Mathematik als Erkenntnistheorie
Das System mathematischer Wissenschaften in Platons ‚Politeia’ und seine Wirkungsgeschichte
Mit der doppelten Zielsetzung: 1) Reflexion des Denkens auf sich
selbst und 2) methodische Grundlage jeder Art theoretischen wie
technischen Wissens zu sein, hatte dieser Platonische Text eine
außergewöhnlich breite und außergewöhnlich lange Wirkungsgeschichte.
Seit der Renaissance des Platonismus etwa um 200 nach Christus wurde
diese ‚communis mathematica scientia’ zum wissenschaftstheoretischen
Teil der Ausbildung in den ‚Sieben freien Künsten’. Als ‚studium
generale’ wurde es über den Zusammenbruch des römischen Reiches hinweg
vom arabischen Osten bis in den lateinischen Westen trotz des
Unterschieds vieler politischer, kultureller und religiöser Systeme
Grundlage jeder wissenschaftlichen Spezialisierung.
Weder die erkenntnistheoretische Zielsetzung aber, die Platon
erfüllen möchte, noch die Aufgabe, wissenschaftstheoretische Grundlage
zu sein, wurden in der bisherigen Forschung zureichend beachtet.
Man traut der Antike keine ‚eigentliche’ Erkenntnistheorie zu und man
hält die Mathematik der ‚artes’ für elementar. Beide Vorurteile sind
angesichts einer großen Zahl einschlägiger, aber kaum oder gar nicht
ausgewerteter Texte widerlegbar: Die ‚Elementarität’ dieser Mathematik
beruht ähnlich wie in der modernen Mengenlehre auf ihrem
wissenschaftstheoretischen Grundlagencharakter, der scheinbare Mangel
an Reflexion auf einem eigenständigen, anderen Begriff von Denken. Die
erstaunliche Leistungsfähigkeit dieses antiken Wissenschaftskonzepts
habe ich in mehreren Forschungsprojekten seit Jahren verfolgt.
Hauptcharakteristikum ist eine große Elastizität, die in christlichen,
jüdischen und islamischen Kulturkreisen erkannt wurde und die eine
effektive Verständigung zwischen Orient und Okzident möglich gemacht
hatte. Wichtig ist, dass dieses Konzept ein integrales, emotionale und
praktische Seiten umfassendes Bildungssystem hervorgebracht hat, das
die epistemischen mit den ethischen, politischen, ästhetischen
Kulturaktivitäten verbunden hat. Die Grundlage für dieses System hat
Platon in den mittleren Büchern seiner ‚Politeia’ geschaffen. Sie kann
nur unter Berücksichtigung der breiten Wirkung, die von ihr ausgegangen
ist und in interdisziplinärer Vernetzung des Fächerkreises, der sich
auf sie stützt, adäquat verstanden werden. Dieser wichtigen, aber in
der Forschung noch kaum in Angriff genommenen Aufgabe möchte ich mich
stellen.
Darstellung des Vorhabens mit Angebung zur Zielsetzung und Begründung:
Das platonische Wissenschaftssystem: Zur Diskrepanz zwischen der Rezeption in Antike und Mittelalter und dem modernen Forschungsinteresse
Die mittleren Bücher der Platonischen 'Politeia' enthalten eine Reihe der berühmtesten Lehrstücke der platonischen Philosophie: die Unterscheidung von Meinung und Wissen, die Forderung der sog. Philosophenherrschaft, die drei großen Gleichnisse (Sonnen-, Linien- und Höhlengleichnis) und im Anschluss daran die Entwicklung eines ‚mathematischen’ Wissenschaftssystems, das in der Darlegung der 'Dialektik' als Höhepunkt und Grundlage des ganzen Systems endet. Obwohl Platon mehrfach und nachdrücklich darauf hinweist, dass alle vorbereitenden und gleichnishaften Darlegungen das Ziel haben, auf dieses Wissenschaftssystem hinzuführen und zu seiner Erklärung beizutragen, konzentriert sich die Forschung mit großem Übergewicht auf die Interpretation der vorbereitenden Passagen und beschränkt sich bei der Behandlung des Wissenschaftssystems auf eher knappe Beschreibungen. Die selteneren ausführlichen interpretierenden Deutungen sind meist kritischer Natur.
