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Forschungsprojekte des Vorgeschichtlichen Seminars in der Türkei


Kayalıpınar







Lage_Kayalipinar
Lage der Fundorte
Luftbild_Kayalipinar
Luftbild der Grabungsfläche von Kayalipinar


Forschungsgeschichte

Topographie

Die Befunde

Die Siegelfunde

Die Tontafelfunde

Finanzierung

Kooperationen

Literatur

 

Forschungsgeschichte

Kayalıpınar wurde bei mehreren archäologischen Surveys aufgesucht und als bronze- und eisenzeitlicher Fundplatz erkannt. T. Ökse sprach ihn erstmals als eine ausgedehnte hethitische Stadtruine mit zentralörtlicher Funktion für die Region an. Nachdem 1999 auf der Geländeoberfläche ein erstes Tontafelfragment entdeckt wurde, konnten 2002 und 2003 mithilfe großflächiger geophysikalischer Prospektionen die Ausdehnung und Grundstrukturen der hethitischen Stadtruine erfasst werden. 2005 begannen Ausgrabungen durch das Vorgeschichtliche Seminar der Philipps-Universität Marburg in Kooperation mit dem Museum Sivas.

 

Topographie

Der Fundplatz liegt ca. 1.5 Kilometer nordöstlich des Dorfes Kayalıpınar (Kreis Yıldızeli, Provinz Sivas am Nordufer des Kızılırmak (Marašantija) in Ostkappadokien. Der Name des Flurstücks „Harabe Mevkii“ (Ruinenflur) verweist bereits auf archäologische Reste, die in früheren Jahren noch obertägig sichtbar gewesen sein müssen.

Kayalıpınar nimmt eine zentrale Position in seiner langgestreckten und Südwest-Nordost ausgerichteten Siedlungskammer ein, die von dem frei mäandrierenden Kızılırmak durchflossen wird. Sie wird im Norden und Süden durch die Gebirgszüge, Ausläufer der Akdağı und der İncebel Dağları, begrenzt.

Innerhalb des weiten Stadtgebietes, in dem die Reste der früheren Bebauung vollständig eingeebnet sind und das heute überwiegend landwirtschaftlich genutzt wird, beschränkten sich die archäologischen Arbeiten bislang ausschließlich auf den so genannten Südosthügel (ca. 1230 m ü. NN), der ca. 10 m aus der umgebenen Ebene herausragt. Bei diesem wie anderen, durch Erosion stark beeinträchtigten Hügeln in dem ausgedehnten Siedlungsareal handelt es sich um eine natürliche Erhebung an der Südkante einer Schotterterrasse, die die Flussaue nach Norden begrenzt. Allem Anschein nach lag hier der alte Kern der Siedlung.

Durch geomagnetische Untersuchungen unter der Leitung von H. Stümpel, Universität Kiel, konnte ein Wall als aufgeschütteter Untergrund einer Mauer, die die Siedlung nach Norden hin abschloss, interpretiert werden. Das südliche Siedlungsende ist im Kontext des  Kızılırmak zu vermuten, wo auch hethitische Kai- oder Pieranlagen zu erwarten sein mögen. Aufgrund der Verlagerung seines Flussbettes und eines in der Bronzezeit wahrscheinlich höheren Pegelstandes kann er näher als in der Gegenwart am Südosthügel vorbeigeflossen sein.

 

Die Befunde

Bei den bisherigen Ausgrabungen konnten 6 archäologische Schichten erfasst werden mit teilweise mehreren Phasen. Keramikfunde deuten aber an, dass noch ältere Siedlungsreste vorhanden sein müssen, die bisher noch nicht freigelegt wurden.


 

Gesamtplan der Grabung
Gesamtplan der Grabung

 

Älter als Schicht 6

Älter als Schicht 6 sind chalkolithisch-frühbronzezeitliche Reste, die bislang hauptsächlich an dem steil zur Flussaue hin abfallenden Südhang gefunden wurden und als wohl größtenteils als beim Bau der hethitischen Gebäude umgelagertes Material anzusehen sind. Alişar-III-Ware kam auch während der Grabung als „Altmaterial“ zu Tage.

 

Schicht 6

Lediglich in einem kleinen Areal wurde der Rest einer Mauer freigelegt, die einer älteren Phase der frühhethitischen Zeit angehören dürfte.

