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Ver- und Entsicherheitlichung treuhänderischer Übergangsverwaltungen in politischen Transitionsprozessen

T. Bonacker

Das Projekt analysiert Prozesse der Ver- und Entsicherheitlichung in zwei historischen Konstellationen treuhänderischer Übergangsverwaltungen. Es vergleicht dabei Übergangsverwaltungen, die im Rahmen des UN-Treuhandsystems zur Dekolonialisierung eingesetzt wurden, mit UN geführten Verwaltungen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Wir verstehen Ver- und Entsicherheitlichung als strategische Praktiken, mit denen die in den Staatsbildungsprozess involvierten Akteure versuchen, ihre politischen Entscheidungen, ihre Opposition oder ihren Widerstand gegenüber einem Publikum plausibel zu machen und darüber Einfluss auf das Statebuilding auszuüben.

Dritte Förderphase (2021 – 2025)

In der dritten Förderperiode zielt das Teilprojekt auf eine Analyse der Dynamiken von Ver- und Entsicherheitlichung im Kontext der Aushandlung treuhänderischen Regierens in den Vereinten Nationen seit dem zweiten Weltkrieg. Ziel ist es, Kontinuitäten und Wandel des Konzepts und der Praxis internationaler externer Herrschaft nachzuvollziehen und zu zeigen, inwiefern Ver- und Entsicherheitlichung zu einer Herausbildung von treuhänderischer Verwaltung als spezifisches Repertoire des Regierens führen. Die Historisierung von Treuhandschaft erstreckt sich von der Aushandlung von Treuhandschaft in den 1940er Jahren, über erste Ansätzen territorialer UN-Direktverwaltungen bis zu UN-Administrationen der 1990er Jahre.

In einem ersten Arbeitsvorhaben untersuchen wir Ver- und Entsicherheitlichungen in ausgewählten konflikthaften Aushandlungsprozessen von Treuhandschaft in UN-Gremien seit den 1940er Jahren (z.B. Treuhandrat, UN-Sicherheitsrat, UN-Generalversammlung).

Ein zweites Arbeitsvorhaben konzentriert sich explizit auf die Sowjetunion, deren zentrale, allerdings auch wechselhafte Rolle in den Konflikten um die Reichweite, Dauer und Autorität von Treuhandschaft bislang wenig erforscht ist.

Ein drittes Arbeitsvorhaben widmet sich der konstitutiven Bedeutung, die sicherheitsbezogenes Wissen für treuhänderisches Regieren spielt und fragt, wie dieses Wissen über Territorien und ihre Bevölkerungen generiert und in die Sprache der internationalen Verwaltungspraxis übersetzt wird. Damit leistet das Projekt auch einen Beitrag zur Erforschung der Entstehung und des Wandels des UN-Berichtswesens.

Erste und Zweite Förderphase (2014 – 2021)

In der ersten Förderphase (2014-2017) haben wir im Vergleich von Treuhandschaft (die französischen Administrationen von Kamerun, sowie die australische Verwaltung Papua-Neuguineas) und UN Administrationen (UNMIK im Kosovo und UNTAET in Ost-Timor) zeigen können, dass Ver- und Entsicherheitlichung in erster Linie strategische Praktiken sind, deren Bedeutungen sich erst im Kontext eines umstrittenen Statebuilding erschließen, in dem Akteure ihre Herrschaft konsolidieren oder Widerstand artikulieren wollen.

In der zweiten Förderphase (2018 – 2021) haben wir  –  auf der Basis der bisherigen Erkenntnisse und in Ergänzung unserer bisherigen Fallauswahl um den Fall Togo (französische / britische Treuhand Administration)  – nach möglichen Bedingungen für die (De-)Mobilisierung eines Sicherheitsdiskurses gesucht. Das Projekt in der zweiten Phase verfolgt drei Ziele: Erstens sollen kontextspezifische und kontextübergreifende Bedingungen dafür gefunden werden, unter denen Repertoires der Ver- bzw. zur Entsicherheitlichung im Zuge des Aufbaus einer neuen Staatlichkeit mobilisiert werden. Zweitens wollen wir zeigen, inwiefern treuhänderische Verwaltung über Strategien der Ver- und Entsicherheitlichung konsolidiert, aber auch – etwa im Rahmen antikolonialen Widerstands – herausgefordert wurde. Damit soll ein besseres und stärker theoriegeleitetes Verständnis der Dynamiken treuhänderischer Herrschaft erzielt werden. Drittens wollen wir im Zusammenhang mit der methodologischen Debatte zwischen konstitutiven und kausalen Lesarten von Versicherheitlichung in den securitization studies zeigen, dass sich beide über eine Analyse strategischer Praktiken verbinden lassen.