Dieses Vorgehen steht in einem auffälligen Gegensatz zur Rezeption
dieses Wissenschaftsprogramms in der Antike. Nicht nur viele
Mathematiker berufen sich auf es, seit dem Ende der skeptischen Phase
der Akademie wurde es zur Grundlage des Ausbildungskonzepts des
Philosophieunterrichts beinahe der gesamten Spätantike .
Es endete auch nicht mit der geschichtlichen Schließung der
Akademie in Athen. Die Gründung des Klosters Monte Cassino durch
Benedikt im Jahr 529 bedeutete nicht einen Paradigmenwechsel, wie oft
behauptet wird, in dem die platonische Zeit der Antike vom Christentum
abgelöst wurde. Im Gegenteil: der Auszug der Platoniker aus der
Akademie bewirkte eine immense Verbreitung ihres auf Platon (und zur
Einführung auf Aristoteles) gestützten Wissenschaftskonzepts in
syrisch-persisch-arabisch-jüdische Kulturkreise, über die viel
verlorenes Lehrgut später in den lateinischen Westen zurückfloss.
Diese enorme Verbreitung platonischen Gedankenguts über ganz
verschiedene Kulturräume und über Geschichtsepochen, die durch Brüche
und große Divergenzen voneinander unterschieden waren, verweist auf
eine erstaunliche innere Elastizität dieses Wissenschaftssystems. Diese
Offenheit zeigt sich auch daran, dass es nicht nur über mindestens
tausend Jahre (von 200 bis 1300 n.Chr.) den Aristotelismus integrieren
konnte (der Aristotelismus der Spätantike und des Mittelalters ist ein
neuplatonischer Aristotelismus), es bildete auch innerhalb der
einzelnen Kulturen das verbindende und die Einheit erklärende Band
ihres geordneten Zusammenhalts. Außerdem ermöglichte es auch über
Jahrhunderte eine Religionsbrücke zwischen Antike, Christentum, Islam
und Judentum, die erst mit der beginnenden Neuzeit und der Ausbildung
eines neuen Rationalitäts- und Wissenschaftsverständnisses
einbrach.
Die Bedeutung dieser außergewöhnlich breiten und langen
Wirkungsgeschichte ermisst sich auch daran, dass sich neben den
Mathematikern nicht nur die großen Philosophen der ‚heidnischen’
Spätantike auf es gestützt haben, auch die großen islamischen
Philosophen (v.a. alFarabi, Avicenna, Averroes) haben trotz vieler
anderer Rezeptionsmöglichkeiten gerade dieses System zur Grundlage
ihrer eigenen Forschungen gemacht ebenso wie die meisten christlichen
Scholastiker des lateinischen Westens (von Johannes Scotus Eriugena bis
zu Albertus Magnus und Thomas von Aquin).
Allein dieses große, aus so vielen verschiedenen Quellen gespeiste
Interesse an Platons ‚communis mathematica scientia’ macht es zu einem
dringenden Forschungsdesiderat, den Gründen nachzugehen, die dieses
Wissenschaftsprogramm so attraktiv gemacht haben, und am Platonischen
Text selbst zu überprüfen, wie weit die von ihm ausgegangene Wirkung in
ihm selbst bereits angelegt ist und ob nicht auch der Text selbst von
dieser Wirkung her in einer anderen und vielleicht zutreffenderen
Perspektive zu lesen ist als vom Standpunkt eines neuzeitlichen
Mathematikverständnisses oder eines nachcartesianischen
Vernunftbegriffs.
Die mathematischen Wissenschaften als reflexive Entfaltung der Unterscheidungskriterien des Denkens selbst
Bringt man die Haupttendenzen der Rezeption der später in das System
der ‚artes liberales’ integrierten ‚mathematischen
Universalwissenschaft’ Platons auf eine knappe Formel, dann ist es die
Reflexion des Denkens auf seine Urteilskriterien und die auf diese
Kriterien gestützte Entfaltung einer Theorie der Wissenschaftlichkeit
von Wissenschaft, die immer wieder den Ausgangs- und Zielpunkt der
Rezeption gebildet haben.