 

Schicht 5

Die Häuser dieser Periode, der frühhethitischen Zeit (Karumzeit/Periode der altassyrischen Handelskolonien), sind primär in dem Bereich zwischen den (späteren) Gebäuden A und B erhalten und lieferten gute Gebäudeinventare. Die Lehmziegel-Mauern sind z.T. noch über einem Meter hoch erhalten. Zwei Hauptkomplexe sind zu unterscheiden: 1. das „Haus des Tamura“ (benannt nach einem Händler, dessen Name sich auf einem in diesem Gebäude entdeckten altassyrischen Tontafelfragment befindet) und 2. das „Haus am Osthang“. Beide Gebäude sind noch nicht vollständig freigelegt worden. Wichtige Funde von Versiegelungen kommen aus diesen Kontexten (siehe dort). Wenn auch derzeit keine genauen chronologischen Angaben gemacht werden können, so deutet sich hier doch an, dass in Kayalıpınar die frühhethitische Besiedlung bis in die jüngste Phase dieser Epoche hineinreichte, bevor die Häuser in einer großen Brandkatastrophe zugrunde gingen und in dieser Form nicht wieder aufgebaut wurden. Wie groß der zeitliche Abstand zwischen dieser Zerstörung am Ende der Schicht 5 und der Errichtung der palatialen Bauten der Schicht 4 (Gebäude A und B) waren, lässt sich derzeit noch nicht näher bestimmen.


Tontafel mit Händlername
Altassyrisches Tontafelfragment.
Kaufvertrag mit Nennung des Namens "Tamura"

 

Schicht 4

Durch die geophysikalischen Prospektionen und anschließenden Ausgrabungen wurde deutlich, dass auf der Kuppe und dem sanft abfallenden Nordhang des Südosthügels zwei Großbauten aus der Zeit des hethitischen Reiches standen, die ehemals das gesamte Stadtviertel dominiert haben müssen. Die südliche, unmittelbar an der Hangkante errichtete Anlage wird als „Gebäude A“ bezeichnet, die nördliche „Gebäude B“ genannt. Eine ausführliche Darstellung beider Gebäude erfolgt zu der besser erhaltenen Schicht 3.

 

Gebäude A

Gebäude_A_Modell_4
Rekonstruktion des Gebäudes A
 

 

Die Gründung des Gebäudes A erfolgte in der Zeit der Schicht 4, die in einen älteren Abschnitt der mittelhethitischen Zeit bzw. in die Periode des alten Hatti-Reiches zu datieren ist. Im zentralen Bereich der Anlage haben sich Fundamentreste dieses ältesten Baues jeweils im unteren Teil der Mauern der Schicht 3 erhalten. Sie springen dort gegenüber der Flucht der jüngeren Mauern etwas vor, zeigen aber im Übrigen dieselbe Orientierung und Raumgrößen wie der spätere Bau. Vermutlich dürfte ein erheblicher Teil der Schicht-4-Mauern dann auch noch während der Schicht 3 weiter genutzt worden sein, so dass eine Trennung der Baureste beider Schichten nicht immer möglich ist.



Gebäude B

Die beiden Gebäude A und B liegen im Abstand von 16 m im rechten Winkel zueinander. In seiner Längsachse ist das Gebäude B relativ genau nord-südlich ausgerichtet. Das Gebäude B ist in den Osthang des Südosthügels von Kayalıpınar eingetieft. Im Gegensatz zu Gebäude A wurde der Baugrund für das Gebäude B vor seiner Errichtung systematisch planiert. In diesem Zusammenhang erfolgte die Abtragung erheblicher Teile der frühhethitischen Bebauung der Schicht 5. Hierdurch kommt es, dass sämtliche Mauern der Südwesthälfte des Gebäudes B tiefer hinabreichen als die in den unmittelbar anschließenden Flächen erhaltenen Baureste der älteren Schicht 5.

In den planerischen und konstruktiven Grundzügen unterscheiden sich die beiden Hauptbauperioden (Schichten 4 und 3) des Gebäudes B nicht wesentlich voneinander. Es gibt aber sehr wohl Abweichungen im Grundriss, die Binnenaufteilung betreffend. Die ältere Anlage der Schicht 4 fiel einer Brandkatastrophe zum Opfer. Alles spricht dafür, dass die eigentliche Zerstörung des Baues der Schicht 4 durch ein Erdbeben hervorgerufen wurde, dem die Feuersbrunst folgte.

 

Schicht 3

Nach einer Brandzerstörung am Ende der Schicht 4 wurden die Gebäude A und B wieder aufgebaut.

