05.03.2013
Marburger Gräzistik richtete interdisziplinäre internationale Tagung "Anthropologie in Antike und Gegenwart" aus
Verschiedene Wissenschaftsdisziplinen im Gespräch über medizinisch-biologische und philosophische Entwürfe vom Menschen
Vom 20.-22. Februar 2013 fand in Marburg die von der hiesigen Gräzistik unter Leitung von Prof. Sabine Föllinger organisierte interdisziplinäre und internationale Tagung „Anthropologie in Antike und Gegenwart. Medizinisch-biologische und philosophische Entwürfe vom Menschen“ statt. Die Frage „Was ist der Mensch“ beschäftigt die Philosophie und Wissenschaft, aber auch die Literatur, seit ihren Anfängen und hat in verschiedenen Epochen und Disziplinen je nach Perspektive ganz unterschiedliche Antworten erfahren. Die zunehmende Ausdifferenzierung der Wissenschaftsdisziplinen und die wachsende Bedeutung der Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften für das Selbstverständnis des Menschen hat dabei zur Ausbildung verschiedener, teils miteinander konkurrierender „Anthropologien“ geführt. Ziel der Marburger Tagung war es, anthropologische Entwürfe der Antike und der Moderne aus Philosophie, Biologie, Medizin und Wirtschaft vorzustellen und über die Fächergrenzen hinaus miteinander ins Gespräch zu bringen. Ausgewiesene Fachvertreter und Nachwuchswissenschaftler der Gräzistik, Latinistik, antiken und modernen Philosophie, Biologie, Wirtschaftswissenschaften und Medizingeschichte aus Deutschland, Italien, Französisch, der Schweiz und den USA diskutierten vor einem zahlreichen Publikum folgende Themen:
Eine erste Sektion war dem Thema „Der Mensch als Naturwesen und das Verhältnis von Körper und Geist“ gewidmet. Hier wurde zunächst die Platonische Anthropologie auf einen Body-Mind-Dualismus Descartesscher Prägung hin befragt (Fronterotta). Trotz einer strikten begrifflichen Scheidung zwischen „Seele“ und „Körper“ zeigt sich bei Platon besonders in seinem Erziehungsprogramm, dass hier der ganze Mensch, auch in seiner Körperlichkeit und seinen nicht-rationalen Dimensionen, in den Blick genommen wird (Müller). Ferner wurde diskutiert, wie antike und moderne biologische Theorien den Menschen im Gesamt der lebenden Natur verorten (Kappl, Bölker, Luciani). Zwar spielen für antike Wissenschaftler evolutionäre Zusammenhänge kaum eine Rolle; allerdings ist v.a. in der Aristotelischen Biologie der Gedanke, dass alles Belebte einer Skala zunehmender Komplexität folgt, bei der die höheren Lebensformen die Möglichkeiten der niedrigeren mit einschließen, von zentraler Bedeutung. In der Auffassung, dass – ungeachtet der Besonderheit menschlicher Vernunft – zwischen tierischen und menschlichen Möglichkeiten der Kognition und des Verhaltens keine unüberbrückbarer Gegensatz besteht, kommt dieses Konzept mit der modernen Biologie überein. Ein weiterer Berührungspunkt besteht darin, dass sich auch in der Antike ausführliche Reflexionen über die somatische Verankerung kognitiver Prozesse finden, wie am Beispiel von Aristoteles, Galen und Nemesios gezeigt wurde (Föllinger). Auch die, teils spektakulär inszenierten, (Vivi)Sektionen von Tieren durch Galen konnten Aufschluss darüber geben, wie seelische Funktionen organisch implementiert sind (Leven). Ebenso wurde deutlich, dass antike Philosophen und Mediziner bemüht waren, Kriterien dafür zu entwickeln, welche psychischen Krankheiten auf körperliche Störungen zurückzuführen und entsprechend zu therapieren sind und welche nicht (van der Eijk).