Tatsächlich entspricht diese Tendenz auch der ausdrücklichen
Zielsetzung, die Platon selbst in der ‚Politeia’ angegeben hat. Es geht
ihm um die Frage, ob es bei allem, was man erkennend, handelnd oder
technisch produzierend tut, Kriterien gibt, die ausmachen, dass man
dabei rational und nicht mehr oder weniger beliebig verfährt. Solche
Kriterien wenden alle ständig irgendwie an, wie Platon sagt, nur wenige
aber wissen, worin eigentlich das Rationale an einem rationalen Handeln
besteht, und können diese Kriterien daher nicht methodisch selbständig,
sondern nur in zufälliger Intuition gebrauchen (Politeia
522c-523a).
Ein solches Wissen, in dem sich die Vernunft über ihre eigenen Akte
aufklärt, nennt Platon an dieser Stelle ein ‚koinón máthema’, ein allen
gemeinsames Wissen, die Disziplin, die dieses Wissen reflexiv
ermittelt, eine ‚koiné mathematiké epistéme’, eine, wie die Lateiner
übersetzt haben, ‚communis mathematica scientia’ oder eine ‚mathesis
universalis’. ‚Mathematiké’ heißt auf Griechisch ‚zum Wissen gehörig’
und nicht nur ‚mathematisch’. Platon war aber in der Tat überzeugt,
dass die Grundwissenschaft, die er suchte, eine mathematische
Wissenschaft war. Über dem Eingang der Akademie soll deshalb gestanden
haben: ‚Keiner, der nicht mathematisch gebildet ist, soll hier
eintreten’. Die Mathematik, die Platon meint, ist freilich nicht eine
Wissenschaft von homogenen Quantitäten . Dieses Mathematikverständnis
ist selbst ein geschichtliches Produkt, dessen Entstehung (v.a. bei
Vieta, Stevin und Descartes) unmittelbar mit der Destruktion des
platonischen Rationalitätsbegriffs zu Beginn der Neuzeit verbunden ist.
Die platonische Mathematik ist aber auch keine Zahlenmystik, auch wenn
dieses Vorurteil immer noch weite Verbreitung hat. Platon beruft sich
vielmehr auch an dieser Stelle der ‚Politeia’ auf den von ihm vielfach
geführten Nachweis, dass man etwas nicht denken kann, wenn es nicht mit
sich identisch und von anderem unterschieden ist. Identifizierbarkeit
und Unterscheidbarkeit sind für ihn daher Grundforderungen des Denkens
an seine (nicht die äußeren) Gegenstände, Denken ist seinem primären
Akt nach ein Unterscheiden (‚krinein’) .
Die großartige und folgenreiche Entdeckung Platons war, dass man durch
die Reflexion auf die Bedingungen, die es dem Denken möglich machen,
seine ihm eigene Leistung, das Unterscheiden, auszuführen, ein ganzes,
in sich strukturiertes und hoch differenziertes Wissenschaftssystem
erschließen kann, und dass dabei zuerst die Begriffsbedingungen
mathematischer Gegenstände aufgedeckt werden . Wenn man fragt, an
welchen Kriterien man prüft, ob sich etwas unterscheiden lässt, dann
wird nach Platon klar, dass man etwas nicht unterscheiden kann, wenn es
nicht ein Eines ist, das mit sich identisch, von anderen verschieden
ist, das ein Ganzes ist, das Teile hat, die alle als Teile dieses
Ganzen einander gleich, gegeneinander aber verschieden, also ähnlich
sind, usw., usw.. Einheit, Identität, Verschiedenheit, Ganzheit, Teil,
Gleichheit, Ähnlichkeit, Diskretheit, Kontinuität, Anfang, Mitte, Ende
usw. sind also Kriterien, an denen man sich unbemerkt oder ausdrücklich
bei jedem Erkennen orientiert. Wer einen Ton hören will, muss bemerken,
wodurch er ein Ton ist, d.h. er muss ihn in seiner Identität gegen von
ihm verschiedene Töne abgrenzen, muss darauf achten, wann er anfängt,
wie lange er gleich bleibt, wann er aufhört, usw. In der Mathematik tut
man grundsätzlich das Gleiche, aber man untersucht nicht, ob
irgendetwas identisch ist, sondern was Identität, Gleichheit,
Ähnlichkeit usw. sind, d.h., was zu ihrem Begriff gehört.