 

 

Gebäude A
Den prominentesten Platz auf dem Südosthügel nimmt das Gebäude A ein. Es ist rund 15 m über der Flussaue des Kızılırmak mit seiner Längsseite unmittelbar an der südlichen Hangkante errichtet worden.

Das Gebäude ist 42,8 m lang und maximal 20,1 m breit, wobei der Grundriss nicht exakt rechtwinklig geplant wurde.. Im Untergeschoss sind 18 Räume zu unterscheiden. Nur ein Zugang ist nachzuweisen. Er befand sich in der Westhälfte der nördlichen Außenfront des Raumes 6. Damit war das Gebäude vom Gipfelbereich des Südosthügels aus zu betreten.

Relief_Kayalipinar
Türlaibungsstein mit dem Relief einer hethitischen Göttin
 

 


Einen besonderen Glücksfall stellte der Fund des rechten (westlichen) Türlaibungssteines dar. Die Außenseite trägt ein plastisch ausgearbeitetes Relief mit der Darstellung einer nach rechts gewandten sitzenden Göttin, die in ihrer einen Hand eine Trinkschale und in der anderen einen Vogel hält. Ihr gegenüber befand sich ursprünglich eine wohl stehende, ihr zugewandte Gestalt, von der sich die Spitze eines Schuhes noch erhalten hat. Ansonsten ist die Figur, bei der es sich vermutlich um eine Darstellung des Großkönigs oder der Großkönigin handelt, zerstört. Dass mit Sicherheit ursprünglich weitere Reliefblöcke vorhanden waren, ja vermutlich die gesamte Sockelzone der Nordfront des Gebäudes reliefiert war, dafür sprechen verschiedentlich im gesamten bisherigen Grabungsareal angetroffene Bruchstücke des selben, sehr charakteristischen feinen weißen Kalksteins, aus dem auch die sitzende Göttin gearbeitet ist.

Aufgrund ihrer Größe, des Aufwandes an Bauschmuck und der Breite der Fundamente fällt das Gebäude A deutlich aus dem Rahmen hethitischer Wohn- und Wirtschaftsbauten. Nur eine Deutung als Sakralbau oder Palastanlage kommt in Betracht. Durch den Baubefund in Boğazköy und Kuşaklı ist das Grundrissschema hethitischer Tempel gut bekannt. Das Gebäude A in Kayalıpınar passt aber in verschiedener Hinsicht nicht in dieses Schema. Eher dürfte es sich daher um einen Bau palatialen Charakters handeln.

 

 

 

 

 

 

Gebäude B

Der Grundriss von Gebäude B ist rechteckig mit einer Breite von 17,6 m an der Südseite und 18 m an der Nordseite. Die maximale erhaltene Länge beträgt 35,6 m. Der Plan der Anlage ist vergleichsweise schlicht in seinem Aufbau mit einer leiterähnlichen Grundstruktur: Der langgestreckte Bau ist durch eine Reihe quer verlaufender Mauern meist in schmale langrechteckige Räume unterteilt. Insgesamt sind 20 Räume zu unterscheiden, allerdings ist der nördliche Abschluss des Gebäudes noch nicht endgültig geklärt.

Die süd- und westliche Außenmauer wurde beim Wiederaufbau (Schicht 3) auf der Innenseite mit einer zusätzlichen Mauerschale verstärkt. Auch die anschließenden Quermauern im Gebäudeinneren wurden nun im Westflügel höher als vorher in Stein errichtet, damit deutlich stabiler gebaut – Indizien für eine Erdbebenzerstörung am Ende von Schicht 4.

Auffällig ist, dass keine eindeutigen Reste eines Portals beobachtet werden konnten. Es ist daher anzunehmen, dass der Zugang von der Hügelkuppe her erfolgte, das Portal sich somit auf einem höheren als dem erhaltenen Niveau befand und unmittelbar in das Obergeschoss führte. Für öffentliche Bauten hethitischer Zeit ist dieses Konstruktionsprinzip mehrfach belegt. Als Platz für das Portal kommt der Südabschnitt der Westseite des Gebäudes in Betracht. 

