Hauptinhalt
Die Entwicklung der Stadt Assos (Türkei) in der spätantiken und byzantinischen Zeit (DFG-Projekt)
Die antike Stadt Assos in der Troas wurde auf seiner Reise vom Apostel Paulos besucht, der von hier aus nach Lesbos übersetze. In den spärlichen Quellen ist die Stadt ab dem 5. Jahrhundert als Bischofssitz belegt und wird von Georgios Pachymeres noch im frühen 14. Jahrhundert als Fluchtburg des Umlandes erwähnt. Für die Größe und Bedeutung der Stadt und ihrer Infrastruktur in byzantinischer Zeit, das Alltagsleben und die Einbindung in ein überregionales Handelssystem gab es auf Grundlage älterer Forschungen keine Anhaltspunkte; das Stadtbild und die Ausstattung mit öffentlichen Gebäuden, Profanbauten und Kirchen blieb bis dahin ungeklärt.
Assos ist jedoch ein idealer Ort zur Untersuchung von Siedlungsgeschichte in der longue durée. Da das Stadtgebiet größtenteils nie überbaut wurde und keine frühen Flächengrabungen stattfanden, können in der Stadt und ihrem direkten Umland umfassende archäologische Forschungen durchgeführt werden.
In einer ersten, von 2013 bis 2018 von der DFG geförderten Untersuchungsphase wurde das Gebiet innerhalb der antiken Stadtmauer untersucht. Ein intensiver Survey erbrachte dabei für die spätantik-frühbyzantinische Stadt den Nachweis einer vollkommenen Umstrukturierung im ausgehenden 5. und 6. Jahrhundert sowie die Verlagerung des städtischen Zentrums von der antiken Agora auf eine darunterliegende Terrasse. Zudem wurden einige Einzelgebäude ausgegraben wie die bischöfliche (?) Audienzhalle, ein zu einer Kapelle umgebautes Tetrapylon, ein Lagergebäude auf der gleichen Terrasse, mehrere größere Wohnkomplexe sowie ein als Gasthaus (Xenodochion) genutzter Baukomplex am Westtor. Durch die Dokumentation der archäologischen Befunde sowie der Auswertung der Funde konnte, bislang ohne Vergleich für diese Zeitstufe, eine durchgängige Abfolge der Keramik und Kleinfunde erstellt werden, die die baugeschichtliche Untersuchung der in ihrer Chronologie und Nutzung ergänzt. Nach diesen Untersuchungen war die neu angelegte frühbyzantinische Stadt bis in das ausgehende 7. Jahrhundert, vielleicht auch noch bis in das frühe 8. Jahrhundert bewohnt. Jüngere Siedlungsspuren konnten nicht nachgewiesen werden.
In einem neuen, von 2026 bis 2028 von der DFG geförderten Projekt „Die Entwicklung der byzantinischen Stadt Assos vom 8. bis 15. Jahrhundert“ soll nun die Verlagerung der Stadt in mittel- und spätbyzantinischer Zeit hin zum nördlichen Berghang und außerhalb der ummauerten Stadt erforscht werden. Die sog. Ayazmakirche in der antiken Nekropole nordwestlich der Stadt wurde im 11. Jahrhundert nochmals neu aufgebaut und mindestens bis in das erste Viertel des 12. Jahrhundert als Friedhofskirche genutzt. Wo liegen aber die Wohngebiete der mittelbyzantinischen Stadt? Anhaltspunkte geben Keramikfunde und Architekturreste im Tal südlich der Ayazmakirche und auf einer Anhöhe südwestlich von dieser, wo sich eine ummauerte große Kirchenanlage mit Nebengebäuden nachweisen lässt (sog. Stallkirche), sowie im Bereich des heutigen türkischen Dorfes. Diese Hinterlassenschaften sollen durch einen intensiven außerstädtischen Survey in Kombination mit Baubeobachtungen, kleineren Sondagen und Fundauswertung untersucht werden.
Ein weiteres Teilprojekt erforscht das Kastron auf der Akropolis , welches über das 14. Jahrhundert hinaus bis in osmanische Zeit genutzt wurde. Zu welchem Zeitpunkt aber die Burganlage mit ihren Türmen gebaut wurde, ist bislang nicht geklärt. Zudem ist die Innenbebauung und Nutzung des Kastrons mit seinen beiden Terrassen weitgehend unbekannt. Auch die Weiter- bzw. Nachnutzung in osmanischer Zeit steht im Fokus des Interesses.
