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Die Reparationspolitik von Opferorganisationen in Transitional Justice-Prozessen

Tafel zur Wahrheitskommission in Timor Leste aus der Ausstellung von Chega in Dili
T.Bonacker
Tafel zur Wahrheitskommission in Timor Leste

Während sich die internationale Forschung zu Transitional Justice in den letzten Jahren verstärkt mit der Rolle von Opfern und ihrer institutionellen Beteiligung an der Aufarbeitung von Gewaltvergangenheiten beschäftigt hat, liegen bislang nur wenige Studien zur selektiven Entschädigungspraxis in Transitional Justice-Prozessen vor. Dies erstaunt in zweifacher Hinsicht. Erstens wird in der Literatur anerkannt, dass Reparationen trotz einer seit den frühen 2000er Jahren entstehenden internationalen Norm der Opferentschädigung nur selektiv gewährt werden. Dennoch fehlen Studien, die diese Selektivität erklären. Zweitens haben Arbeiten über die Erwartungen von Opfern an die Aufarbeitung schwerer Menschenrechtsverletzungen deutlich gemacht, dass Opfer Entschädigungen eine hohe Priorität beimessen. Enttäuschungen dieser Erwartungen dürften ein Risiko des Rückfalls in Gewalt darstellen. Allerdings liegen bislang ausgesprochen wenig fallübergreifende und insofern theoriegenerierende Arbeiten zur administrativen Implementierung von Entschädigungen vor. Vor diesem Hintergrund widmet sich das Vorhaben der Reparationspolitik von Opfergruppen und fragt nach den Positionen, die Opferorganisationen in der Frage nach materiellen Entschädigungen einnehmen und nach den Mitteln, diese Forderungen gegenüber Regierungen durchzusetzen.

Konkret konzentriert sich das Vorhaben auf administrative, von Regierungen beschlossene Reparationen, ohne zu ignorieren, dass gerichtlich angeordnete Entschädigungen einen Einfluss auf die politische Aushandlung von Reparationen haben können. Im Kern prüfen wir drei Erklärungsansätze für eine selektive Entschädigungspraxis und entwickeln darauf aufbauend Annahmen über kausale Mechanismen, die positiven Reparationsentscheidungen zugrunde liegen. Dabei vergleichen wir Reparationspolitiken in vier Fällen, die jeweils unterschiedliche Gewalttypen repräsentieren: Guatemala, für Anti-Regime-Konflikte, Marokko für staatliche Repression, Nordirland für identitätsbasierte Konflikte und Timor Leste für Sezessionskonflikte. Ziel des Vorhabens ist es, über process tracing kausale Faktoren zu identifizieren, die für die Entschädigung von Opfern in der Aufarbeitung unterschiedlicher Gewaltvergangenheiten verantwortlich sind, um darüber zu einer vielfach angemahnten Theoriebildung im Feld der Transitional Justice- Forschung beizutragen. Methodisch stützt sich das Projekt auf ein Fall vergleichendes Forschungsdesign, das mit qualitativen Methoden der Datengewinnung und -auswertung arbeitet.

Laufzeit: 2020-2024
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft
Projektleitung: Prof. Dr. Thorsten Bonacker
Team: Kim Baudewijns, Pia FalschebnerDr. Eva Willems, Ida Forbriger, Elisabeth Winterer