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Forschung in der AE Psychologische Diagnostik

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Unsere Forschungsschwerpunkte lassen sich folgenden zehn Schwerpunkten zuordnen:


1. Aggression

Aggressives Verhalten kann schwerwiegende Konsequenzen haben, die von der Schädigung zwischenmenschlicher Beziehungen über Körperverletzung bis hin zu Terrorismus reichen. Trotz der hohen (Alltags-) Relevanz des Konstrukts ist die Erfassung des Konstrukts Aggressivität in all ihren Facetten bisher noch unzulänglich. Daher werden unterschiedlichste Testverfahren erprobt wie z.B. Fragebögen, Laborexperimente und innovative indirekte Tests (z.B. Conditional Reasoning Tests). Durch die Erforschung der Zusammenhänge sowie Vor- und Nachteile dieser unterschiedlichen Testverfahren soll „Aggression“ besser verstanden und messbar gemacht werden. Dies kann eine hohe praktische Relevanz haben, z.B. in der Prognose der Rückfallwahrscheinlichkeit von Gewaltstraftätern. Im Rahmen von Abschlussarbeiten und Forschungspraktika ist es möglich, sich sowohl mit inhaltlichen Fragen rund um Aggression als auch mit Fragestellungen bezüglich ihrer Messung zu beschäftigen.

Literaturempfehlung: Krahé, B. (2014). Aggression. In Stroebe, W., Hewstone, M., & Jonas, K. (Hrsg.). Sozialpsychologie (S. 315-355). Springer, Heidelberg.

ProjektleitungPaul Bacher, Sarah Teige-Mocigemba


2. Conditional Reasoning

Conditional Reasoning ist ein innovatives Testverfahren zur indirekten Erfassung von Aggression. Eine solche indirekte Erfassung ist wichtig, da Menschen bei sozial sensitiven Themen wie Aggression häufig keine ehrlichen Antworten geben wollen oder können, wenn sie direkt (z.B. mithilfe von Fragebögen) befragt werden. Die indirekte Erfassung von Aggression bei Conditional Reasoning Tests erfolgt über spezielle Aufgaben, mit denen man implizite kognitive Biases (d.h. Verzerrungen im Denkmuster, die den Personen nicht bewusst sind) messen kann. Im Rahmen von Abschlussarbeiten und Forschungspraktika ist es möglich, sich inhaltlich und/oder methodisch mit bestehenden Conditional Reasoning Tests zu beschäftigen oder diese für zusätzliche Aspekte von Aggression oder anderen Konstrukten weiterzuentwickeln.

Literaturempfehlung: James, L. R., & LeBreton, J. M. (2010). Assessing aggression using conditional reasoning. Current Directions in Psychological Science, 19(1), 30-35.

ProjektleitungPaul Bacher, Sarah Teige-Mocigemba


3. Vergewaltigungsmythen und Stereotypisierung von Minderheiten

Vergewaltigungsmythen sind Überzeugungen zu Ursachen, Kontext und Folgen von Vergewaltigungen, die der Rechtfertigung sexueller Gewalt dienen. Spezifische Annahmen über die Rolle und Verantwortlichkeit von sexuellen Gewaltopfern führen zu einem sogenannten „victim blaming“, d.h. einer stärkeren Beschuldigung des Opfers. Bisherige Studien zeigen, dass unter anderem Identifikationsprozesse und der Gerechte-Welt-Glaube die Beurteilung der Verantwortung des Opfers bzw. des Täters beeinflussen. In dem vorliegenden Forschungsprojekt soll untersucht werden, welche weiteren Faktoren zu einem stärkeren victim blaming führen und unter welchen Umständen der Täter stärker beschuldigt wird. In diesem Zusammenhang wird ein besonderer Fokus auf den ethnischen Hintergrund von Täter vs. Opfer gelegt und Effekte der Erwartungsverletzung auf Stereotype und Einstellungen untersucht.

Literaturempfehlung: Süssenbach, P., & Bohner, G. (2011). Acceptance of sexual aggression myths in a representative sample of German residents. Aggressive Behavior, 37(4), 374-385.

Helmke, S. (2014). Beliefs About the Strauss-Kahn Case in France and Germany: Political Orientation and Sexual Aggression Myths as Local Versus Global Predictors. International Journal of Conflict and Violence 8, 171-186.