Mit der Frage, wie das Verhältnis von „Körper“ und „Geist“ überhaupt und wie eine spezifisch menschliche Rationalität im besonderen zu denken ist, hängt auch die Problematik des freien und damit moralischen Handelns zusammen; sie stand im Fokus der zweiten Sektion „Der Mensch als ‘moralisches Lebewesen’“. Hier wurden zum einen die Platonische Auffassung vom guten und gerechten Menschen, der sich durch ein harmonisches Zusammenwirken der Seelenvermögen auszeichnet, und die Epikureische Theorie menschlichen Handelns vorgestellt (King, Masi), an der exemplarisch das auch in der modernen Biologie virulente Problem des Reduktionismus erörtert wurde. Dass die Mechanismen der genetischen Evolution nicht hinreichen, um die Eigenheiten menschlichen Verhaltens, insbesondere die Fähigkeit zur Entwicklung kurzfristiger Problemlösungs-strategien, zu erklären, wurde in einem weiteren Beitrag deutlich, der dazu ein Modell individuellen und sozialen Lernens aus evolutionsbiologischer Sicht entwarf (Crowley). Der Abendvortrag, der im Historischen Rathaussaal stattfand, machte plausibel, dass es auch auf der Basis einer evolutionären Sicht des Menschen von philosophischer Seite gute Gründe gibt, eine Sonderstellung des Menschen anzunehmen, auf die eine Ethik gegründet werden kann, und so gleichsam Darwin mit Kant zu versöhnen (Illies).
In einer dritten Sektion „Der Mensch – ein Egoist von Natur aus?“ wurde diskutiert, welche Motivation menschlichem Handeln zugrundeliegt. Dabei wurde das aristotelische Konzept einer eudaimonistischen Ethik, in der das für den individuellen Menschen Gute und Lustvolle mit dem für die Gemeinschaft Guten zusammenfällt (hier ist es vor allem die Aufgabe einer richtigen Erziehung, die Menschen das wirklich Gute und Lustvolle „schmecken“ zu lehren) (Schmitt), in Beziehung gesetzt zum Modell des zunächst auf seinen eigenen Nutzen bedachten homo oeconomicus der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie (hier wird vor allem danach gefragt, wie die verschiedenen Eigeninteressen durch regulierende Institutionen ausgeglichen werden können) (Korn).
Eine besondere Stellung nimmt die christlichen Anthropologie der ersten vier nachchristlichen Jahrhunderte ein, der die letzte Sektion der Tagung gewidmet war. Die christlichen Autoren dieser Zeit werten die philosophischen Entwürfe und wissenschaftlichen Erkenntnisse der paganen Literatur aus und setzen sich teils polemisch damit auseinander, teils integrieren sie sie in ein christliches Konzept vom Menschen. In den vorgestellten Werken ließen sich dabei, je nach Zielrichtung und Adressatenkreis der Schriften, verschiedene rhetorische und argumentative Strategien beobachten (Breuer). Entgegen dem weit verbreiteten Vorurteil einer prinzipiellen Leibfeindlichkeit der christlichen Philosophie wurde deutlich, dass man in Auseinandersetzung mit der paganen Medizin und Biologie durchaus zu einer dezidiert positiven Sicht des Körpers gelangen konnte (De Brasi).
Die Vorträge und die lebhaft geführten Diskussionen zeigten, dass trotz der Vielfalt der Herangehensweisen in den unterschiedlichen Fächerkulturen eine Verständigung in zentralen Fragen, die in der Antike ebenso wie heute gestellt worden sind, nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich ist. In diesem Sinne leistete die Tagung einen Beitrag dazu, die oft beklagte, mehr oder (nicht selten auch) weniger freundliche Ignoranz, die das Verhältnis unterschiedlicher Disziplinen, insbesondere das zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, im heutigen akademischen Betrieb prägt, aufzubrechen.
Text: S. Föllinger und B. Kappl

