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Geschichte der hessischen Stipendiatenanstalt

Philipp von Hessen forderte am 11. März 1529 in seinem Ausschreiben an die Städte und Flecken diese auf, eine festgesetzte Zahl von Schülern und Studenten nach Marburg zu senden und ihnen jährlich 15 Gulden aus freigewordenen Pfründen zu bezahlen. Die Pfründe bestanden  aus den Erträgen der Meßstiftungen nach dem Tod eines priesterlichen Lehensinhabers.
Diese erste Stipendiatenordnung erhielt durch Aufnahme in den Freibrief der Universität vom 31. August 1529 Gesetzeskraft.

Am 20. Mai 1546 erhielt die Stipendiaten ein gemeinsames Wohnheim im Marburger Kugelhaus, dem früheren Heim der Brüder vom gemeinsamen Leben. Für die Unterhaltung des Wohnheims kam der landgräfliche Staat auf. Ein Präfekt, später ein Ephorus, der seit 1561 ein Mitglied der theologischen Fakultät sein mußte, stand der Hausgemeinschaft vor.
Am 15. Februar 1560 wurde eine neue Stipendiatenordnung erlassen.
Hier einige Auszüge:

  • Die durch verbriefte Urkunden sichergestellten Stipendienzahlungen, seit 1539 jährlich 20 Gulden, sollen direkt an eine vom Ökonomikus der Universität und dem Ephorus geführte Kasse geleitet werden. Aus diesen Mitteln soll nun auch eine gemeinsame Verpflegung der Stipendiaten (Freitisch) bestritten werden.
  • Von den 60 Stipendiatenstellen sind 50 für Minores (Schüler und Studenten) und 10 für die im letzten Studienabschnitt befindlichen Maiores vorgesehen. Zusätzlich sollten je einen Studenten der Medizin und der Rechtswissenschaften aufgenommen werden. Alle Bewerber sind einer möglichst strengen Auswahl und studienbegleitenden Prüfung zu unterziehen.
  • Die Mitglieder der Anstalt sollen gemeinsam im Kugelhaus leben und essen. Im Rahmen dieser Gemeinschaft kommt den Maiores die Aufgabe einer Studienkontrolle und -hilfe für die jüngeren Minores zu.

In seinem Testament vom 6. April 1562 drückte Philipp der Großmütige den Wunsch aus, daß auch in Zukunft „mit den Stipendiaten und stipendiis gute Ordnung gehalten und dieselben denen gegeben werden, so gute Ingenia (Fähigkeiten) haben.“

Als 1607 die Gegenuniversität in Gießen gegründet wurde, verlor die Stipendiatenanstalt 33 südhessische Präsentationstellen, so daß nur noch 27 erhalten blieben. Nachdem im Jahre 1650 die letzten Professoren an die oberhessische Universität Gießen gezogen waren, hörte die Marburger Hochschule und mit ihr die Stipendiatenanstalt praktisch auf zu bestehen.
Nach der Wiedereröffnung der Universität durch Wilhelm VI. am 16. Juni 1653 veranlaßte der Landgraf am 31. Oktober 1653, daß jährlich 400 Gulden aus der Tranksteuer der Stipendiatenanstalt zuzuweisen seien. Die Präsentationsstädte waren derart verarmt, daß sie keine regelmäßigen Zahlungen mehr leisten konnten.

1807, als Kurhessen ein Bestandteil des Königreiches Westfalen wurde, das Jérôme Napoleon von Kassel aus regierte, verlor die Stipendiatenanstalt ihre Einkünfte aus der Tranksteuer und war auf Zuweisungen aus dem Staatshaushalt angewiesen.
1811 war der Teil des Kugelhauses, in dem die Stipendiaten wohnten, baulich verfallen. Der Staat bewilligte keine Wiederherstellung, und so wurde das Gebäude abgebrochen.
Für fast 150 Jahre blieb die Wohngemeinschaft der Hessischen Stipendiatenanstalt aufgelöst.
Am 15. Juli 1821 berichtete der Ephorus, daß die Mittel der Stipendiatenanstalt nur noch für die Bezahlung eines Repetenten und zweier polnischer Studenten ausreichten.
Nach den Revolutionsjahren wurde am 11. Februar 1849 ein neues Regulativ verabschiedet, das erst im Jahre 2002 durch eine neue Satzung abgelöst wurde.