Die platonische Mathematik ist daher sowohl eine besondere wie ein
allgemeine Wissenschaft. Für sich besteht sie in einer Analyse der
Begriffsbedingungen möglicher Einheiten überhaupt, als allgemeine
Wissenschaft ist sie Anwendung dieser Einheitskriterien auf alle
möglichen Erkenntnisgegenstände .
Entgegen einem immer noch verbreiteten Vorurteil ist das Zentrum der
platonischen Philosophie nicht eine Schau jenseitiger Ideen, sondern
eine Reflexion des Denkens auf sich selbst. Auf dieses Ziel hin war der
Unterricht in der Akademie von Anfang an ausgerichtet. Im Kreis der
Wissenschaften der sogenannten sieben ‚Freien Künste’ (‚artes
liberales) bildeten die Inhalte dieses Unterrichts die Grundlage des
Universitätsstudiums bis ins ausgehende Mittelalter und, wenn auch mit
gewichtigen Änderungen, partiell sogar noch bis ins 18.
Jahrhundert.
Der Wandel des Rationalitätsbegriffs zu Beginn der Neuzeit und seine Folgen für einen hermeneutisch adäquaten Zugang zu Platon
Zu Beginn der Neuzeit entwickelten sich philosophische Ansätze mit einem radikal neuen Begriff von Denken. Denken wurde als Repräsentation der (äußeren) Wirklichkeit verstanden . Die Gliederung des Wissens kam jetzt von den Bereichen, auf die das Denken angewendet wurde – mit der Folge immer neuer ‚Ausdifferenzierungen’ und Spezialisierungen. Ein systematisches Band der Wissenschaften untereinander erscheint bis heute als Relikt einer dogmatisch naiven (‚mittelalterlichen’) Philosophie.
Die Frage kann aber gestellt werden und sie muss auch gestellt
werden, weshalb von diesem neuen Begriff von Denken aus die platonische
Philosophie als eine spekulative Seinsphilosophie beurteilt wurde, die
eine Reflexion des Denkens auf sich selbst (als auf die Bedingung der
Möglichkeit jeder Art von Erkenntnis) noch gar nicht als Aufgabe
erkannt hatte.
Geht man von Platon aus, ist die Grundhandlung, die das Denken
ausführt, ein Unterscheidungsakt. Man sucht mit Hilfe der reflexiv
ermittelten Kriterien des Unterscheidens etwas zu erfassen, was zu
einer einheitlich unterscheidbaren Sache zusammengehört. Daraus ergibt
sich eine Kritik an einem Denken, das sich allein auf die Empirie
stützen will. Keine Gegenstandseinheit, die man beobachten oder mit den
anderen Wahrnehmungen erfassen kann, lässt sich als eine für sich
unterscheidbare Sacheinheit festhalten. Platons beliebtes, weil sehr
einfaches, aber aussagekräftiges Beispiel ist der Kreis. Das, was man
von einem Kreis im Sand, auf der Wachstafel, aus Erz mit Sinn und
Verstand erkennen kann, lässt sich nicht in einem Begriff vereinen. Man
braucht mindestens zwei Begriffe, etwa einen Begriff von Sand und einen
von Kreis, um dem einen Begriff die braune Farbe, die vielen kleinen
Körner, dem anderen die geschlossene, einförmige Linie, usw.
zuzuordnen. Und man versteht das Ganze nur als Verbindung, als
Zusammensetzung, Synthese aus beiden für sich unterschiedenen
Sacheinheiten. Tut man dies nicht, sondern nimmt die gegebene
Gegenstandseinheit als Sacheinheit, gerät man in Widersprüche, weil
dann ein und dieselbe ‚Sache’ sowohl aus vielen kleinen Teilen wie aus
einer kontinuierlichen Linie gebildet erscheint, usw.