Das Projekt ist Teil des Sonderforschungsbereichs 138 "Dynamiken der Sicherheit".

Laufzeit: 2014-2025
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft, Teilprojekt SFB 138
Projektleitung: Prof. Dr. Thorsten Bonacker
Aktuelles Team: Prof. Dr. Thorsten Bonacker, Dr. Werner Distler, Dr. Philipp Lottholz, Emma Fahr, Karoline Möller.
Ehemalige aus der ersten und zweiten Förderphase: Julius Heise, Maria Ketzmerick; Theresa Bachmann, Miriam Bach, Leonie Disselkamp, Laura Kotzur, Ronja Schicke, Lea Stromowksi, Luisa Siemens, Miriam Tekath.  

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    Bonacker, Thorsten & Denis Liebetanz. 2017. How Dynamics of Security Contribute to Illiberal Statebuilding: the Case of Tajikistan. In: Thorsten Bonacker, Werner Distler & Maria Ketzmerick (eds.) 2017. Securitization in Statebuilding and Intervention. Baden-Baden: Nomos. DOI: 10.5771/9783845285825

    Bonacker, Thorsten & Maria Ketzmerick 2017. How Security Dynamics Shaped Trusteeship Statebuilding: The French Adminstration of Cameroon. In: Thorsten Bonacker, Werner Distler & Maria Ketzmerick (eds.) 2017. Securitization in Statebuilding and Intervention. Baden-Baden: Nomos. DOI: 10.5771/9783845285825

    Bonacker, Thorsten & Werner Distler 2021. Securitisation in World Politics: the Conflict on the Self-Determination of East Timor at the United Nations. In: International Quarterly for Asian Studies 52, 1-2. DOI: 10.11588/iqas.2021.1-2.14301

    Bonacker, Thorsten 2016. Internationales Statebuilding und die liberale Politik des Schutzes. In: Gabriele Abels (Hg.). Vorsicht Sicherheit! Legitimationsprobleme der Ordnung von Freiheit. Baden-Baden: Nomos. DOI: 10.5771/9783845266039

    Bonacker, Thorsten 2018. Security Practices and the Production of Center–Periphery Figurations in Statebuilding. In: Alternatives 43, 4. DOI: 10.1177/0304375418821479

    Bonacker, Thorsten 2019. The Militarization of Security: a Systems Theory Perspective. In: Critical Military Studies 5, 2. DOI: 10.1080/23337486.2018.1505383

    Bonacker, Thorsten 2021. Reporting Security: Postcolonial Governmentality in the United Nations’ Trusteeship System. In: International Political Sociology. DOI: 10.1093/ips/olab030

    Bonacker, Thorsten 2021. Situierte Sicherheit; Für einen methodologischen Situationismus in den Critical Security Studies. In: ZIB Zeitschrift für internationale Beziehungen 28. DOI: 10.5771/0946-7165-2021-1-5

    Bonacker, Thorsten, Werner Distler & Maria Ketzmerick (eds.) 2017. Securitization in Statebuilding and Intervention. Baden-Baden: Nomos. DOI: 10.5771/9783845285825

    Bonacker, Thorsten, Werner Distler & Maria Ketzmerick 2018. Securitisation and Desecuritisation of Violence in Trusteeship Statebuilding. In: Civil Wars 20, 4. DOI: 10.1080/13698249.2018.1525675

    Distler, Werner & Julius Heise 2021. Secessionist Conflicts: Unresolved Legacies of United Nations Trusteeship. In: Journal of Intervention and Statebuilding. DOI: 10.1080/17502977.2021.1890935

    Distler, Werner & Maria Ketzmerick 2017. The ‘Politics of Protection’ and Elections in Trusteeship and International Administration: the Cases of Cameroun and Kosovo. In: Thorsten Bonacker, Werner Distler & Maria Ketzmerick (eds). Securitization in Statebuilding and Intervention. Baden-Baden: Nomos. DOI: 10.5771/9783845285825

