen Tieren und tierhaften Menschen

Bericht zur Tagung „Griechische biologische Literatur in der Kaiserzeit: Formen, Funktionen und Probleme“

Vom 07. bis zum 09.12.2017 fand an der Philipps-Universität Marburg die vom Fachgebiet Gräzistik des Instituts für Klassische Sprachen und Literaturen organisierte, interdisziplinäre und internationale Tagung „Griechische biologische Literatur in der Kaiserzeit: Formen, Funktionen und Probleme“ statt, deren Ziel war, einen interdisziplinären Beitrag zur Erforschung der biologischen Literatur der Kaiserzeit in griechischer Sprache zu leisten. Insbesondere wollte die Tagung auf die Verquickung von literarischen Formen und philosophischen Positionen in dieser Literatur fokussieren und eine Analyse der Formen und Funktionen biologischer Literatur bzw. biologischen Wissens in der Kaiserzeit bieten. Ausgangspunkt der Tagung war die Tatsache, dass man für die Kaiserzeit nicht von einer eigenständigen biologischen Literatur nach der Art und Weise des Aristoteles sprechen kann. Denn bereits in hellenistischer Zeit nahm das Interesse an empirischer Forschung aristotelico more und an theoretischem biologischem Wissen ab. Diese Tendenz setzte sich in der Kaiserzeit fort, wobei biologische Fachkenntnisse, die auf den Forschungen des Peripatos basierten und mittels im Hellenismus redigierter Auszugssammlungen weitergereicht wurden, in andere literarische Gattungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen aufgenommen wurden. Ins Zentrum der Bestrebungen der Autoren rückten oft die Interessen des anvisierten Publikums, so dass Aspekte wie Unterhaltung, Sammlung außergewöhnlicher Phänomene, Allgemeinbildung und philosophische Erbauung die Umfunktionierung des Wissens leiteten. Insofern lässt sich die Bezeichnung ‚biologische Literatur‘ an eine Vielfalt von Textsorten anwenden, die vom philosophischen Dialog über die paradoxographische Literatur bis hin zum Lehrgedicht und zur christlichen Paränese reichen, wobei biologisches Fachwissen auch in den medizinischen Traktaten des Galen und der anderen Ärzte dieser Zeit auch in der Form pharmakologischer Traktate intensiv rezipiert wurde. Mit all diesen Textsorten befassten sich die auf der Tagung präsentierten Beiträge.

Emily Kneebone (Cambridge, UK) und Dominik Berrens (Innsbruck) widmeten sich der anthropomorphischen Darstellung von Tieren in Lehrgedichten und philosophischen Werken. Kneebone fokussierte auf ausgewählten Passagen aus dem pseudo-lukianischen Onos, aus den Lehrgedichten des Oppian von Apamea und des Oppian von Anazarbos sowie aus De natura animalium des Aelian von Praeneste. Sie legte dar, wie die vermeintliche Grenze zwischen Tieren und Menschen in der Literatur der Kaiserzeit oft in Frage gestellt wird, und hob folglich die zentrale Bedeutung der heute noch brisanten Debatte darüber, ob Natur oder Kultur als tragenden Aspekt in der Analyse des menschlichen Verhalten gelten soll, für diese Literatur hervor. In seinem Beitrag untersuchte Berrens hingegen zwei Erzählungen über das Verhalten von Ameisen, die Aelian von Praeneste in De natura animalium und Plutarch von Chaironeia in De sollertia animalium in unterschiedlicher Weise wiedergeben. Seine Aufmerksamkeit galt in erster Linie dem sozialen Verhalten dieser Insekten, das sich sowohl in dem Aufbau ihres Nestes als auch in der Sorge um ihre Verstorbenen widerspiegelt. Dabei lenkte Berrens die Aufmerksamkeit vor allem auf die Eigenheiten der jeweiligen literarischen Überformungen dieser Berichte und führte diese auf die eigentlichen Ziele der Werke zurück: Während Plutarchs Dialog sich zum Ziel setzt, nachzuweisen, dass alle Tiere über gewisse mentale Fähigkeiten verfügen, die sich nur quantitativ, nicht aber qualitativ von denen des Menschen unterscheiden, erhebt Aelian dezidiert einen Anspruch auf literarische Qualität, wobei er immer wieder versucht, aus den (vermeintlichen) Tierbeobachtungen ethische und moralische Forderungen an den Menschen abzuleiten. Sowohl Kneebone als auch Berrens zeigten damit, dass die Literatur der Kaiserzeit ein ausgeprägtes Interesse an den Unterscheidungs-merkmalen zwischen Menschen und Tieren aufweisen, wobei naturkundliche Themen oft im Sinne eines Anthropomorphisierens der Tiere behandelt werden, denn dadurch lassen sich menschliche und tierische Eigenschaften und Verhaltensweisen leichter miteinander vergleichen.