In seinem Dialog ‚Theätet’ versucht Platon zu zeigen, dass alle
grundsätzlichen skeptischen Einwände (v.a. des Sophisten Protagoras)
gegen die Möglichkeit von Erkenntnis auf der Verwechslung von
Vorstellung und Wahrnehmung bzw. begrifflichem Denken beruhen
(Theaitetos 151eff.), und Aristoteles pflichtet ihm in seiner
Metaphysik bei (Metaphysik 1009a6fff. V.a. 1010b3). Denn mit der
Vorstellung bezieht man sich auf den ganzen, der Wahrnehmung gegebenen
Gegenstand. Die Richtigkeit der Erkenntnis scheint dann von der
möglichst vollständigen und unverfälschten Repräsentation des äußeren
Gegenstands in der inneren Welt der Vorstellung abzuhängen. Die um 300
vor Christus sich entwickelnde Philosophenschule der Stoa vertrat genau
dieses Erkenntnisideal: ein Gegenstand galt ihr dann als objektiv
erkannt, wenn er in der Vorstellung genauso, wie er real existiert,
klar und deutlich wiedergegeben war. Die Widersprüche und
Ausweglosigkeiten, in die man mit dieser Position gerät, hat die
beinahe zugleich mit der Stoa entstehende Skepsis an einer Unzahl von
Beispielen demonstriert und die alte Position des Protagoras erneuert:
Wir stellen die Welt nicht vor, wie sie ist, sondern auch mit den
klarsten und deutlichsten Vorstellungen nur so, wie sie uns – unter
bestimmten Umständen, in bestimmter subjektiver Verfassung, usw. –
erscheint.
Schon die antike, v.a. skeptisch beeinflusste
Philosophiegeschichtsschreibung hat die platonischen Ideen mit den
klaren und deutlichen (‚kataleptischen’) Vorstellungsbildern der Stoa
gleichgesetzt und Platon mit der Stoa eines naiven Dogmatismus
bezichtigt. Die Philosophie der Frühen Neuzeit hat sich nach einer mehr
als tausendjährigen Phase neuplatonisch-aristotelischen Denkens
ausdrücklich auf die hellenistischen Philosophenschulen zurückbezogen
und mit ihnen die Vorstellung (die auch nach Aristoteles alle unsere
Denkakte begleite, so etwa Pomponazzi ) wieder zum führenden und
primären Erkenntnisorgan erklärt. Aus den klaren und deutlichen
Vorstellungen wurde in der Aufklärungsphilosophie bei Christian Wolff
das ‚Bewusstsein’.
Reflektiert man vom Standpunkt des Bewusstseins aus auf den Grundakt
des ‚Denkens’, dann sind es die ‚Modi des Bewusstseins’, die Art und
Weise, wie uns auf Grund der Bedingungen der Vorstellungskraft die
Dinge erscheinen, die diesen Akt ausmachen. Nur diesen Bedingungen hat
Platon keine reflexiv kritische Analyse gewidmet.
Aufgabenstellung der geplanten Monographie zur platonischen ‚Communis mathematica scientia’
Der knappe Überblick über die Begründungsstrategien der platonischen ‚Universalmathematik’, ihrer breiten Wirkung in Antike und Mittelalter und der Probleme ihrer Rezeption in Neuzeit und Moderne macht bereits deutlich, dass ein hermeneutisch angemessener Zugang und eine der historischen Besonderheit und Bedeutung des Platonischen Wissenschaftskonzepts gerecht werdende Erklärung eine komplexe Aufgabenstellung ist, die insbesondere die longue durée in Antike und Mittelalter wie den epochalen Bruch in der Frühen Neuzeit einbeziehen muss, um die perspektivische Verzerrung des Urteils kontrolliert verkleinern zu können. Die Besonderheit des Platonischen Begriffs des Denkens bringt es zudem mit sich, dass Denken für ihn kein rein ‚rationaler’ Begriff (in einem nachcartesianischen Sinn) ist, sondern von sich her eminente emotionale und voluntative Bedeutung hat . Dies erst erklärt die Tatsache, dass Platon selbst von seinem Wissenschaftskonzept behaupten kann, es gelte nicht nur für die Wissenschaft, sondern für jede Art von Ordnung unter menschlichen Aktivitäten.
