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Alpinum

Veränderte Bedingungen

Taglilien
Foto: Patrick Vogel
Unser Alpinum mit einer Fläche von rund einem Hektar erfreut die Besucher mit dem Anblick unterschiedlichster Hochgebirgspflanzen. Wenn Sie in Ihrem Garten selbst einen kleinen Hügel mit alpinen Pflanzen besitzen, werden Sie sicherlich schon die Erfahrung gemacht haben, dass die eine oder andere Pflanze nach kurzer Zeit verschwunden ist. Auch uns bereitet die Kultur alpiner Pflanzen immer wieder Probleme, die sich jedoch leicht erklären lassen: Bei mehreren 100 Höhenmetern verkürzen bzw. verlängern sich bekanntermaßen die einzelnen Jahreszeiten beträchtlich. So können die krautigen Pflanzen der alpinen Region bereits ab Ende Oktober vor Ort mit Schnee bedeckt sein. Bis zur Schneeschmelze im Mai ruhen diese Pflanzen gut sechs Monate unter einer Schneedecke, die sie zusätzlich vor Wind und Sonneneinstrahlung schützt. Die alpinen Pflanzen sind also veränderten Wachstumsbedingungen - kürzere Wachstumsphase und längere Ruheperiode - angepasst. Werden diese Pflanzen aus Samen herangezogen und in ein "Alpinum" versetzt, müssen sie sich an völlig veränderte Wachstumsbedingungen gewöhnen. Anstelle der langen Schneebedeckung und den damit verbundenen, gleich bleibend tiefen Temperaturen, sind sie wechselnden Niederschlägen meistens in Form von Regen und variierenden Witterungsverhältnissen wie Wind und Sonne ausgesetzt.

Das flexiblere "Montanum"

Schwefelblumen-Buchweizen
Foto: Patrick Vogel
Durch diese gestörte Ruheperiode kommen die Pflanzen aus ihrem Rhythmus und werden anfällig gegen diverse Pilzkrankheiten, aber auch gegen plötzlich auftretenden trockenen Frost. Der Winterverlauf 1992/93 war ein typisches Beispiel für den zum Teil krassen Wechsel zwischen Wärme und Kälte. Dementsprechend waren auch die Teil- und Totalverluste unserer Pflanzen so umfangreich wie lange nicht mehr. Die Folge ist auch für den Marburger Botanischen Garten, dass der Anteil an echten "alpinen" Pflanzen im "Alpinum" immer geringer wird und der Anteil eigentlich "nur" montaner Arten mehr und mehr zunimmt. Das "Alpinum" wäre daher präziser als ein "Montanum" zu bezeichnen, in dem auch Vertreter der subalpinen Zone vorhanden sind.

Sind die kleinen Gewächse im blütenlosen Zustand oft recht unscheinbar, werden sie in der Blütezeit durch meist verhältnismäßig große Blüten zu einem farbenfrohen Anblick - vor allem, wenn man dann noch Insekten bei der Bestäubung beobachten kann.

Alpine Gesteinsarten

Blick auf das Alpinum
Foto: Patrick Vogel
Bei der Anlage des Alpinums sind nach Möglichkeit die geologischen Gegebenheiten berücksichtigt worden. Das heißt, dass außer dem Quarzit, der in Form von Findlingen auf den Lahnbergen vorhanden ist, folgende Gesteinsarten beschafft wurden: Quaderkalk aus der Schwäbischen Alb, Wellenkalk aus der Gegend zwischen Lischeid und Winterscheid (Nordhessen), Serpentin und Magnesit aus Kraubath (Steiermark), Hornblende-Granit aus Kirschhausen (Odenwald) und Staurolith-Gneis aus Mömbris (Spessart).
Eine ganz besondere Stellung innerhalb dieser verschiedenen Gesteinsarten kommt dem ultrabasischen Serpentin zu. Serpentingestein hat den ungewöhnlich hohen Anteil von 15 bis 40 Prozent an Magnesium (normal sind je nach Boden 0,2 bis 2,1 Prozent) und einen vergleichsweise sehr geringen Kalkanteil, der zudem noch rasch ausgewaschen wird. Durch die meist dunkle Farbe des Gesteins kann sich seine Oberfläche durch intensive Sonneneinstrahlung auf eine Temperatur von 50 bis 60 Grad Celsius und mehr erhitzen.

Serpentinhügel

Allein diese beiden Faktoren haben zur Folge, dass sich auf dem Untergrund, der auf der Balkanhalbinsel, aber auch schon in Österreich inselartig anzutreffen ist, eine ganz spezielle Flora angesiedelt hat. Es ist eines der wissenschaftlichen Anliegen des Marburger Botanischen Gartens, diese einzigartige Flora in Ausschnitten auf dem Serpentinhügel anzusiedeln und zu erforschen.