In dem einzigen der kaiserzeitlichen Botanik gewidmeten Beitrag fokussierte Laurence Totelin (Cardiff) auf die Erwähnungen von Pflanzen in den Werken Aelians. Obwohl Pflanzen oft in Varia Historia und in Historia animalium erwähnt werden, werden sie selten als eigenständiges Objekt der Forschung betrachtet. Vielmehr werden sie in ihrer Beziehung zu Tieren und Menschen berücksichtigt: Sie dienen als Nahrungs- und Heil- und Schutzmittel für diejenigen Organismen, die einen höheren Platz in der scala naturae haben. Totelin hob hervor, dass Aelian explizit auf seine amateurhaften Kenntnisse in Bereich der Botanik verweist, die sich wiederum in einem einfachen, nicht technischen Stil widerspiegeln, und interpretierte dies als Zeichen für sein Interesse am Geschmack des Publikums: Aelian richtete sich an ein belesenes Publikum, das sich aber auf unterhaltsamer Weise fortbilden wollte.

Der Beitrag von James Wilberding (Bochum) beschäftigte sich mit der Frage, ob in der Antike und in der Spätantike eine Art ‚biogenetische Grundregel‘ (recapitulation theory) im Sinne Ernst Haeckels zu finden sei. Haeckel postulierte in seiner „Generelle Morphologie“ (1866), dass ein Zusammenhang zwischen Ontogenese, d.h. der Entwicklung der einzelnen Lebewesen, und Phylogenese, d.h. der Stammesgeschichte seiner Art, besteht. Obwohl Haeckels Theorie heute im Bereich der Biologie als widerlegt gilt, ist mehrfach der Versuch unternommen worden, Vorläufer dieser Theorie in der Antike ausfindig zu machen, wobei Aristoteles am häufigsten als möglicher Vorreiter in Betracht gezogen wurde. Mit akribischen Genauigkeit konnte Wilberding bei der Analyse zahlreicher Passage aus Platon, Aristoteles und den neuplatonischen Philosophen zeigen, dass zwar einige Merkmale der Re­kapitu­lations­theorie auch in der antiken philosophischen Reflexion vorhanden seien, diese jedoch nicht systematisch in ein einheitliches Konzept zusammengeführt werden können.

Francesco Fronterotta (Rom) und Claudia Lo Casto (Salerno) setzten sich hingegen mit der Einarbeitung biologischen Wissens im Mittel- und Neuplatonismus auseinander. Fronterotta analysierte einige Passagen aus Plutarch, Numenius und Plotin, die sich mit der Beschreibung der Entstehung des Weltalls in Platons Timaios befassen. Denn in diesem platonischen Dialog wird die Entstehung des Kosmos anhand zweier Erklärungsmodelle beschrieben: einerseits ein artifizielles Modell, in dem die Figur des Demiurgen wie ein Künstler das Weltall produziert, andererseits ein biologisches Modell, in dem die Entstehung des Kosmos als sexuelle Generation oder landwirtschaftliche Aussaat dargestellt wird. Die mittel­platonische Tradition zeigt indes eine Tendenz, das artifizielle Modell zunehmend zugunsten des 'biologischen' Modells zu marginalisieren. Fronterotta konnte zeigen, dass die Ablehnung des artifiziellen Erklärungsmodells zum einen auf dem Einfluss stoischer Positionen beruht, zum anderen auch als Ausdruck eines vermehrten Interesses der Mittel- und Neuplatoniker an einer naturalistischen Erklärung der Welt interpretiert werden sollte. Claudia Lo Casto widmete sich hingegen den Auswirkungen, welche die philosophischen und insbesondere metaphysischen Positionen Plotins auf die Entwicklung einer neuplatonischen Biologie hatten. Insbesondere fokussierte Lo Casto auf die Frage nach den Eigenschaften des Körpers und auf die Darstellung des Leib-Seele-Verhältnisses in den Enneaden. Ausgehend von seiner Konzeption des Einen und der Einheit definiere Plotin demnach den Körper als ein hierarchisch strukturiertes System, in dem jedes Teil eine spezifische Stellung einnimmt und eine präzise Funktion ausübt, so dass das Leben des Einzelnen sowie das des ganzen Universums sich selbst erhält. Dennoch sei das, was dieses System am Leben hält, ein ihm externes Prinzip, die Seele. Wiederum sei die Seele eigentlich die Ursache des Lebensprinzips, nicht aber mit diesem im Allgemeinen zu identifizieren: Die Seele habe ein eigenes Leben und könne unabhängig vom Lebensprinzip selbst sich erhalten. Insofern, schlussfolgerte Lo Casto, sei das Lebensprinzip dem Körper immanent.

