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Hannah Arendt (1906-1975)
„Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie […] Das gilt für alles Handeln.“
Im Gespräch mit Günter Gaus 1964
Leben und Werk
Hannah (eigentlich Johanna) Arendt wurde am 14. Oktober 1906 als Tochter säkularer jüdischer Eltern in Linden bei Hannover geboren und wuchs ab 1909 im ostpreußischen Königsberg auf. Nach ihrem Abitur am dortigen Mädchengymnasium im Jahr 1924 nahm die 18-Jährige an der Philipps-Universität Marburg ein Studium auf. Sie schrieb sich für Philosophie, Evangelische Theologie und Gräzistik ein und hörte Vorlesungen bei Martin Heidegger, Nicolai Hartmann und Rudolf Bultmann.
In Marburg bewohnte sie nacheinander verschiedene Unterkünfte – von der Mansarde in der Lutherstraße 4, wo heute eine Gedenktafel an Arendt erinnert – über das Haus Am Schlag 1 bis hin zur Ockershäuser Allee 13. Diese Zeit war geprägt von der intellektuell wie emotional aufreibenden Begegnung mit ihrem Lehrer Martin Heidegger. Die kurze, geheime Affäre mit dem 17 Jahre älteren, verheirateten Professor und Familienvater blieb der Öffentlichkeit verborgen; erst nach dem Auffinden seiner Briefe in Arendts Nachlass wurde die Liebesbeziehung bekannt.
Arendt lebte in Marburg sehr zurückgezogen – nicht zuletzt aufgrund des Verhältnisses mit Heidegger – und hatte wenige engere Kontakte. Eine tiefe Freundschaft entstand mit ihrem Kommilitonen Hans Jonas, der später ebenfalls wegen seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland in die USA floh und als Philosophieprofessor in New York lehrte. Nach drei Semestern verließ Arendt Marburg, um ihr Studium bei Edmund Husserl in Freiburg und schließlich bei Karl Jaspers in Heidelberg fortzusetzen, bei dem sie 1928 über den „Liebesbegriff bei Augustin“ promovierte. 1929 zog sie nach Berlin und heiratete den Schriftsteller Günther Stern, den sie in Marburg kennengelernt hatte und der später unter dem Pseudonym Günther Anders bekannt wurde. Die Ehe scheiterte allerdings nach einigen Jahren und wurde 1937 geschieden.
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme änderte sich Arendts Leben radikal. 1933 wurde sie kurzzeitig von der Gestapo verhaftet und floh daraufhin über die damalige Tschechoslowakei nach Paris. Dort engagierte sie sich als Generalsekretärin der „Jugend-Alija“ für die Rettung jüdischer Jugendlicher. 1940 wurde sie für fünf Wochen im südfranzösischen Lager Gurs interniert, konnte jedoch fliehen. Im selben Jahr heiratete sie in zweiter Ehe den Philosophen Heinrich Blücher, mit dem ihr 1941 die Emigration in die USA gelang.
In New York arbeitete sie zunächst für die deutsch-jüdische Wochenzeitung „Aufbau“ und als Cheflektorin des Schocken Verlags. Mit der Veröffentlichung von „The Origins of Totalitarianism“ (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) im Jahr 1951 gelang ihr der internationale Durchbruch. Sie analysierte darin die strukturellen Ähnlichkeiten von Nationalsozialismus und Stalinismus und wurde schlagartig zu einer Berühmtheit in Fachkreisen. Im selben Jahr erhielt sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Ein zentraler Wendepunkt ihrer Laufbahn war die Berichterstattung über den Gerichtsprozess um den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahr 1961 für die Zeitschrift „The New Yorker“. Ihre These von der „Banalität des Bösen“ löste heftige Kontroversen aus. Arendt argumentierte, dass das Böse nicht zwangsläufig dämonisch sein müsse, sondern oft aus einer erschreckenden Gedankenlosigkeit und dem Verzicht auf das eigene Urteilsvermögen resultiere. Für sie war das Böse „wie ein Pilz an der Oberfläche“, während nur das Gute radikale Tiefe besitze.
In den folgenden Jahrzehnten lehrte Arendt als angesehene Hochschullehrerin an den bedeutendsten Universitäten der USA, darunter Princeton (als erste Frau überhaupt), Harvard und Chicago. Sie positionierte sich stets als kritische Stimme der Öffentlichkeit, sei es zur McCarthy-Ära oder zum Vietnam-Krieg. Macht definierte sie dabei nie als bloße Herrschaftsgewalt, sondern als das Ergebnis gemeinsamen Handelns in einer pluralen Öffentlichkeit.
Hannah Arendt starb am 4. Dezember 1975 in New York. Ihr Bedürfnis, die Welt nicht nur zu betrachten, sondern die Wirklichkeit durch Denken zu begreifen, prägt die politische Theorie bis heute. In Marburg erinnert seit dem 8. Mai 1995 – anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes – die Hannah-Arendt-Straße im Stadtwald an eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Erbe bleibt zudem durch Stadtspaziergänge zum jüdischen (Frauen-)Leben, zahlreiche akademische Publikationen sowie den Hannah-Arendt-Debattierclub an der Philipps-Universität lebendig.
Entstehung der Tafel
Erste Fassung 2008 Silke Weller; Überarbeitung und inhaltliche Ergänzung 2026 Dr. Andrea Beutlhauser