22.05.2026 Bildung und Demokratie im klassischen Athen: ein Vortrag von Prof. Dr. Sabine Föllinger im Studium Generale
Im Sommersemester 2026 organisiert das Präsidium zusammen mit dem Zentrum für Lehrerbildung das Studium Generale mit dem Thema "Bildung im Zeitalter der KI. Universitäres Lernen zwischen Tradition und Zukunft" (https://www.uni-marburg.de/de/transfer/wissen-entdecken/studiumgenerale).
In diesem Rahmen hielt die Gräzistin Prof. Dr. Sabine Föllinger einen Vortrag zu der Frage, wie im klassischen Athen das Verhältnis von Demokratie und Bildung gesehen wurde. Sie begann mit dem Hinweis, dass moderne Demokratien gerne auf die Demokratie des Klassischen Athen (5.-4. Jh. v. Chr.) zurückgeführt werden. Auf diese berief sich 2016 auch der scheidende amerikanische Präsident Barack Obama. Aber die athenische Demokratie war eine direkte Demokratie. Zu ihren zentralen Charakteristika gehörte, dass Entscheidungen direkt von den männlichen Bürgern mit Stimmrecht in der Volksversammlung gefällt und Ämter durch Losverfahren vergeben wurden. Ebenso waren die Gerichte Volksgerichte. Da es keine homogene Bildung im Sinne einer vom Staat organisierten Bildung und Erziehung gab, sondern sie Sache der Privathaushalte war, wurden in diesen Strukturen auch Menschen zu Entscheidungsträgern, die nicht über entsprechende Expertise verfügten. Während im allgemeinen Bewusstsein gerade die Vermeidung einer ‚Politikerelite‘ das Ziel der institutionellen Regelungen und mit dem Stolz auf diese Form der Partizipation ‚aller‘ Bürger verbunden war, entwickelte sich gleichzeitig eine kritische Auseinandersetzung mit den Mängeln eines solchen Systems. Die Kritik zielte zum einen auf die Gefahr der Manipulierbarkeit durch die geschickte Rhetorik einzelner und zum anderen auf die mangelnde Professionalität von Politik und Gerichtsbarkeit, deren Grund die Kritiker auch in den Mängeln des Bildungssystems sahen.
Der Vortrag führte zuerst in den historischen Kontext – die Form der direkten Demokratie mit ihrer Bedeutung von Losverfahren und Mehrheitsentscheid und die Rahmenbedingungen von Bildung und Erziehung in Athen – ein und stellte dann anhand von Texten verschiedener Autoren die Debatte über die Rolle von Bildung für die Demokratie vor: Während die Sophisten wie Gorgias in einem – gut bezahlten – Rhetorikunterricht die Antwort auf das Problem sahen, verfolgte Platon, in kritischer Auseinandersetzung mit den Bildungsstrukturen und der zeitgenössischen Rhetorik, das ambitionierte Ziel einer Erziehung, die auf die Herausbildung von Urteilsvermögen als Basis der Erkenntnis des Richtigen zielt. Er formulierte auch, dass in einem System, in dem Entscheidungsträger durch Wahl in ihre Position gelangen, die Wähler über politische Bildung verfügen müssen. Platons Konkurrent Isokrates hingegen sah Platons Bildungsprogramm als weltfern an. Auch kritisierte er, dass Menschen nicht etwas absolut und für alle Richtiges erkennen könnten. Sein Ziel war eine mit Allgemeinbildung und Persönlichkeitsbildung verbundene rhetorische Ausbildung, die sich am ‚Nutzen für das Leben‘ orientieren solle. Aristoteles schließlich diskutierte in seinem Werk „Politik“ die Rolle der Menge, die in ihrer unterschiedliche individuelle Qualitäten verbindenden Gesamtheit im Blick auf bestimmte Entscheidungssituationen (etwa in der Beratung oder bei Wahlen) zu besseren Entscheidungen als einzelne, wenngleich sehr gute, Einzelpersönlichkeiten kommen könne. Doch unterstrich auch er, dass Menschen, die Ämter von politischer Bedeutung bekleiden, bestimmte Kompetenzen und Expertise haben müssen.
Der Vortrag und die anschließende Diskussion zeigten, wie weiterführend die antiken Problematisierungen und Diskussionen für die aktuelle Debatte über Demokratie und Bildung sind.