Mit den Beiträgen von Katarzyna Jażdżweszka (Warschau), Sabine Föllinger (Marburg) und Steven D. Smith (New York) rückte erneut die Analyse zoologischer Ausführungen ins Zentrum der Diskussion. Jażdżweszka befasste sich mit der Funktion von Erzählungen über Tiere in moralisierenden Texten, d.h. in Texten, die sich zum Ziel setzen, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen und zu korrigieren, indem sie Tiere als positive oder negative Verhaltensmodelle präsentieren. Sie analysierte insbesondere die Werke von vier Autoren (Philon von Alexandrien; Plutarch; Aelian; und der frühchristliche Text bekannt unter dem Namen Physiologus). Dabei gelangte sie zu dem Schluss, dass trotz einiger Differenzen, die sich auf die jeweils unterschiedlichen Ziele und spezifischen Eigenschaften der erforschten Texte zurückführen lassen, diese Autoren Erzählungen über Tiere verwenden, um präzise paränetische Aussagen zu formulieren. Die anthropologische Annahme, auf der diese Text basieren, setze voraus, dass der Mensch einen höheren Platz als die Tiere in der scala naturae einnimmt. Tierbeispiele, in denen Tiere als positive Modelle dargestellt werden, kehren diese Hierarchie der Lebewesen vorübergehend um und erwecken in den Lesern den Eindruck, der Mensch sein den Tieren moralisch unterlegen. Darüber hinaus sei das Lob der Tiere häufig von Tadelausdrücke gegenüber den Menschen sowie von ausdrücklichen Appellen an das menschliche Schamgefühl begleitet. Deshalb lasse sich vermuten, dass Erzählungen über vorbildhafte tierische Verhaltensweise besonders häufig in Texten vorkommen, die sich an Personen richten, die ein Autor als moralisch mangelhaft betrachtet. Sabine Föllinger widmete sich den Homilien zum Sechstagewerk des christlichen Bischofs Basilius von Caesarea, in denen wissenschaftliche Fakten und eher primitive Erzählungen und Erklärungen nebeneinander Platz finden. Überraschend sei es, dass Basilius in seinen zoologischen Ausführungen aristotelische Terminologie und aristotelische Konzepte verwendet, wenn auch nicht in konsequenter Weise. Föllinger konnte zeigen, dass Basilius die zoologische Systematik der Septuaginta mit der aristotelischen Systematik verbindet, um zu beweisen, dass die biblische Erzählung der heidnischen Wissenschaft nicht widerspricht und dass die Bibel recht hat. Insofern seien Basilius‘ Aussagen zu den Charakteristiken und zu den Verhaltensweisen der Tiere kongruent mit seiner Herangehensweise im ganzen Hexaemeron, wo er beweisen will, dass die Bibel auch in der Perspektive der heidnischen Kosmologie recht hat. Steven Smith fokussierte schließlich auf einer einzigen Passage zu Beginn des 8. Buches von Aelians De natura animalium, in der eine Anekdote über die Kreuzung von Tigern und Hunden in Indien erzählt wird. Nach einem Überblick über die literarischen und historischen Zeugnisse zu indischen Hunden in der Antike lenkte Smith die Aufmerksamkeit auf die Darstellungsmethode Aelians: Dieser sei in seinem Werk den Konventionen der wissen-schaftlichen Literatur seiner Zeit gefolgt. Dabei habe er jedoch seine Ausführungen mit unterschiedlichen rhetorischen Mitteln geschmückt und auf dieser Weise auch Topoi der Literatur über Alexander den Großen eingearbeitet. Es entstehe damit, so Smith, ein komplexes literarisches Pastiche, in dem die Darstellung des indischen Hundes auch eine impressionistische Widerspiegelung des Lebens und der Eigenschaften Alexanders darstellt.

