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DFG-Projekt "Korrespondenzen der Frühromantik. Edition – Annotation – Netzwerkforschung"

Frühromantik

Mit Frühromantik meinen wir den Kreis um die Brüder Schlegel, Caroline Schlegel, Dorothea Veit, Friedrich von Hardenberg (Novalis), Ludwig Tieck, Friedrich Schleiermacher und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der sich kurz vor der Jahrhundertwende in Jena und Berlin um die Zeitschrift "Athenaeum" herum konstituierte und durch seinen revolutionären, vielfach polemischen Gestus sowie durch seine Formexperimente im Zeichen von Poesie und Transzendentalphilosophie auf sich aufmerksam machte. Einen Verbündeten wie Johann Gottlieb Fichte, aber auch die Berliner Salonniere Rahel Levin schließen wir in unsere Überlegungen ein. Da uns alle Korrespondenzen dieser Personen interessieren, spielen Vorbilder wie Johann Wolfgang Goethe, Geschäftspartner wie die Verleger Cotta, Unger und Vieweg sowie Kritiker und Gegner ebenso eine Rolle wie enge Freunde und Familienangehörige.

Unser Korpus

Wir bieten Wissenschaftler:innen sowie einem interessierten Publikum eine Plattform mit den Korrespondenzen der (literarischen, philosophischen) Jenaer und Berliner Frühromantik über das Intervall von 1790 bis 1802. Neben den schon genannten ‚big names‘ stehen auch weniger prominente Mitstreiter wie Johann Diederich Gries, Johann Wilhelm Ritter, August Ludwig Hülsen u.a.

Briefeditionen online zugänglich machen, Lücken schließen

In Arbeit ist eine Open-Access-Präsentation von etwa 6.500 Briefen unter Nachnutzung vorhandener Editionen, hinzu kommt die im Projekt erarbeitete editorische Ergänzung von Lücken, seien es Nachträge zu abgeschlossenen Editionen, sei es die Aufnahme von Briefschreiber:innen, denen bislang keine Edition gewidmet wurde. Zu jedem Brief bieten wir: einen zuverlässig edierten Volltext, ein Druckdigitalisat, teilweise Handschriftenimages, normierte Meta- und Registerdaten, u.a. Absender, Absenderort, Datum, Adressat, Adressatenort, Angaben zur Provenienz der Handschrift, eine bibliographische Angabe zum Druck, mehrere Register zu den im Brief erwähnten Personen, Werken, Orten, Körperschaften und Periodika. Unsere Metadaten verlinken wir mit Normdatensätzen von GND und GeoNames. Fehlende GND-Einträge sollen in Zusammenarbeit mit Bibliotheken anlässlich unseres Projekts erhoben werden, dies gilt auch für den oft komplexen Vorgang der Werktitelansetzung. Besonders gelegen ist uns an erschlossenen Briefen, unabhängig davon, ob sie in den zugrundeliegenden Editionen bereits ermittelt wurden oder nicht.
Eine Freischaltung der Projektwebsite als Beta-Version ist für Ende 2023 geplant.

Laufzeit: 2022 bis zunächst 2025, geplant: bis 2028

Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU)
Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (ADW)
Trier Center for Digital Humanities, Universität Trier (TCDH)

Projektleitung:
Prof. Dr. Ulrich Breuer, JGU
Prof. Dr. Aline Deicke, ADW Mainz und Philipps-Universität Marburg
Dr. Thomas Burch, TCDH

Mitverantwortliche:
Prof. Dr. Anne Bohnenkamp-Renken, Freies Deutsches Hochstift/Goethe-Universität Frankfurt a. M.
Prof. Dr. Christof Schöch, Universität Trier

Projektteam JGU:
Laura Dänekas
Laura Fath, M.A.
Nora Görsch, B.A.
Martha Prohaska
Laura Relitzki, B.A.
Prof. Dr. Jochen Strobel

Projektteam JGU (von links nach rechts): Laura Relitzki, Nora Görsch, Laura Fath, Jochen Strobel, Laura Dänekas, Martha Prohaska.

Projektteam ADW:
Clara Seibold, B.A.
Elena Suárez Cronauer, M.A.

Projektteam TCDH:
Dipl.-Soz. Michael Lambertz
Sandra Weyand, M.Sc.

Unsere Basis: das Vorgängerprojekt

Eine digitale Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels (KAWS) entstand mit Förderung durch die DFG zwischen 2012 und 2021. Weit über 5.000 Briefe sind digital im Volltext und meist auch als Images der Handschrift auf https://august-wilhelm-schlegel.de verfügbar. Die Website liegt zweisprachig, deutsch und englisch, vor.

Etwa die Hälfte wurde neu transkribiert und ist im Druck nie erschienen, die zweite Hälfte beruht auf der Nachnutzung von etwa 120 Print-Editionen. Differenzierte, auch facettierte Suchen sind möglich. Zu jedem Brief (Volltext, Metadaten) kann on-the-fly ein PDF erstellt werden. XML-TEI kann je Brief, aber auch über das gesamte Korpus abgerufen werden. Für optimale Usability bieten wir: einheitliche Metadaten (Briefkopf bzw. Strukturdaten; Register), in der Regel (und soweit möglich) Notation nach GND-Standard und Verlinkung mit GND-Dateien. Das Projekt hat Hunderte von GND-Dateien zu Personennamen in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) erhoben.

