Gute wissenschaftliche Praxis I
Vom Publizieren
Für alle Forscherinnen und Forscher ist es eine der wichtigsten, aber auch attraktivsten und befriedigendsten Aufgaben, gewonnene Einsichten und Ergebnisse zu veröffentlichen. Publizieren ist ein direkter Spiegel der wissenschaftlichen Qualität und Kompetenz der oder des Forschenden. Die entstehende Publikationsliste ist unser, ist das Gütesiegel eines jeden wissenschaftlich Arbeitenden.
Gute wissenschaftliche Praxis ist an der Publikationskultur sehr direkt ablesbar. Als wissenschaftlich Arbeitende sind wir auf verlässliche, klar formulierte und inhaltsreiche Originalveröffentlichungen anderer angewiesen. Vor allem müssen sie ehrlich sein und dem Leser redlich berichten. Vor diesem Hintergrund berechtigter eigener Ansprüche an die Veröffentlichungen anderer müssen unsere eigenen bestehen.
Die DFG-Denkschrift zur guten wissenschaftlichen Praxis sieht Ehrlichkeit als oberstes Gebot guter wissenschaft licher Arbeit: Sei ehrlich gegenüber anderen und gegenüber Dir selbst! Ehrlichkeit und Redlichkeit sind gleichermaßen ethische Prinzipien wie Grundregeln guter wissenschaft licher Praxis. Sie sind Grundsätze für alle Disziplinen, gelten in allen Ländern, gelten für alle gleichermaßen.
Wissenschaftliche Originalveröffentlichungen müssen nach allgemeinem Verständnis guter Praxis neue Ergebnisse enthalten – also nicht „wiederkäuen“, Bekanntes in neuem Gewande „verkaufen“. Nicht alles, was wir erarbeiten, ist würdig, veröffentlicht zu werden; auch Forschen kann irren oder vergeblich gewesen sein. Veröffentlichungen sollen die Ergebnisse vollständig und verständlich beschreiben, damit sich der kundige Leser ein verlässliches eigenes Urteil über Inhalt und Tragweite machen kann. Sie müssen alle Angaben enthalten, die ein Nachvollziehen möglich machen; nur dann ist man ehrlich. Veröffentlichungen dürfen nicht leichtfertig oder gar irreführend geschrieben werden, etwa durch Weglassen, durch Manipulieren der Fakten, durch Vermischen von Tatsachen mit eigener Interpretation.
Publikationen sollen auf frühere einschlägige Arbeiten hinweisen. Zitiere redlich, richtig, vollständig. Sage ehrlich, auf welchen Vorläufern und Vorergebnissen Du fußt. Erwartest Du das nicht auch von anderen Deinen eigenen Arbeiten gegenüber? Man darf, ja soll auch eigene frühere Arbeiten zitieren, damit der Fortschritt durch das Berichtete deutlich wird. Man weist aber nur auf jene eigenen Arbeiten hin, die zum Verständnis der neuen Publikation wirklich nötig sind. Zudem sollen Zitate korrekt, auffindbar und nachvollziehbar sein. Wem nützt es, wenn etwa ganze Bücher ohne genauere Fundstelle darin zitiert werden? Besondere Aufmerksamkeit schließlich ist erforderlich, wenn es um Autorschaft und Mitautoren geht. Doch die Frage, wer dazu gehört und wer nicht, verdient ein eigenes Kapitel im nächsten UniJournal.
Professor Dr. Dr. h. c. Siegfried Großmann
Ombudsmann der Philipps-Universität Marburg

