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low light no. six

Rolf Gith © Foto: Carsten Costard

Rolf Gith
1950 geb. in Hamburg
low light no. six, 2016
Eitempera und Harzölfarbe auf Leinwand

Im letzten Bild des aktuellen Werkblocks thematisiert der Maler sich selbst. Die Darstellung ist durch einen noch einmal gesteigerten Abstraktionsgrad charakterisiert, hier fungiert kein Portrait als Hauptmotiv, und das Gemälde zeigt sich kryptischer und verschlossener. Gegenüber den vorangegangenen Bildern fällt die streng symmetrische, minimalistische Komposition auf: Eine geöffnete Rosenblüte liegt vor einem nachtblauen Sockel, der ein zur Betrachterseite hin ausgerichtetes, abstrahierendes Bild von quadratischer Form trägt. Auf dem Podest liegen drei Holzstäbchen, deren Enden in Rot und Grün gefasst sind. Dieser in der Malerei als Komplementärkontrast bezeichnete Farbgegensatz ist ein besonders starker, so dass hier von einer absichtsvollen Symbolik ausgegangen werden muss. Die Stäbe sind durch Kordel und Klebeband derart miteinander verbunden, dass der Eindruck einer Balancierstange eines Seiltänzers entsteht. Es scheint, als würde ein fragiles und gefährdetes Gleichgewicht der diametralen Kräfte nur unter größten Anstrengungen zu halten sein. Die Ziffern, die wie mit Kreide auf den Sockel geschrieben stehen und von eins bis acht reichen, bilden gewissermaßen eine Lebenszeitschiene, ein Kontinuum, in dem einige von dem diagonal einfallenden Licht hervorgehoben werden. In der Zahlenfolge drückt sich zudem das Prinzip des Seriellen aus. Aus diesen Beobachtungen lassen sich durchaus Bezüge zum Maler und seinem Werk zusammenfassend herauslesen: Das Arbeiten in Serien und Folgen ist ein für Giths Werkkomplexe typisches Verfahren, und mit der strengen Abfolge des „eins nach dem anderen“ lässt sich gewiss auch die langwierige und geduldige Arbeit des Malers charakterisieren. Die „Balancierstange“ steht symbolisch sowohl für die künstlerische Arbeit als auch für die Lebenssituation, die als Drahtseilakt empfunden werden kann, bei dem der Maler die Balance halten und Gegensätze austarieren muss.

Ein zentrales Motiv des Gemäldes stellt die abstrahierende Komposition vor dem Sockel dar, die vom schräg einfallenden Lichtschein hervorgehoben und fast vollständig ausgeleuchtet wird. Es handelt sich um das bildliche Zitat eines Aquarells, das Rolf Gith 2014 von einem liegenden Frauenakt angefertigt hat. Eine weibliche Gestalt als Ausgangspunkt des Bildes ist nur vor dem Gemälde im Original bzw. in der Vergrößerung (S. 46) erkennbar. Der Betrachter muss sich die in Formdetails und offene, abstrakte Strukturen zerlegte Gestalt zur Gesamtfigur ergänzen. Offene Formen, abstrakte Details und zu ergänzende Leerstellen ziehen sich als Elemente der Gestaltung und der Bilderzählung leitmotivisch durch die gesamte Dreierserie. Im Aquarellakt ist zusätzlich der motivische Rückbezug zum ersten „Lebensbild“ mit seinem noch realistisch dargestellten Frauenkörper gegeben. Hier, im „Aquarell“, erscheint dieser jedoch vollkommen verwandelt, transformiert einerseits aus der Sphäre des Erotisch-Sinnlichen in diejenige des rein Ästhetisch-Formalen, andererseits von der Sachlichkeit gegenständlicher Malerei in die Abstraktion überführt.

Die formale Anlage des Aktbildes wie die Maltechnik und Farbwahl erinnern nicht zufällig an Stillleben- und Landschaftsaquarelle von Paul Cézanne. Dessen Spätwerk kann als malerisches Experiment gewertet werden, in dem der Künstler an den häufig immer gleichen Bildmotiven die Grundlagen seiner Malerei „parallel zur Natur“ erprobte und seinen Seheindruck im Bild zu „realisieren“ versuchte und dabei schon in Bereiche der Abstraktion vordrang.

Mit dem „Lebensbilder“-Zyklus reflektiert der Maler nicht nur die biographisch-zeitliche Abfolge der drei Familienmitglieder, sondern befragt in ihm die eigene künstlerische Arbeit, ihre Grundlagen und ihren Kontext innerhalb der Geschichte der Malerei.

Michael Buchkremer

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