ProjektleitungZahra Khosrowtaj, Sarah Teige-Mocigemba 


4. Erwartungsverletzungen bei Stereotypen gegenüber Minderheiten

Es bestehen weit verbreitete Stereotype und Vorurteile gegenüber zahlreichen Minderheiten. Besonders in Anbetracht der aktuellen aber auch in den letzten Jahren bestehenden gesellschaftlichen Debatten bezüglich der Flüchtlingspolitik und Integration von muslimischen Mitbürgern soll die Messbarkeit und Veränderbarkeit von Stereotypen bezüglich diese Zielgruppe erfasst werden. Um die Integration zu fördern, braucht es eine unvoreingenommene Grundeinstellung, damit die stigmatisierte Fremdgruppe über dieselben Chancen sowohl im gesellschaftlichen als auch im beruflichen Kontext verfügen. In diesem Forschungsprojekt wird untersucht, wie valide implizite Verfahren Einstellungsveränderungen bzw. Verletzungen von bestehenden Erwartungen erfassen können und welche Interventionen langfristig vielversprechend sind?

Literaturempfehlung: Unkelbach, C., Schneider, H., Gode, K., & Senft, M. (2010). A Turban Effect, Too: Selection Biases Against Women Wearing Muslim Headscarves. Social Psychological and Personality Science, 1(4), 378–383.

Gawronski, B., LeBel, E. P., & Peters, K. R. (2007). What Do Implicit Measures Tell Us?: Scrutinizing the Validity of Three Common Assumptions. Perspectives on Psychological Science, 2(2), 181–193.

De Houwer, J., Teige-Mocigemba, S., Spruyt, A., & Moors, A. (2009). Implicit measures: A normative analysis and review. Psychological Bulletin, 135(3), 347–368.

ProjektleitungZahra Khosrowtaj, Sarah Teige-Mocigemba 


5. Prozesse in der Affect Misattribution Procedure

 Einstellung und beobachtetes Verhalten können stark voneinander abweichen, wenn die befragten Personen keine ‚wahre’ Auskunft über ihre Einstellungen geben wollen (Effekte der sozialen Erwünschtheit) oder es nicht können (keine Zugänglichkeit). Zur Lösung dieses Problems wurden indirekte Verfahren entwickelt, die spontane evaluative Prozesse reliabel messen sollen, ohne dass Selbstdarstellungstendenzen die Messung verfälschen (Fazio & Olson, 2003). Die Prozesse, die den Effekten indirekter Verfahren zugrunde liegen, sind allerdings oftmals nicht gut verstanden. In diesem Forschungsprojekt soll ein relativ junges indirektes Verfahren, die sogenannte Affect Misattribution Procedure (AMP; Payne, Cheng, Govorun & Stewart, 2005), diesbezüglich experimentell genauer untersucht werden.

 Literaturempfehlung: Fazio, R. H. & Olson, M. A. (2003). Implicit measures in social cognition research: Their meaning and use. Annual Review of Psychology, 54, 297-327.

Payne, B. K., Cheng, C. M., Govorun, O. & Stewart, B. (2005). An inkblot for attitudes: Affect misattribution as implicit measurement. Journal of Personality and Social Psychology, 89, 277-293.

Projektleitung: Lea Nahon, Sarah Teige-Mocigemba


6. Aggression sehen: Fluch oder Fähigkeit?

Aggressive Menschen interpretieren mehrdeutige soziale Situationen eher als feindselig und aggressiv. Diese Interpretationstendenz kann in einer Negativspirale zu weiterem aggressiven Verhalten führen. Hierbei könnte es sich einerseits um eine verzerrte Wahrnehmung sozialer Hinweise handeln (Bias). Andererseits könnten aggressive Menschen auch eine erhöhte Sensitivität gegenüber feindseligen Hinweisreizen zeigen und also keine verfälschte Wahrnehmung, sondern eine besonders sensitive. In diesem Projekt fragen wir uns anhand von Gesichterwahrnehmung auf sozialen Dimensionen, was hinter diesem Phänomen steckt, wer besonders sensitiv auf bedrohliche Gesichter reagiert, und welche Rolle die beiden sozialen Grunddimensionen der Gesichterbewertung – Vertrauenswürdigkeit und Dominanz – dabei spielen.