    Distler, Werner 2018. Gewaltakteure und Versicherheitlichung im internationalen Peacebuilding. In: Carola Westermeier & Horst Carl (Hg.) Sicherheitsakteure: Epochenübergreifende Perspektiven zu Praxisformen und Versicherheitlichung. Baden-Baden: Nomos. DOI: 10.5771/9783845286532

    Distler, Werner 2019. Dangerised Youth: the Politics of Security and Development in Timor-Leste. Third World Quarterly 40, 4. DOI: 10.1080/01436597.2017.1401924

    Distler, Werner 2020. Political Crisis and the Corona: ‘State Of Emergency’ in Kosovo. Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung 9, 2. DOI: 10.1007/s42597-020-00046-w

    Distler, Werner 2022. Governing the Inner ‘Periphery’: Spatial Security Governance of the Highlands in Papua New Guinea since the Colonial Period. In: Political Geography 93. DOI: 10.1016/j.polgeo.2021.102552

    Heise, Julius 2021. United Nations Colonial Complicity in Decolonization Referenda: Un-supervision of the 1956 Referendum in Western Togoland.  In: Topos: Journal for Philosophy and Cultural Studies 1. DOI: 10.24412/1815-0047-2021-1-107-124

    Ketzmerick, Maria 2019. Securitized State Building? The Camerounian Decolonization in Conflict. In: Regina Kreide & Andreas Langenohl (eds.) Conceptualizing Power in Dynamics of Securitization: Beyond State and International System. Baden-Baden: Nomos. DOI: 10.5771/9783845293547

    Ketzmerick, Maria. 2019. Staat, Sicherheit und Gewalt in Kamerun: Postkoloniale Perspektiven auf den Dekolonisierungsprozess unter französischer UN-Treuhandverwaltung. Bielefeld: transcript. DOI: 10.14361/9783839449042

    Lottholz, Philipp & Thorsten Bonacker 2022. Understanding the Post-Imperial Politics of Security, Stability and Ordering in Central Asia: an Introduction. Europe-Asia Studies. DOI: 10.1080/09668136.2021.2020492

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    November 2015, Pristina, Kosovo (in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Pristina)

    Dezember 2015, Yaoundé, Kamerun (in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Yaoundé)

    Februar 2016, Dili, Timor Leste (in Kooperation mit der GIZ Timor Leste)

    Oktober 2019, Dili, Timor Leste (in Kooperation mit Universidade da Paz)

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    Januar 2015, Archives Nationales in Aix-en-Provence (Frankreich) (Maria Ketzmerick)

    April/Mai 2015, UN Archives (New York, USA) (Werner Distler & Maria Ketzmerick)

    Juli/Agust 2015 & November/Dezember 2015, Archives Nationales Yaoundé und National Archives Buea (Maria Ketzmerick)

    März/April 2016, National Archives Großbritannien, London (Maria Ketzmerick)

    Mai 2016, Archives National Paris, Archives Departemental St. Seint-Denis, BNF Paris (Frankreich) (Maria Ketzmerick)

    August 2016, Australian National Archive; National Library Australia; Papua New Guinea Special Collection, Victoria University (Canberra, Melbourne; Australien) (Werner Distler)

    September 2016, National Archive Papua New Guinea; New Guinea Collection, University of Papua New Guinea (Port Moresby; Papua New Guinea) (Werner Distler)

    Juli-August 2018: UN Archives (New York, USA) (Werner Distler & Julius Heise)

    September-Oktober  2018: Archive des Außenministeriums und Nationalarchiv (Paris, Frankreich);  Übersee-/Kolonialarchive (Aix-en-Provence, Frankreich) (Julius Heise)

    November-Dezember  2018: Nationalarchiv Togo (Lomé); Nationalarchiv Ghana (Ho & Accra) (Julius Heise)

    Juni-Juli, 2019: The National Archives (London, GB) (Julius Heise)

    August 2019: Australian National Archive; National Library Australia; PNG und Timor Leste Special Collection, Victoria University (Canberra, Melbourne; Australien) (Werner Distler)