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Vorformen des Bildungsprogramms der Artes Liberales

Die sieben freien Künste. Astronomie und Ptolemaeus; Kolorierte Federzeichnung. Unibibliothek Salzburg, M III 36,
Autor unbekannt, Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Zwei gegensätzliche Konzepte bei den Pythagoreern und in der Sophistik

Zusammenfassung

Die Artes liberales können als das bedeutendste Bildungsprogramm bezeichnet werden, das Europa
hervorgebracht hat.
Seine Bedeutung kommt zum einen aus dem außergewöhnlich langen Zeitraum, in dem es
Grundlage der allgemeinen Bildung war. Nach Anfängen bei den Pythagoreern und in der Sophistik
im 5. Jahrhundert v. Chr. hat Platon es zu einem wissenschaftlich fundierten System ausgebaut. In
der Zeit zwischen 300 v. Chr. bis ca. 200 n. Chr. war es, konzentriert auf seine praktischen Aspekte,
Grundlage der hellenistisch-römischen Bildung, seit etwa 200 n. Chr. griff man wieder auf die
platonische Konzeption zurück und entwickelte ein kanonisches System der sieben freien Künste.
In dieser Form (wenn auch nicht immer unter diesem Titel) war es in der Spätantike das führende
Bildungskonzept, es wurde bei allem Wandel in Einzelpunkten in erstaunlich inhaltlicher Konstanz
im persisch-arabischen Mittelalter und ebenso im lateinischen Westen weitertradiert, bevor es im
späten Mittelalter und der frühen Neuzeit wieder in einer der hellenistisch–römischen Phase
verwandten Form restituiert und so schließlich zur Grundlage der heutigen philosophischen
Fakultäten wurde.
Das Bildungsprogramm der Artes liberales ist aber nicht nur wegen seiner Dauer bedeutend,
sondern auch wegen seiner Elastizität, die es möglich machte, dass es in ganz verschiedenen
Kulturen, in weit auseinander liegenden Regionen Europas und des Nahen Ostens und in den
Religionen der heidnischen Antike, des Judentums, des Christentums und des Islam Anerkennung
finden und zur Grundlage der Erziehung und Bildung gemacht werden konnte.
Die Antragsteller sind dabei, ein größeres Projekt mit Kennern aus den verschiedenen Fächern, den
verschiedenen Epochen und Regionen der Artes-Traditionen zu entwickeln. Obwohl in der neueren
Forschung gesehen ist, dass die in den Artes-Fächern gelehrten Inhalte nicht erst mit ihrer
kanonischen Institutionalisierung in der Spätantike und im Mittelalter beginnen, sind die
Vorformen, die man bereits bei den Pythagoreern und bei den Sophisten des 5. Jhh.v. Chr. findet,
nur ungenügend untersucht. Insbesondere die ganz unterschiedliche Wertung der Fächer, die später
als Quadrivium, und der Fächer, die als Trivium bezeichnet wurden, ist viel zu wenig beachtet und
ausgewertet. Denn diese fast gegensätzlichen Programme waren Anlass und Grundlage für
unterschiedliche spätere Phasen in der Artes-Tradition, die ohne diese Vorformen aus sich heraus
nicht leicht verständlich werden. Tatsächlich gibt es in der – ohnehin nicht allzureichen -Forschung
kaum Hinweise auf die Unterschiedlichkeit dieser Traditionen. Das hat auch zur Folge, dass die
bereits in den Anfangsphasen im 5. Jhh. geführten hoch differenzierten Sachdiskussionen und
Theoriebildungen – in der Mathematik wie in Gammatik, Logik und Rhetorik - viel zu wenig
untersucht sind. Die häufige Beschränkung auf die Einführungsschriften in die Artes aus der
Spätantike und dem Mittelalter hat daher den Fehleindruck sehr begünstigt, es gehe in den Artes-
Fächern nur um eine Art einführenden Unterrichts. Wäre es so, könnte man nicht einmal zu einer
Erklärung für die außergewöhnlich lange Unterrichtsdauer in diesen Fächern ansetzen, die meist
mindestens vier, oft aber sogar sechs Jahre betrug.
Für diese und viele weitere Fragen sollen die beiden hier vorgelegten Projekte wichtige Einblicke in
die frühen Theorien verschaffen und so zugleich Rahmenbedingungen aufzeigen, an denen sich die
späteren Lehrprogramme orientiert bzw. die sie weiter- oder umgebildet haben.

Prof. Dr. Stefan Büttner, Wien

Prof. Dr. Arbogast Schmitt, Marburg/Berlin

Prof. Dr. Rainer Thiel, Jena

Das Projekt wird finanziert von der Fritz Thyssen Stiftung

Laufzeit: zwei Jahre, eine Verlängerung auf drei Jahre ist möglich

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