 Literaturempfehlung: Teige-Mocigemba, S., Hölzenbein, F., & Klauer, K. C. (2016). Seeing more than others: Identification of subtle aggressive information as a function of trait aggressiveness. Social Psychology, 47, 136-149.

Todorov, A., Said, C. P., Engell, A. D., & Oosterhof, N. N. (2008). Understanding evaluation of faces on social dimensions. Trends in Cognitive Sciences, 12, 455-460.

Projektleitung: Lea Nahon, Sarah Teige-Mocigemba


 7. Ein leichtes Gefühl: Wie die Leichtigkeit oder Schwierigkeit der Verarbeitung Urteile beeinflusst

 Verarbeitungsflüssigkeit (oder Verarbeitungsfluency) ist ein Gefühl der Leichtigkeit oder Schwierigkeit, das jeden kognitiven Prozess begleitet. So kann es sich beispielsweise leicht oder schwierig anfühlen, eine Schrift zu entziffern, einen Text zu verstehen oder Argumente selbst zu generieren. Die Effekte, die dieses Gefühl nach sich zieht, sind vielfältig: Beispielsweise kann eine schlecht lesbare Handschrift im Vergleich zu einer gut lesbaren Handschrift zu schlechteren Benotungen führen, da eine schlecht lesbare Handschrift während des Lesens ein Gefühl der Schwierigkeit (niedrige Verarbeitungsflüssigkeit) hervorruft. Auch die wahrgenommene Glaubwürdigkeit von Aussagen kann durch die Verarbeitungsflüssigkeit beeinflusst werden, was zum Beispiel dadurch zum Ausdruck kommt, dass ein Akzent beim Sprechen dazu führen kann, dass Aussagen als weniger wahr beurteilt werden, da sie schwieriger zu verstehen sind. In diesem Forschungsprojekt setzen wir uns mit dem Zusammenhang zwischen Verarbeitungsflüssigkeit und Wahrheitsurteilen auseinander.

Literaturempfehlung: Alter, A. L., & Oppenheimer, D. M. (2009). Uniting the tribes of fluency to form a metacognitive nation. Personality and Social Psychology Review, 13, 219-235.

Reber, R., & Schwarz, N. (1999). Effects of perceptual fluency on judgments of truth. Consciousness and Cognition: An International Journal, 8, 338-342.

 Projektleitung: Lea Nahon, Sarah Teige-Mocigemba


8. Testentwicklung

Ein Forschungsschwerpunkt der AE Psychologische Diagnostik ist die Entwicklung von Testverfahren. Aktuell wird ein Konzentrationstest für das Kindesalter entwickelt, welcher in Anlehnung an dem d2-R die kurzfristige Konzentrationsleistung erfasst. Im Unterschied zu anderen Verfahren wird bei diesem Konzentrationstest für Kinder (KoKi, Schmidt-Atzert & Funsch, unter Mitarbeit von Arias Martín, in press) auch die Ablenkbarkeit erfasst.

Der KoKi ist eine Ergänzung zum Differentiellen Konzentrationstest für Kinder (DKT-K, Funsch & Arias Martín, 2017), welcher die längerfristige Konzentrationsleistung über vier verschiedene Skalen überprüft. Diese Skalen stellen unterschiedliche Anforderungen an den Wahrnehmungs- und Weiterverarbeitungsprozess von Informationen, wodurch differenzierte Aussagen über die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistung eines Kindes getroffen werden können.

In Entwicklung befindet sich momentan zudem eine Erwachsenenversion des Differentiellen Konzentrationstests (DKT).

Literaturempfehlung: Funsch, K. & Arias Martín, B. (2017). Differentieller Konzentrationstest für Kinder (DKT-K). Göttingen: Hogrefe.

Schmidt-Atzert, L.; Krumm, S.; Bühner, M. (2008): Aufmerksamkeitsdiagnostik - Ableitung eines Strukturmodells und systematische Einordnung von Tests. In: Zeitschrift für Neuropsychologie 19 (2), S. 59–82.