Allein vom Untergeschoss sind Baureste erhalten. Die Raumaufteilung im Inneren des Gebäudes war ohne größere Variationen. Alle Räume waren lediglich zwischen 1,3–2,5 m breit, damit zu schmal, um als gewöhnliche Wohn- und Arbeitsräume zu dienen, zumal zumindest die westliche Raumreihe wohl fensterlos und damit dunkel war. Die Raumbreiten waren aber sehr wohl gut dazu geeignet, um beidseitig entlang der Längswände Waren zu lagern, so dass in der Mitte gerade noch ein Durchgang frei blieb.

Das aufgehende Mauerwerk war außen durch Vor- und Rücksprünge gegliedert, wobei sich die rund 10 cm vorspringenden Pilaster von ca. 1 m Breite jeweils an den Stellen befanden, an denen Quermauern an der Innenseite anschlossen. Es ist anzunehmen, dass nicht nur die östliche Außenmauer des Gebäudes B in dieser Art gestaltet war, sondern auch die übrigen Mauern.

Insgesamt deutet sich an, dass Gebäude B eine spezielle Funktion als Nebengebäude des stärker herausgehobenen Gebäudes A innehatte. Zusammen mit den sich bislang lediglich im Prospektionsbild an der Westflanke des Hügels abzeichnenden weiteren Bauten gleicher Ausrichtung dürfte das Gesamtensemble als palatialer Komplex zu interpretieren sein, dem politisch-administrativen Zentrum der Stadt, zu dem naturgemäß auch eine sakrale Komponente gehörte.

 

Schicht 2

Die Bauten der Schicht 3 fanden ihr Ende in einer großen Brandkatastrophe, der eine systematische Plünderung vorausging. Den aus dem Brandschutt geborgenen Funden, insbesondere den Tontafelfragmenten und Siegelabdrücken auf Tonplomben nach zu schließen, ist dieses Ereignis in einen jüngeren Abschnitt der mittelhethitischen Zeit zu datieren, vielleicht im Kontext der „konzentrischen Invasion“ in der ersten Hälfte des 14. Jh. v. Chr. während der Regierungszeit Tuthalijas II/III, des Vaters Suppiluliumas I. Nach dieser Katastrophe wurde der Brandschutt der beiden Gebäude A und B lediglich einplaniert. Einige wenige Baureste aus der hethitischen Großreichszeit (13. Jh. v. Chr.) überlagern diesen älteren Schutt. Die Mauern zeigen dieselbe Orientierung wie die Vorgängerbauten und deuten an, dass die Gebäude A und B, in unbekannter Form, wieder aufgebaut wurden, wenn auch auf höherem Niveau. Im West- und Nordwestbereich des Gebäudes A lässt sich erkennen, dass der Nachfolgebau der Schicht 2 über den der Schicht 3 und 4 ausgriff und somit insgesamt eine deutlich andere Grundrissgestalt aufgewiesen haben muss. Infolge der starken Störungen gelingt es jedoch nicht mehr, die hethitisch-großreichszeitliche Bebauung zu rekonstruieren. Aufgrund der Mauerstärken (zumindest im Bereich des Gebäudes A) ist jedenfalls von öffentlichen Bauten auszugehen. Vermutlich fanden letztlich auch die Bauten der Großreichszeit ihr Ende in einer Brandkatastrophe, die zugleich wohl das Ende der gesamten Stadt bedeutete. Hinweise auf eine eisenzeitliche Besiedlung des Südosthügels fehlen.

 

Schicht 1

Im Nordostteil des Grabungsareales fand sich als oberste Bauschicht ein Gebäuderest, der aus zwei Längswänden und einer diese verbindende Querwand besteht. Erhalten sind noch ein bis zwei Lagen eines zweischaligen Fundamentes des Gebäudes. Auf dem Fußboden des Gebäudes lag u.a. ein römischer Leistenziegel, zudem fand sich das Fragment einer Drehmühle, wie sie vor der hellenistischen Zeit nicht vorkommt.
 

Als jüngste Relikte wurden in nahezu allen Grabungsarealen aber vor allem Körperbestattungen angetroffen. Bislang konnten 172 Gräber und Knochensammlungen dokumentiert werden, mit weiteren Bestattungen ist zu rechnen, wenn die Hügelkuppe  vollständig ausgegraben wird.

