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„VULNERABILITÄT“ und BOCA DO RIO:

Ansprechpartner im Vorgeschichtlichen Seminar:
Prof. Dr. Felix Teichner
Florian Hermann, B.A.

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Foto: Kevin Paul

Die wirtschaftliche Blüte der hispanischen Provinzen Roms basierte, neben den Gewinnen aus dem Bergbau, vor allem auf den maritimen Erzeugnissen, von denen das garum (röm. Fischsauce) zusammen mit gesalzenen Fischen hervorzuheben sind.
Hochspezialisierte Betriebe fügten sich in komplexe Produktionsnetzwerke mit zahlreichen Zulieferern und Produkten aus Fischereistationen, Salinen und Amphorentöpfereien ein. Günstige naturräumliche Begebenheiten entlang der südlichen Atlantikküste der iberischen Halbinsel und lange politische Stabilität bildeten die Ausgangsbasis dieser bis in das 5. Jahrhundert n. Chr. hinein bestehenden exportorientierten Produktionen.
Im Zentrum des DFG-geförderten Forschungsprojekts „Vulnerabilität komplexer römischer Wirtschaftssysteme“ steht die Betrachtung dieser Wertschöpfungskette in ihrer besonderen Abhängigkeit von ihrer primären Ressourcenquelle, des Meeres, sowie der klimatologischen Entwicklung. So ließen sich für die mittlere Kaiserzeit bereits massive Produktionseinbrüche fassen, auf welche, insbesondere im Süden der Lusitania mit der Umstrukturierung von Betriebs- und Vertriebsstrukturen geantwortet wurde, deren genaue Ursachen allerdings in der Forschung bislang nicht ausreichend geklärt werden konnten. Diese Umwälzungen könnten, und hierauf fokussieren die Untersuchungen, auf regionale Umweltveränderungen und Naturkatastrophen, wie etwa für historische Zeiten belegte Tsunamis, zurückzuführen sein.

Geoarchäologie

In enger Zusammenarbeit mit den Geologen der RWTH Aachen unter Prof. Klaus Reicherter und der Universität zu Köln unter Prof. Helmut Brückner werden für diese Fragestellungen relevante geologische Archive, wie litorale Sedimente, im Untersuchungsgebiet erschlossen, so dass ein Einblick in produktionsrelevante klimatische wie geologische Parameter gewonnen wird.

Archäologische Feldarbeit

Mit bis zu zwei Kampagnen im Jahr, Frühjahr wie Herbst, laufen an der Fundstelle „BOCA DO RIO“ unsere Forschungen an einer bislang wenig beachteten Garumproduktionsstätte von weit überregionaler Bedeutung. Zusammen mit lokalen Archäologen von der Universität der Algarve unter Leitung von Prof. João Pedro Bernardes wird diese Fundstelle und ihr direktes Umland systematisch auf verschiedenen Ebenen untersucht. Neben traditionellen Fragestellungen nach ihrer Datierung (Laufzeit) und Ausdehnung steht dabei insbesondere die Interaktion und Anpassung an die speziellen naturräumlichen Begebenheiten vor Ort im Fokus. Dieser zwingend diachrone Ansatz wird durch die Kombination traditioneller und moderner Methoden ermöglicht: Großflächige hochauflösende geophysikalische Messungen liefern Auskunft über Perimetrie und Gestalt der Fundstelle und ihres Umlands. Hierauf sind gezielte „diagnostische“, das Bodendenkmal schonende, Eingriffe zur Klärung absolut- wie relativchronologischer Fragen möglich. So konnten bislang an unterschiedlichen Stellen der Fundstelle Produktionstanks mehrerer fabricae verschiedener Größen und Zeitstellung gefasst werden, welche Auskunft über Laufzeit und Produktionsvolumen der villa zwischen dem 2. und 4. Jh. n. Chr. liefern. Die künftigen Kampagnen zielen darauf, dieses Bild zu vervollständigen, sowie auch im Hinblick auf die Frage der Siedlungskontinuität benachbarte Fundstellen der vorrömischen Eisenzeit und der nachfolgenden islamischen Besiedelung in den Fokus der Forschung zu rücken.

Grundsätzlich steht Interessierten die unentgeltliche Teilnahme an den Feldkampagnen offen. Weiterführende Informationen sind über das Portal www.epa-marburg.de bzw. die Projektverantwortlichen zu beziehen.