In Assos ist die für Kleinasien außergewöhnliche Möglichkeit gegeben, die Entwicklung eines antiken Ortes von der Spätantike bis in die osmanische Zeit flächendeckend zu rekonstruieren. Dies kann zu einer Neubewertung von Prozessen der Siedlungsgeschichte führen, die weit über die Fallstudie Assos hinaus von Bedeutung sind. Mit unseren Untersuchungen schaffen wir Einblicke in Aspekte der Entwicklung und des Alltags einer byzantinischen Stadt, die aus Schriftquellen nicht zu erschließen sind.
Kooperationen
Prof. Dr. Nurettin Arslan (Ausgrabungsleitung Grabung Assos), Onsekiz Mart Üniversitesi, Arkeoloji Bölümü, Çanakkale/Türkei
Prof. Dr. Klaus Rheidt (Projekt Stadtentwicklung antikes Assos), Institut für Baugeschichte, Brandenburgische Universität Cottbus
MitarbeiterInnen
Leitung: Prof. Dr. Beate Böhlendorf-Arslan
Dr. Martin Dennert
Rachel Odenthal, M.A.
Maja Löbl, stud. Hilfskraft
Literatur
B. Böhlendorf-Arslan – M. Dennert, Moscheen, Brunnen und Friedhöfe in der südlichen Troas: Vom Umgang mit Spolien in osmanischer Zeit, in: A. Bergmeier (Hrsg.), The spoliated past. Heritage, antiquarianism, and Byzantine material culture across time and space (Wiesbaden 2025) 173–222.
B. Böhlendorf-Arslan, Who is the Person Living Next Door? Neighbourly Relations in Early Byzantine Assos, in: F. Kondyli – B. Anderson (Hrsg.), The Byzantine neighbourhood: urban space and political action (London 2022) 73–96.
B. Böhlendorf-Arslan (Hrsg.), Veränderungen von Stadtbild und urbaner Lebenswelt in spätantiker und frühbyzantinischer Zeit: Assos im Spiegel städtischer Zentren Westkleinasiens (Mainz 2021).
M. Dennert, Außerstädtische Kirchen in Assos in frühbyzantinischer Zeit, in: B. Böhlendorf-Arslan (Hrsg.), Veränderungen von Stadtbild und urbaner Lebenswelt in spätantiker und frühbyzantinischer Zeit: Assos im Spiegel städtischer Zentren Westkleinasiens (Mainz 2021) 153–169.
B. Böhlendorf-Arslan, Das Tetrapylon von Assos, in: A. Druzynski v. Boetticher et al. (Hrsg.), Von der Kunst ein Bauwerk zu verstehen. Festschrift Klaus Rheidt (Oppenheim 2020) 182–190.
B. Böhlendorf-Arslan, The glorious sixth century in Assos. The unknown prosperity of a provincial city in western Asia Minor, in: I. Jacobs – H. Elton (Hrsg.), Asia Minor in the long sixth century (Oxford 2019) 223–245.
N. Arslan – B. Böhlendorf-Arslan – E. Mohr – K. Rheidt, Der Hafen von Assos, in: M. Seifert – N. Zimmer (Hrsg.), North Meets East 2. Aktuelle Forschungen zu antiken Häfen (Hamburg 2018) 29–60.
B. Böhlendorf-Arslan, Nothing to remember? Redesigning the ancient City of Assos in the Byzantine era, in: B. Poulsen – P. Pedersen – M. Seifert (Hrsg.), Cityscape & Monuments of remembrance in western Asia Minor (Oxford 2017) 21–28.
B. Böhlendorf-Arslan, Assos, in: P. Niewöhner (Hrsg.), The Archaeology of Byzantine Anatolia. From Late Late Antiquity to the Coming of the Turks (Oxford 2017) 217–225.
N. Arslan – E.-M. Mohr – K. Rheidt (Hrsg.), Assos: Neue Forschungsergebnisse zur Baugeschichte und Archäologie der südlichen Troas. Asia Minor Studien 78 (Bonn 2016).
N. Arslan – K. Rheidt, Assos. Bericht über die Ausgrabungen und Forschungen zur Stadtentwicklungsgeschichte 2006 bis 2011, Archäologischer Anzeiger 2013/1, 228–238.
B. Böhlendorf-Arslan, Die byzantinische Keramik aus der Troas / Türkei: Keramik des 10.-12. Jahrhunderts aus Assos, in: S. Gelichi (Hrsg.), IX Convegno AIECM2 (Venedig 2012) 281–287.
B. Böhlendorf-Arslan, Assos in byzantinischer Zeit, in: E. Winter (Hrsg.), Vom Euphrat bis zum Bosporus. Kleinasien in der Antike. Festschrift für Elmar Schwertheim zum 65. Geburtstag. Asia Minor Studien 65 (Bonn 2008) 121–132.
Siehe auch jährliche Vorberichte in den Kazı Sonuçları Toplantıları