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Daniela Comani: Orlando's Library
Installation in der Zentralen Universitätsbibliothek Marburg im Rahmen der Reihe „#SpeakingOfMultitudes #5“
Mit „Orlando’s Library“ verwandelt die Künstlerin Daniela Comani einen Gruppenarbeitsraum in der Zentralbibliothek der Philipps-Universität Marburg in ein begehbares Bücherregal, das den Kanon der Weltliteratur aus ungewohnter Perspektive sichtbar macht. Auf raumgreifenden Tapeten, die Bücherregale zeigen, versammeln sich vertraute Klassiker – etwa von Fedor Dostojewski, Miguel de Cervantes und Gustave Flaubert bis zu Ernest Hemingway, Antoine de Saint-Exupéry oder Robert Musil. Doch wer kann für sich behaupten, „Die Schwestern Karamasow“, „Doña Quixote“ oder „La petite princesse“ wirklich schon gelesen zu haben?
Comanis Installation basiert auf der Serie Neuerscheinungen hrsg. von Daniela Comani, in der die aus Bologna stammende, in Berlin lebende Künstlerin die Titel kanonischer Werke minimal, dennoch entscheidend verändert. In Marburg steigert sie diesen Eingriff, erstmalig in einer tatsächlichen Bibliothek, zu einer ortsspezifischen Intervention: So formen Tapetenbahnen eine Art Trompe-l’œil-Bibliothek. Sie erwecken den Eindruck, frau/man bewege sich zwischen echten, dicht bestückten Regalen. Besucher*innen der Bibliothek werden damit zugleich zu Besuchenden und Nutzenden eines Raums, der sich nahtlos in ihren Arbeits- und Studienalltag, aber auch in die Freizeit einschreibt.
Die Installation lädt dazu ein, gewohnte Lektüren und die scheinbare Selbstverständlichkeit des literarischen Kanons zu hinterfragen. Welche Veränderungspotenziale ergeben sich für die Geschichtsschreibung, ihre Zuordnungen, Klassifizierungen, ihre Genealogien?
Wer kommt als Protagonist*in vor, wessen Geschichten werden erzählt, und welche Stimmen fehlen bis heute in den Regalen?
Vor dem Hintergrund eines noch immer von männlichen Autoren dominierten Kanons (mit weniger als einem Viertel Autorinnen!) rückt die in Anspielung auf Virginia Woolfs berühmten Roman genannte „Orlando’s Library“ Geschlechterverhältnisse in der Literaturgeschichte ins Zentrum. Comani verbindet dabei konzeptuelle Strenge mit feinem Humor und schärft den Blick für die Macht von Sprache, Benennung und Erinnerung. Unerwartete Einblicke in die kunstgeschichtliche Kanonschreibung ergeben sich zudem, wenn Comani ihre Buchobjekte in die Bibliotheksvitrinen legt, die unmittelbar vor der Library zu bewundern sind: darunter Werke wie „Die blaue Reiterin“ über Ernst Kris’ und Otto Kurz’ bahnbrechende „Legende von der Künstlerin. Ein geschichtlicher Versuch“ bis zu Gertrude Steins „Picassa“.
Dass diese Auseinandersetzung ausgerechnet in einer Universitätsbibliothek stattfindet, ist kein Zufall. Die Zentralbibliothek als Ort des Lernens, des Forschens und des öffentlichen Austauschs wird mit Comanis Installation selbst zum Schauplatz einer kritischen Lektüre von Geschlecht, Kanon und Wissensordnung. Zwischen Lernplätzen, Gruppenraum und Bücherreihen öffnet sich ein Raum, in dem Studierende, Lehrende und Besucher*innen buchstäblich mitten in den Bildern einer anderen Literaturgeschichte stehen.
„Orlando’s Library“ wird im Sommersemester am 27. April 2026 in der Zentralbibliothek der Philipps-Universität Marburg eröffnet und läuft bis zum 17. Juli 2026. Begleitet wird die Ausstellung von einem Gespräch mit der Künstlerin sowie weiteren Veranstaltungen im Rahmen der Reihe „#SpeakingOfMultitudes“. Die Installation bildet zugleich den Auftakt zur Tagung „Mapping Her* Studio. Raumverhältnisse und Beziehungsgeflechte: Zeitgenössische kritische Positionen in der Künstler*innenforschung“ (Worpswede 11.–13. Juni 2026), die von Elena Zanichelli, Kunstgeschichtliches Institut Universität Marburg, gemeinsam mit Dr. Kathrin Heinz, Leitung Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender, konzipiert wurde. Die Tagung richtet den Fokus auf die Bedeutungsdimensionen von Ortsbezügen, Raumverhältnissen und Produktionsbedingungen der Kunst (Großstadt/Land, Atelier, Wohnstatt). Befragt werden diese Infrastrukturen aus kunstwissenschaftlicher, kuratorischer und künstlerischer Forschungsperspektive.
Text: Elena Zanichelli
Daten und Fakten
#SpeakingOfMultitudes #5
Orlando’s Library
Eine ortsspezifische Installation von Daniela Comani in der Universitätsbibliothek Marburg
eine Kooperation des Kunstgeschichtlichen Instituts mit der Universitätsbibliothek und dem Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender, Universität Bremen
Ausstellungsdauer
27.04. – 17.07.2026
Ort: Universitätsbibliothek der Philipps-Universität in Marburg
Deutschhausstraße 9, 35037 Marburg, 1. Stockwerk rechts
Täglich 08:00 -24:00 Uhr
Programm
27.04.2026, 16:00 Uhr: Vortrag von Daniela Comani
mit einer Einführung von Dr. Kathrin Heinz
Leitung: Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender
Begrüßung: Prof. Dr. Hubert Locher, Direktor DDK
Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg, Pilgrimstein 14, 35037 Marburg
Ausstellungseröffnung mit Veranstaltung:
27.04.2026, 18:00 Uhr: Einführung
Vortragsraum der Universitätsbibliothek der Philipps-Universität in Marburg
Deutschhausstraße 9, 35037 Marburg
Es sprechen:
Dr. Andrea Wolff-Wölk, Direktorin der Universitätsbibliothek
Prof. Dr. Sabine Pankuweit, Vizepräsidentin für Chancengleichheit und Karriereentwicklung
Prof. Dr. Elena Zanichelli, Kunstgeschichte der Moderne und Gegenwart, Ausstellungskuratorin
Im Anschluss
Rundgang durch die Ausstellung mit der Künstlerin Daniela Comani
Empfang
28.04.2026, 14:00 –17:00 Uhr: Künstlerinnen*forschung und Kanon (heute).
Workshop mit Dr. Kathrin Heinz, Seminarraum (Teilnahme mit Anmeldung)
Projektleitung
Elena Zanichelli, Kuratorin
Hannah Dröscher, kuratorische Assistenz
Dr. Lydia Kaiser, Ausstellungsreferat, Universitätsbibliothek Marburg
Dr. Susanne Saker, Leiterin Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Universitätsbibliothek
Mit der freundlichen Unterstützung von:
Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung
Gleichstellungsbeauftragte Fachbereich 09
Tapetenfabrik Marburg
Ursula-Kuhlmann-Fonds
Wir danken dem Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg.
Links
Kunstgeschichtliches Institut
Daniela Comani
Mariann Stegmann Institut. Kunst & Gender
Ein Prolog zur Tagung:
Mapping HER* Studio. Raumverhältnisse und Beziehungsgeflechte: Zeitgenössische kritische Positionen in der Künstlerinnen*forschung (Worpswede, 11.–13. Juni 2026)