Der Abendvortrag von Jim Hankinson (Austin, Texas) setzte sich mit Galen auseinander, einem Autor von medizinischen Fachtexten, der sich eindeutig von den anderen während der Tagung analysierten Autoren insofern unterscheidet, als er explizit eine technische Sprache verwendet und eine wissens­vermittelnde Funktion für seine Texte vorsieht. Hankinson fokussierte auf die relativ frühe Schrift De usu partium, die wie alle Werke Galens von einer tiefen Überzeugung in die teleologische Funktion und Strukturierung der Organe und des tierischen sowie des menschlichen Körpers animiert ist. Dabei konnte er feststellen, dass De usu partium eine atypische Stellung in Galens Oeuvre einnimmt, denn Galen versucht seine teleologisch orientierte Position durch verschiedene Mittel zu unterstreichen: Dazu gehören eine erhabene Sprache, ein tief religiöser Ton, in dem er den göttlichen Schöpfer anspricht, eine ungewöhnliche Betonung der Natürlichkeit und der Schönheit aller Körperteile, und eine ungewöhnliche Sorgfalt im Aufbau der Abhandlung selbst.

Die die Tagung abschließenden Beiträgen von Athanassios Vergados (Newcastle upon Tyne) und Diego De Brasi (Marburg) setzten die Diskussion um die anthropologisierende Darstellung von Tieren fort. Vergados befasste sich mit den etymologischen Erklärungen für einige der im Gedicht Halieutika des Oppian vorgestellten Fischnamen, die er als didaktisches Instrument interpretierte. Namen erfüllen mehrere Funktionen in den Halieutika: Sie können die physischen Eigenschaften einer Fischart widerspiegeln; auf die Umstände hinweisen, wie bestimmte Fischarten sich fortpflanzen; oder auch die Verhaltensweise der betroffenen Fischart prägnant beschreiben. Das Interesse an Etymologien sei ein Zeichen für die Zugehörigkeit der Halieutika zur didaktischen Dichtung, aber auch für die Gelehrsamkeit des Dichters: Nicht nur kenne er die Namen der Fische; er könne auch erklären, warum einige von ihnen diese Namen erhalten haben. Zudem zeigen die Etymologien einen Mechanismus, wodurch Oppian eine anthropologisierende Darstellung der Fische erreicht: die Etymologien, die sich auf die Verhaltensweisen der Fische beziehen, deuten darauf hin, dass der Fisch einen Willen bzw. eine Persönlichkeit besitzt und insofern ähnlichen Leidenschaften unterliegt. De Brasi widmete sich schließlich dem Physiologus, einem vermutlich in Ägypten zwischen dem 2. und dem 4. Jhdt. n. Chr. verfassten Werk, das eine große Verbreitung bis zum Mittelalter genoss. Das Werk sammelt 48 mehr oder weniger ausführliche Beschreibungen von Tier-, Pflanzen- und Steineigenschaften, die dann aus einer christlichen Perspektive mit paränetischem bzw. exegetischem Zweck allegorisch gedeutet werden. Der Physiologus lasse sich demnach zugleich als Beispiel einer populärwissenschaftlichen Verarbeitung und als Beispiel christlicher Allegorese interpretieren. Ausgehend von dieser dichotomischen Interpretationsmöglichkeit, konnte De Brasi zeigen, dass in der Kaiserzeit der Physiologus hauptsächlich als populärwissenschaftlicher Text rezipiert wurde, der auch eine wissensvermittelnde Funktion hatte und unterschiedliche Aspekte des ägyptischen kulturellen Umfeldes des 2. Jhdt. n. Chr. berücksichtigte.


Zuletzt aktualisiert: 28.03.2018 · Diego De Brasi

 
 
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