Die Arbeit an diesem Problemkomplex muss nicht von vorne anfangen. Seit
vielen Jahren habe ich in eigenen Forschungen und in mehreren großen
gemeinsamen Forschungsprojekten mit Kollegen und Schülern eine große
Zahl einschlägiger Probleme behandelt: das Verhältnis der platonischen
zur cartesianischen Erkenntnistheorie , das Verhältnis Platons zum
Empirismus , die theoretische Grundlegung einer Zahltheorie im
Platonismus , das platonisch-neuplatonische Geometrie - und
Musikkonzept , die ethische und ästhetische Bedeutung des platonischen
Rationalitätsbegriffs , den Wandel von der platonisch aristotelischen
Auslegung des Denkaktes als eines Unterscheidungsaktes zur Deutung des
Denkens als einer Form ‚mentaler Repräsentation’ im späten Mittelalter
und der Frühen Neuzeit , den Wandel des Universalienbegriffs von der
Spätantike zur Neuzeit , die Bedeutung des Rezeptionswandels vom
neuplatonischen Aristotelismus des Hochmittelalters zur Neurezeption
von Stoa, Skepsis und Epikur in der Renaissance ; den Weg von der
Artes- Universität zu den Natur- und Geisteswissenschaften der
Gegenwart , u.ä.m.
Alle diese Arbeiten setzen sich ausführlich mit der jeweils
einschlägigen Forschung auseinander. Die Forschungsliteratur zu Platon
ist inzwischen von einem einzelnen nicht mehr überschaubar. Nach
langjähriger Beschäftigung mit dieser Literatur glaube ich sagen zu
können, dass die von mir skizzierten Auslegungsdesiderate nicht
systematisch, oft nicht einmal marginal erfüllt worden sind. In diesem
Sinn bearbeitet das Forschungsprojekt, das ich in Angriff nehmen
möchte, Neuland.
Der Gewinn, den man von diesem Projekt erwarten kann, ist vielfältig
und vielfach bedeutend.
Es wird mit diesem Buch zum ersten Mal eine systematische, die
erkenntnistheoretische Begründung analysierende Behandlung des
Platonischen Wissenschaftssystems in seiner inneren Hierarchie
vorliegen. Dadurch ist eine wichtige, unverzichtbare Basis geschaffen,
von der aus die enorme Wirkungsgeschichte dieses Systems zureichender
als bisher verstanden werden kann. Eine besonders wichtige Frage, der
ich intensiv nachzugehen versuchen werden, ist die Frage nach den
Bedingungen, die die Übertragung dieses Systems in kulturell,
historisch und religiös so verschiedene Bereiche wie das spätantike
römische Reich im Westen und Osten, das syrische Christentum, die
persisch- arabisch -jüdischen Kulturen und Religionen bis in
lateinische Mittelalter Westeuropas möglich gemacht haben. Der
methodische Weg, über den diese von einem Einzelnen nicht zu leistende
Aufgabe in einem basalen Sinn erfüllt werden soll, ist die
Detailanalyse des Aufbaus des ‚Quadriviums’ im System der ‚Freien
Künste’ und die Verfolgung der Funktion, die diesem ‚Vierweg’ der
mathematischen Wissenschaften in verschiedenen Unterrichts- und
Forschungssystemen zugedacht war. Nur unter Berücksichtigung wichtiger
Traditionslinien dieses Systems kann auch das Potential, das Platon in
seiner ‚Politeia’ angelegt hat, erschlossen werden.