Zwei Phasen sind anhand der Ausrichtung der Toten zu unterscheiden, wobei das ältere Gräberfeld (Schicht 1A) 16 Bestattungen mit Kopf im Osten und Füße im Westen aufwies und hellenistisch/römisch datiert wurde, während das jüngere (Schicht 1B) 102 Bestattungen mit zu Schicht 1A gegensätzlicher Ausrichtung (Kopf im Westen mit Blick nach Osten) zeigte. An Grabtypen  sind einfache Grubengräber (1A und 1B),  Gräber mit Steinsetzungen (1A und 1B), Bestattungen in Tonsarkophagen (1A), Gräber mit Dachziegel-Abdeckung (1B) und Gräber mit Lehmziegeleinfassung (Kerpiç-Mauer-Gräber/1B) zu nennen.

Vermutlich gehören die Tonsarkophage an den Beginn der Nekropole, die umfasst die restlichen Gräber der Gruppe Ost-West, gefolgt von der West-Ost-Gruppe.

Zweifellos spiegelt der Wechsel im Bestattungsbrauch und das Abbrechen der Sitte, Beigaben mitzugeben, den Übergang zum Christentum. Damit kann erstmalig in der Region die Christianisierung archäologisch gefasst werden. Das Gräberfeld auf dem Südosthügel von Kayalıpınar gehört somit insgesamt zu den besonders aussagekräftigen und kulturhistorisch bedeutenden Befunden dieser Epoche des Umbruchs und der Neuorientierung.

 

Die Siegelfunde

Siegelfunde aus Kayalıpınar gehören im wesentlichen zwei Schichten an – Schicht 3 und Schicht 5.

Königssiegel
Tonbulla mit Abdruck des keilschriftlichen Siegels einer hethitischen Großkönigin (15./14. Jh. v. Chr.)


Zu den wichtigsten Neufunden aus Schicht 3 zählt eine vollständig erhaltene Tonplombe mit Abdrücken eines Königssiegels, wahrscheinlich vom Großkönigspaar Tuthalija I/II und Nikalmati (letztes Viertel des 15. Jh. v. Chr.). Außer dem Tuthalija-Siegelabdruck liegen noch drei weitere Funde mit Abdrücken großköniglicher Siegel aus Kayalıpınar vor, die jedoch keinen Namen beinhalten und unter die „Tawananna“-Siegel fallen. Eine Tonbulla konischer Form mit Schnurloch nahe der Spitze weist auf den Seiten mehrere Abrollungen eines Siegelringes mit Namen und Titel eines Beamten in hieroglyphischer Schreibweise sowie auf der Hauptseite den Abdruck eines weiteren Hieroglyphensiegels auf. Es gehörte ebenfalls einem Angehörigen der königlichen Familie, einem Prinzen. Gleichfalls auf den Bereich der Königsfamilie und hohen Hofbeamten verweist ein Siegel, das durch einen Abdruck auf einer kleinen Tonbulla aus Gebäude B belegt ist. Der Abdruck dürfte vom Onkel oder Bruder des Großkönigs Suppiluliumas I stammen und lässt sich somit auf den Zeitraum zwischen ca. 1390 und 1344 v. Chr. einengen. Damit ist ein weiteres wichtiges Indiz für die Datierung der Schicht 3 gewonnen. 

 

 

 



Im Kontext der Schicht 5 konnten mehrere Tonverschlüsse mit Siegelabdrücken entdeckt werden, die in dem Schadensfeuer, das die Häuser dieser Periode zerstörte, gebrannt wurden und sich hierdurch erhalten haben. Die Stücke fanden sich überwiegend in dem Bereich zwischen den (späteren) Gebäuden A und B. Die Abdrücke lassen auf die Verwendung von zwei grundsätzlichen Siegelformen schließen. Zum einen sind es die für die anatolische Glyptik charakteristischen Stempelsiegel, zum anderen Rollsiegel mesopotamischer Tradition. Ein besonders aufschlussreicher Fundkomplex stammt aus dem „Haus am Osthang“. Ein grob gemagerter Tonklumpen besitzt vier sich teilweise überlappende Abdrücken ein und desselben runden Stempelsiegels. Dargestellt ist eine Jagdszene.

Neben Abdrücken von runden Stempelsiegeln gibt es solche, die eine viereckige Stempelfläche aufweisen. Ein Beispiel ist ein Siegelabdruck mit der Darstellung einer auf dem Boden mit angewinkelten Beinen ruhenden Antilope, das bisher von vier verschiedenen Tonplomben belegt ist.