Eine erste Möglichkeit, die frühere Wohngemeinschaft der Stipendiatenanstalt wieder aufleben zu lassen, ergab sich im Jahre 1927, als die hessischen Kirchen der Universität eine Spende zu deren 400-jährigen Jubiläum zukommen ließen. Diese Spende war gebunden an die Maßgabe, daß sie für die Errichtung eines Studentenwohnheims im Forsthof am Schloßberg verwendet werden sollte. In diesem Heim sollten vor allem Stipendiaten und der Repetent der Stipendiatenanstalt untergebracht werden. Tatsächlich wohnte jedoch lediglich vom Wintersemester 1932/33 bis zum Wintersemester 1933/34 ein Teil der Stipendiaten unter dem ehemaligen Ehorus Prof. Hermelink im Forsthof, da die Nationalsozialisten das Gebäude danach anderweitig verwendeten.

Im Sommersemester 1946 konnten durch Initiative des Ephorus Prof. Frick die ersten Stipendiaten in Zimmern des Marstallgebäudes einziehen, das seitdem als Collegium Philippinum das Wohnheim der Hessischen Stipendiatenanstalt ist.
1949 wurde der gemeinsame Mittagstisch wieder eingerichtet, der bis heute im Hausleben eine tragende Funktion hat. Prof. Theodor Siegfried, der Nachfolger Fricks, begann mit dem Ausbau des Zeughausflügels, der 1955 beendet wurde.
Im Jahre 1974 erfolgte nochmals ein räumlicher Zugewinn, als das Erdgeschoß der früheren Kommandantur (alte Schmiede) in Schloß 3 bezogen werden konnte.
Am 7. November 1954 erhöhten die Präsentationstädte ihre Pflichtbeiträge und sagten die Zahlung freiwilliger Beiträge zu, um die Einrichtung zu erhalten. Jedoch wäre ohne einen erheblichen jährlichen Zuschuß durch das Land Hessen und der beiden evangelischen Kirchen in Hessen die Erhaltung der Wohngemeinschaft nicht möglich.
Entscheidende Veränderungen in der inneren Struktur bewirkte die um 1970 nach und nach durchgesetzte Forderung der Heimbewohner nach Mitbestimmung in den Angelegenheiten des Wohnheims. Die Hausversammlung, die bis dahin ein Ort des informellen Meinungsaustausches war, rückte nun in den Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens und wurde zu einem Träger der studentischen Selbstverwaltung. Von Anfang an war dabei in der Forderung nach Mitbestimmung die Bereitschaft zur Übernahme von Mitverantwortung enthalten. Außerdem konnten die Studenten zwei stimmberechtigte Vertreter in die Verwaltungskommission entsenden, und der Tutor, der seit der Einführung dieses Amtes 1955 die Funktion eines studentischen Betreuers innehatte, wurde zum Repräsentanten der Hausselbstverwaltung.

Im Zuge dieser Veränderung wurde auch ein Stück Gleichberechtigung erreicht: Seit dem Sommersemester 1973 können auch Studentinnen als Heimbewohner und Stipendiatinnen aufgenommen werden.

Im Jahr 2002 wurde schließlich das heute im Haus geltende Regulativ in Kraft gesetzt.

Zuletzt aktualisiert: 26.02.2012 · Schindel

 
 
 

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Tel. +49 6421/2822489, Fax +49 6421 28-22500, E-Mail: repetent@staff.uni-marburg.de

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