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Die griechische Wissenskultur als Brücke zwischen Orient und Okzident

Ein gemeinsames Forschungs- und Lehrprojekt zwischen dem CNMS und dem Seminar für Klassische Philologie


Orient1

Leitung: Gyburg Radke-Uhlmann, Arbogast Schmitt

Zwischen den westlichen Kulturen Europas und Amerikas und den Kulturen des Orients gibt es nach der Meinung vieler eine tiefe Kluft, die immer schärfere Konflikte befürchten lässt. Es fällt schwer, angesichts der gegenwärtigen Eskalation zwischen muslimischen Glaubensgruppen und dem christlichen Europa und Amerika den Gedanken einer Annäherung und Gemeinsamkeit zu fassen. Zu sehr drängen sich die Vorstellung der Unterschiede und die Bilder von den Auseinandersetzungen in den Vordergrund.

Doch ein Blick in die Geschichte führt zu erstaunlichen Einsichten: er zeigt, daß die islamische und die christliche Geistesgeschichte nicht immer so disparat und in so starker Opposition erschienen sind: Vielmehr wurde die Geistesgeschichte im arabischen Raum und im christlichen Europa über viele Jahrhunderte hinweg von einer weite Bereiche der Kultur, der Literatur, Kunst und Wissenschaft umfassenden Einmütigkeit und inneren Verwandtschaft geprägt.

Diese Übereinstimmung war kein historisches Zufallsprodukt, sondern Ergebnis einer lange bewährten, differenzierten Tradition. Diese Tradition hatte ihre Basis in dem griechischen Wissenschaftsverständnis. Vor allem durch Aristoteles und seine in der Antike hochberühmten Kommentatoren wurde dieses Wissenschaftsverständnis systematisch durchdacht und für viele Bereiche der Kultur fruchtbar gemacht. Nach der Schließung der platonischen Akademie im Jahr 529 wanderten viele der besten Köpfe der platonisch-aristotelischen Philosophie in den Orient aus. In Syrien, Persien, Arabien wurden ihre Lehren begeistert aufgenommen und an bedeutenden Schulen gepflegt. Durch die Ausbreitung des Islam wurde auch diese Wissenschaftstradition, von der große Teile im Westen verlorengegangen waren, wieder ins lateinische Abendland zurück transportiert. So entstand eine großartige Kulturbrücke.

Das alles ist als historisches Faktum gut bekannt, und viele Aspekte dieser gemeinsamen Kulturentwicklung und anschließenden Auseinanderentwicklung sind intensiv erforscht: sie sind in letzter Zeit verstärkt Gegenstand großer Tagungen und Forschungsunternehmungen.

Warum sollte also Aristoteles als Brücke zwischen Okzident und Orient noch einmal ein Thema sein?

Sie sollte noch einmal Thema sein, weil der primär historische Zugang keinen Aufschluß über den Grund dafür, warum der antik-mittelalterliche Aristotelismus Westen und Osten vereinen konnte, gibt, und dafür, was sich konzeptionell im Aristotelismus ändern mußte, so daß diese Brücke zerbrach.

Die Suche nach diesen inhaltlichen Gründen für den Zusammenhalt und für das Auseinanderdriften der Kulturen führt zu den Grundlagen der aristotelischen (und platonischen) Erkenntnistheorie: zu dem Vernunftbegriff, den der antike Platonismus und Aristotelismus entwickelt und den die spätantike und mittelalterliche Tradition als Basis ihrer theoretischen und praktischen Philosophie, für Wissenschaft, Kunst, Politik und Ethik übernommen hat. Und sie führt außerdem zu dem seit dem Ende des Mittelalters und der beginnenden Renaissance wesentlich veränderten Vernunftbegriff, der das neuzeitliche wissenschaftliche Denken ebenso prägt wie viele neuzeitliche Glaubenslehren.

Gerade diese Frage nach der Besonderheit und Eigentümlichkeit der rationalen Basis der Kulturbrücke in Spätantike und Mittelalter und die Frage, warum das ‚neue’ Denken der mit der Renaissance beginnenden ‚Moderne’ eine gleich tragfähige Brücke nicht mehr zustande gebracht hat, sind erstaunlicher Weise eher selten gestellt und noch kaum systematisch verfolgt worden.