ProjektleitungKarin Funsch, Beatriz Arias Martín 


9. Psychopathie und Kriminalität

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die Überprüfung psychopathietypischer Persönlichkeitsmerkmale im Jugend- und Heranwachsendenalter. Es hat sich gezeigt, dass sich besonders in Populationen jugendlicher Straftäter eine erhöhte Prävalenz psychopathischer Persönlichkeitsmerkmale wie Mangel an Empathie, an Impulskontrolle oder an Gewissensaktivität finden lässt. Neben diesen Befunden ließ sich bei Jugendlichen und Heranwachsenden ebenfalls, wie bei Erwachsenen, ein Zusammenhang zwischen psychopathischen Eigenschaften und Delinquenz (u. a. Beginn der Delinquenz, Anzahl von Gewaltdelikten, früher Drogenkonsum und Rückfälligkeit bei Straftaten) finden. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Relevanz der Erfassung der Psychopathie bei Kriminalitätsrückfallprognosen ebenfalls im Jugend- und Heranwachsendenalter.

Im Rahmen dieses Forschungsschwerpunktes finden Untersuchungen sowohl in der Normalpopulation als auch in Strafgefangenenpopulationen (JVA Rockenberg, JVA Wiesbaden) statt.

Literaturempfehlung:

Psychopathie bei Jugendlichen und Heranwachsenden:

Edens, J. & Vincent, G. M. (2008). Juvenile Psychopathy: A Clinical Construct in Need of Restraint? Journal of Forensic Psychology Practice, 8(2), 186–197.

Farrington, D. P. (2005). The Importance of Child and Adolescent Psychopathy. Journal of Abnormal Child Psychology, 33(4), 489–497.

Lynam, D. R., Charnigo, R., Moffitt, T. E., Raine, A., Loeber, R. & Stouthamer-Loeber, M. (2009). The stability of psychopathy across adolescence. Development and Psychopathology, 21(4), 1133–1153.

Roose, A., Bijttebier, P., Van der Oord, S. Claes, L. & Lilienfeld, S. O. (2013). Psychopathic Traits in Youth and Association with Temperamental Features. Results from a Performance-Based Measure. Journal of Individual Differences, 34(1), 1-7.

Psychopathie und Kriminalität bei Jugendlichen und Heranwachsenden:

Asscher, J. J., van Vugt, E. S., Stams, G. J. J.M., Deković, M., Eichelsheim, V. I. & Yousfi, S. (2011). The relationship between juvenile psychopathic traits, delinquency and (violent) recidivism: A meta‐analysis. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 52(11), 1134–1143.

Campbell, M., Porter, S. & Santor, D. (2004). Psychopathic traits in adolescent offenders: an evaluation of criminal history, clinical and psychosocial correlates. Behavioral Sciences & the Law, 22(1), 23–47.

Edens, J., Campbell, J. & Weir, J. M. (2007). Youth Psychopathy and Criminal Recidivism: A Meta-Analysis of the Psychopathy Checklist Measures. Law and Human Behavior, 31(1), 53–75

Projektleitung: Beatriz Arias Martín , Karin Funsch


10. Normakzeptanz, Normsensitivität und deviantes Verhalten

Aktuell läuft zudem ein Projekt, indem der Zusammenhang zwischen der Akzeptanz und der Sensitivität bezüglich sozialer bzw. gesetzlicher Normen und kriminellem Verhalten überprüft wird.

Literaturempfehlung: Hermann, D. (2003). Werte und Kriminalität: Konzeption einer allgemeinen Kriminalitätstheorie. Westdeutscher Verlag.

Wikström, P.-O. H. (2004). Crime as alternative: Towards a cross-level situational action theory of crime causation. In: J. McCord (Ed). Beyond empiricism: Institutions and intentions in the study of crime. Advances in Criminological Theory, Volume 13. New Brunswick: Transaction. 1-37.

Wikström, P-O H., Oberwittler, D., Treiber, K. and Hardie, B. (2012) Breaking rules: The social and situational dynamics of young people's urban crime. Oxford: Oxford University Press

Rest, J. (1986). Ein interdisziplinärer Ansatz zur Moralerziehung und ein Vierkomponenten-Modell der Entstehung moralischer Handlungen. In: F. Oser, W. Althof & D. Garz (Hrsg.). Moralische Zugänge zum Menschen – Zugänge zum moralischen Menschen. München: Peter Kindt Verlag. 20-41.

ProjektleitungKarin Funsch, Beatriz Arias Martín