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Elisabeth Blochmann (1892-1972)
„Erst im 18. Jahrhundert ... ist die Frage der Mädchenbildung in Deutschland zu einem Problem geworden, das weite Kreise nicht nur beschäftigt, sondern erregt hat.“
zit. nach: Klafki/Müller 1992, S. 95.
Leben und Werk
Elisabeth Blochmann wurde am 14. April 1892 im thüringischen Apolda geboren und wuchs ab 1899 in der bürgerlichen Atmosphäre Weimars auf. Ihr akademischer Weg führte sie ab 1916 nach Jena, Straßburg, Marburg und Göttingen, wo sie Geschichte, Germanistik, Französisch, Philosophie und Pädagogik studierte. 1923 legte sie mit einer Studie über die „Deutsche Volksdichtungsbewegung“ ihre erste Publikation vor und promovierte im selben Jahr bei dem Historiker Karl Brandi. Es folgten prägende Jahre in der Praxis: zunächst als Dozentin an der Sozialen Frauenschule in Thale, ab 1926 als pädagogische Leiterin am Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus. Bereits 1928 veröffentlichte sie mit „Der Kindergarten“ ein Standardwerk, das in der Pädagogik bis heute nachwirkt. 1929 nahm sie eine Professur für Sozialpädagogik an der Pädagogischen Akademie Halle an.
Im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme und des Inkrafttretens des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und des Arierparagraphen wurde Blochmann 1933 fristlos und ohne Pensionsansprüche aus dem Staatsdienst entlassen. Aufgrund der Herkunft ihrer Mutter galt sie in der NS-Ideologie als „Halbjüdin“, was zu Stigmatisierung und Ausgrenzung führte. Selbst der Philosoph Martin Heidegger, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband, äußerte nach seiner Ernennung zum Freiburger Rektor in Briefen an Blochmann lediglich karge Worte des Bedauerns. 1934 emigrierte sie über Holland nach England. An der University of Oxford lehrte sie Deutsche Literatur, Pädagogik sowie Soziologie und engagierte sich ab 1941 maßgeblich im „German Educational Reconstruction Committee“, um bereits aus der Ferne demokratische Konzepte für den Wiederaufbau des deutschen Bildungswesens zu entwickeln.
Trotz ihrer 1947 erworbenen englischen Staatsbürgerschaft verzichtete sie 1952 – in ihrem sechzigsten Lebensjahr – auf ihre Pensionsansprüche, um dem Ruf an die Philipps-Universität Marburg zu folgen. Damit wurde sie zur ersten Frau in der Bundesrepublik, die einen ordentlichen Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik innehatte. In Marburg war sie erst die zweite Professorin nach der Sprachwissenschaftlerin Luise Berthold.
Als couragierte Reformpädagogin verknüpfte Blochmann in ihren Vorlesungen Erkenntnisse aus „Sturm und Drang“ oder der Romantik mit demokratisch fundierten Handlungsperspektiven. Sie forschte zu Kindheit, Jugend und Erwachsenenbildung, wobei ihr die Mädchen- und Frauenbildung ein besonderes Anliegen war. Als Direktorin des Pädagogischen Instituts gründete sie einen anerkannten sozialpädagogischen Arbeitskreis und suchte im Studium Generale den Dialog mit Fachbereichen wie der Medizin oder Psychologie.
Auch nach ihrer Emeritierung blieb Blochmann wissenschaftlich hochproduktiv und veröffentlichte 1966 ihre bedeutende Studie über das „Frauenzimmer und die Gelehrsamkeit“ zur Geschichte des Mädchenschulwesens. Für ihr lebenslanges Engagement, das wissenschaftliche Exzellenz mit sozialer Tatkraft verband, wurde sie 1962 mit der Goethe-Medaille des Landes Hessen geehrt. Sie verstarb am 27. Januar 1972 in Marburg, wo seit 2001 der Elisabeth-Blochmann-Platz an die erste Pädagogik-Professorin der Philipps-Universität erinnert.
Entstehung der Tafel
Erste Fassung 2008 H.-G. Müller; Überarbeitung und inhaltliche Ergänzung 2026 Dr. Andrea Beutlhauser