Im Ostteil der Grabungsfläche mit frühhethitischen Bauresten in Kayalıpınar wurde im Brandschutt der Schicht 5 die Hälfte einer Tonplombe gefunden, mit dem ursprünglich die Mündung eines Kruges oder einer Kanne verschlossen war. Auf der Oberseite der Plombe sind die Reste von fünf Stempelabdrücken erhalten, die von zwei verschiedenen Siegeln stammen. Hiervon lässt sich das Bild eines der beiden Siegel vollständig rekonstruieren. Das Hauptmotiv ist ein doppelköpfiger Adler, der von einem Spiralband eingefasst ist.

 

Die Tontafelfunde

 

 

 

Nach Grabungsende 2009 lagen 22 Fragmente von Tontafeln vor. Eines ist altassyrisch, zwei Texte sind hurritisch, die übrigen hethitisch. Mehrheitlich handelt es sich bei den zuletzt genannten um mittelhethitische Ritualtexte und Briefe, die aus dem Brandschutt der Gebäude A und B stammen Der altassyrische Text dagegen gehört der frühhethitischen Schicht 5 an und wirft Licht auf die Zeit der altassyrischen „Handelskolonien“ in Anatolien.

Das Fragment einer hurritischen Tafel mit (noch) 52 Zeilen stellt den bislang wichtigsten Text von Kayalıpınar dar. Geschildert wird ein Feldzug nach Kizzuwatna (Kilikien) und Alalah/Mukiš (Hatay).

 

 

 

 

 

 

 
 

 

Finanzierung

Die Finanzierung der Kampagnen 2005-2009 erfolgte durch die Fritz Thyssen-Stiftung.

 

Kooperationen

Institut für Geowissenschaften der Christian-Albrechts Universität Kiel

Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Philipps-Universität Marburg

The Malcom and Carolyn Wiener Laboratory dor Aegean and Near Eastern Dendrochronology, Cornell University Ithaca, New York (USA)

Marburger Centrum Antike Welt

Lehrstuhl für Altorientalistik der Bayrischen Julius Maximilians Universität Würzburg


Literatur

T. Ökse 1999: Sivas İli 1997 Yüzey Araştırması. In: T. C. Kültür Bakanliği, Anıtlar ve Müzeler Genel Müdürlüğü; XVI. Araştırma Sonuçları Toplantısı – I. Cilt: 25–29 mayis 1998, Tarsus, Ankara, 467–490.

A. Müller-Karpe 2000: Kayalıpınar in Ostkappadokien. Ein neuer hethitischer Tafelfundplatz, Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 132, 355-365.

T. Ökse 2001a: Hethitisches Territorium am oberen Marassanta: Ein Rekonstruktionsversuch; In: G. Wilhelm (Hrsg.), Akten des IV. Internationalen Kongresses für Hethitologie, Würzburg 4.–8.10.1999. Studien zu den Boğazköy-Texten 45, Wiesbaden, 499–510.

T. Ökse 2001b: Neue hethitische Siedlungen zwischen Maşat Höyük und Kuşaklı. Istanbuler Mitteilungen 50, 85–109.

A. Müller-Karpe 2006: Untersuchungen in Kayalıpınar 2005. Mit Beiträgen von Vuslat Müller-Karpe, Elisabeth Rieken, Walter Sommerfeld, Gernot Wilhelm und Manuel Zeiler. Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 138, 211–247.

A. Müller-Karpe/V. Müller-Karpe 2006: Kızılırmak (Maraşanta) kıyısındaki bir Hitit Kentinde yeni araştırmalar. Arkeoloji ve Sanat 123, 1–12.

E. Rieken 2006: Hethitische Inschriftenfunde der Grabungskampagne 2005 in Kayalıpınar. In: A. Müller-Karpe u. a., Untersuchungen in Kayalıpınar 2005, Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 138, 227–231.

E. Rieken 2009: Die Tontafelfunde aus Kayalıpınar (mit einem Beitrag von Gernot Wilhelm). In: F. Pecchioli Daddi/G. Torri/C. Corti, Central-North Anatolia in the Hittite Period. New Perspectives in Light of Recent Research. Acts of the Conference held at the University of Florence 7.–9.2.2007, Roma, 119–145.

A. Müller-Karpe/V. Müller-Karpe 2009: Untersuchungen in Kayalıpınar und Umgebung 2006-2009. Mit Beiträgen von Elisabeth Rieken, Tobias Mühlenbruch, Christoph Salzmann, Manuel Zeiler und Jesper Wangen. Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 141, 173–238.

 

 

 

 

 


Zuletzt aktualisiert: 16.09.2015 · Bettina Hahn-Stern

 
 
 
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