Semantische Annotation von Briefaussagen

Ausgewählte Briefaussagen werden von uns händisch in eine Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur überführt. Bei diesen Annotationen werden bereits erfasste Registerentitäten (Namen, Werktitel, Periodika, Körperschaften, in der Regel in der Notation der GND) über eine zweiteilige Prädikatstruktur aus Illokution und Proposition miteinander verknüpft. Mit diesem Vorgehen schließen wir an sprachwissenschaftliche Standards, nämlich die Sprechakttheorie, an, die zwischen illokutionärem Akt und Proposition unterscheidet. Dabei bilden die Registerdaten jeweils das Subjekt und das Objekt der Aussage. Subjekte sind immer Personen (meist ist es die oder der Briefschreiber:in), Objekte sind Personen, Körperschaften, Werktitel und Periodika.

Vorrangiges Ziel dieser Auszeichnungen ist es, die Prozesse intellektuellen Austauschs und die Spuren kollaborativen Schaffens in den Brieftexten für eine formale quantitative Analyse zu öffnen, in zweiter Linie wollen wir den Nutzer:innen unserer Editionsplattform eine zusätzliche Suchoption an die Hand geben. Aus unserer Registererweiterung entsteht zugleich ein kontrolliertes, nachnutzbares Vokabular zur Korrespondenz um 1800 in SKOS, einem Standard, um Wissenssysteme zu repräsentieren und zu teilen sowie Struktur, Inhalt und Beziehungen von Konzepten eines solchen Systems auszudrücken.

Ontologie

Ein Projektziel ist die Modellierung einer Ontologie zu den Korrespondenzen der Frühromantik. Eine Ontologie ist ein System von Konzepten, die mit logischen Relationen verknüpft und über eine hierarchisierende Struktur geordnet sind, wodurch implizites Wissen einer Domäne explizit gemacht werden kann. Sie dient außerdem als eine Form der Wissensrepräsentation eines spezifischen Ausschnitts der Welt, in unserem Fall der Korrespondenzen der Akteur*innen der Frühromantik um 1800.

Indem wir aus den spezifischen und eine konkrete „Sache“ betreffenden Aussagen des Quellmaterials generische und allgemeine Konzepte entwickeln und diese als Linked Open Data darstellen, ist die KFR-Ontologie anschlussfähig für andere Forschungsinteressen, die die Zeit um 1800 oder das Kommunikationsmedium Brief betreffen.

Weitere Ziele der drei Projektteams

Knowledge Graph (ADW)
Der Knowledge Graph bildet die Wissensdomäne der frühromantischen Korrespondenz in einer Graphdatenbank auf Basis der KFR-Ontologie ab. In einer Graphdatenbank werden Daten als Knoten und ihre Beziehungen zueinander als Kanten abgespeichert. Die Vokabulare der Illokutionen und Propositionen werden zusammen mit den Register- und den sonstigen Metadaten der Briefe als Normdaten in das Datenmodell des Knowledge Graphen eingebunden. Dort werden die Daten zum einen weiter mit Informationen aus externen Datenquellen, wie z.B. der GND, angereichert. Zum anderen wird der Graph durch graph completion- und erste reasoning-Routinen vervollständigt und erweitert.

Graphen- und netzwerktheoretische Auswertung (JGU/ADW)
Auf der Basis der Annotationen und der Datenmodelle erfolgen Auswertungen mittels quantitativer netzwerkanalytischer sowie qualitativer Ansätze. Die Netzwerke, die untersucht werden, werden aus dem angereicherten Knowledge Graphen exportiert. Die Netzwerkanalyse soll der Erforschung der Kommunikationsstrukturen und des Wissenstransfers im Korrespondenznetzwerk ‚Frühromantik‘ dienen. Strukturen des Netzwerks der Jenaer (und Berliner) Frühromantik sowie seine Genese und Entwicklung lassen sich so als relationale Phänomene rekonstruieren.

Semantische Ähnlichkeitsanalyse (TCDH)
Der Knowledge Graph wird zudem durch Verknüpfungen zwischen Briefen ergänzt, die auf der semi-automatisch ermittelten stilistisch-semantischen Ähnlichkeit der in ihnen enthaltenen Sätze beruhen. Indem das semantische Profil jedes Satzes berechnet und die Ähnlichkeit der Satzvektoren aller im Korpus enthaltenen Sätze zueinander ermittelt wird, lassen sich besonders ähnliche Briefe ausmachen. Neben dieser zusätzlichen Schicht der Verbindungen von Briefen wird eine Anschlusssuche ermöglicht, bei der zu einem bestimmten Brief diejenigen Briefe aufgefunden werden können, die ähnliche Formulierungen und Inhalte aufweisen.

Langfristig?

Die Bereitstellung (unter CC-BY-4.0) und das (Langzeit-)Hosting aller Daten verantwortet das TCDH Trier. Zitierfähigkeit wird gewährleistet. Eine Spiegelung der Forschungsdaten auf den Servern der Mainzer Akademie ist geplant.

Unsere Partner

Wir kooperieren eng mit dem DFG-Projekt „Der Deutsche Brief im 18. Jahrhundert“ (ULB Darmstadt, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, BBAW) für die Image- und Volltextdigitalisierung der zugrunde liegenden Editionen sowie die zugehörigen Metadaten.

Zu unseren weiteren Kooperationspartnern zählen weiterhin:

Die Präsentation der Briefe in dem von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) unterhaltenen Webservice correspSearch wird gewährleistet sein (wie schon bei den gut 5.000 Briefen der KAWS).