'Denken ist Unterscheiden'

Orient2Diese Lücke will das hier skizzierte Projekt schließen helfen: Ausgangspunkt dafür ist ein von Arbogast Schmitt und seinen Mitarbeitern schon seit vielen Jahren betriebenes Forschungsunternehmen, in dem eine Gegenüberstellung erschlossen und in ihren einzelnen konkreten Auswirkungen und Ausprägungen durchgeführt wird zwischen zwei grundlegend verschiedenen Ansätzen, wie man Erkenntnis erklären und wie man das Prinzip von Erkenntnis bestimmen kann: Die aufregende Einsicht in diesen Betrachtungen war, daß es historisch und sachlich falsch ist, die antik-platonisch-aristotelische Erkenntnistheorie gegenüber der neuzeitlichen Bewußtseinsphilosophie als ein Noch Nicht, als ein Denken, das noch nicht den Reflexionsgrad der Philosophien der Aufklärung zu charakterisieren und damit entwicklungsgeschichtlich abzuwerten: Im antiken Platonismus und Aristotelismus werden die Ansätze, die in der frühen Neuzeit den gefeierten Aufbruch des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit brachten diskutiert und – aus bestimmten sachlichen Gründen – verworfen. Platonismus und Aristotelismus sind damit alternative Entwürfe, nicht einfach frühere, naivere, unaufgeklärte Denkweisen. Für diese Denkweisen eigentümlich ist die These, daß Denken Unterscheiden und nicht Reflexion auf Unterschiedenes (und Vorstellungen von etwas) ist.

Aus diesem – zunächst simpel erscheinenden – Ansatz läßt sich ein ganzes System wissenschaftlichen Denkens und ein ganzes System der Bildung und der Künste entwickeln.


Die Lehre von den 'Zwei Wahrheiten' in der Perspektive des antiken Aristotelismus

Eine charakteristische Konsequenz dieses Denkens aber ist auch, daß es hier noch keine Kluft von Wissen und Glauben gab. Der Glaube wird nicht dem Bereich des Irrationalen, der Intuition und dem unmittelbaren Gefühl zugeschrieben, es wird keine zweite Wahrheit neben der wissenschaftlich-philosophischen postuliert, Theologie gilt selbst als eine Form der Philosophie, als ihre höchste Form.

Mit der Erfindung der Lehre von der 'doppelten Wahrheit' im späten Mittelalter, die die Wahrheit des Glaubens scharf von der dem menschlichen Verstand zugänglichen Wahrheit der Wissenschaft trennt,– und das ist ein Vorgang, der im arabischen wie westlichen Spätmittelalter parallel verläuft – verschwindet auch die lange geübte Tradition einer rationalen Verständigung zwischen den verschiedenen Religionen, die alte Kulturbrücke bricht ein.


Das Projekt

Orient3Diese historische Dimension der ursprünglichen Gemeinsamkeiten und Einmütigkeiten zwischen christlicher und arabischer Kultur einmal in den Blick zu nehmen, um auf diesem (Um)Weg den überwältigenden Eindruck der Gegensätze, den die Gegenwart als notwendige suggeriert, zu relativieren, ist die Intention des hier vorgestellten Projekts.

Ausgehend von der Untersuchung der Entstehung der Lehre von den ‚Zwei Wahrheiten’ und der Bedeutung des antik-mittelalterlichen Verständnisses von Rationalität, das durch diese Lehre abgelöst wird, soll in allen Bereichen der Kultur: der Literatur, der Kunst, der Poetik und Kunsttheorie, der Wissenschaft und Wissenschaftsliteratur und an historischen Phänomenen die Vielfalt der Gemeinsamkeiten zwischen den beiden heute als Gegensätze einander gegenüberstehenden Kulturen aufgezeigt werden.

Die beteiligten Wissenschaftler sehen in diesen historischen, literatur- und wissenschaftsgeschichtlichen Studien nicht nur einen Beitrag zur abend- und morgenländischen Kulturgeschichte, sondern zugleich auch die Chance, für einen gegenwärtigen Dialog neue Ansatzpunkte zu erschließen. Indem man sich auf gemeinsame Grundlagen und Traditionen besinnt, kann die ‚Allmacht der Gegenwart’ und des gegenwärtig präsenten Eindrucks relativiert werden und ein gelassenerer, aus der Distanz objektiver urteilender Blick erworben werden.

An dem konkreten organisatorischen Rahmen wird gerade gearbeitet: es wird angestrebt, die Formen des wissenschaftlichen Austausches möglichst offen zu halten und insbesondere durch jährliche Tagungen den persönlichen Kontakt zu intensivieren – und auch auf dieser Ebene Brücken zu schlagen.

Zuletzt aktualisiert: 30.10.2012 · Brigitte Kappl

 
 
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