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Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993)
zit. nach: Becker/Bimmer 1998, S. 27
Leben und Werk
Ingeborg Weber-Kellermann wurde am 26. Juni 1918 als Ingeborg Kellermann in Berlin-Wilmersdorf geboren. Nach dem Abitur 1936 am Berliner Viktoria-Luise-Oberlyzeum studierte sie Volkskunde, Anthropologie, Vorgeschichte und Völkerkunde an der Universität Berlin. Im Juli 1940 schloss sie ihr Studium mit der Promotion bei Adolf Spamer erfolgreich ab. Bis 1945 arbeitete sie als Nachwuchswissenschaftlerin für verschiedene Regierungsstellen, wie die Volksdeutsche Mittelstelle und das Institut für Heimatforschung, welches unter dem Einfluss der NSDAP stand. Deren sogenannte volkstumspolitische Forschung zielte darauf ab, deutsche Minderheiten im Ausland (wie in der slowakischen Zips) kulturell zu erfassen und propagandistisch für die nationalsozialistische Expansionspolitik zu nutzen. Am Ende des Krieges war sie als Krankenschwester beim Deutschen Roten Kreuz in Prag tätig, wo sie unter anderem auf Überlebende des Konzentrationslagers Theresienstadt traf, was ihr Weltbild nachhaltig veränderte und ihre späteren Arbeiten prägte. Nach ersten Berufsjahren, unter anderem als Assistentin an der Akademie der Wissenschaften zu Berlin (ab 1946) und als stellvertretende Direktorin des Instituts für deutsche Volkskunde (1959) wechselte sie 1960 zu Gerhard Heilfurth an das Institut für mitteleuropäische Volksforschung der Philipps-Universität Marburg, dem späteren Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft.
In Marburg habilitierte sie sich 1963 mit ihrer Schrift „Erntebrauch in der ländlichen Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts“ und lehrte nach der Erteilung der Venia Legendi im Fach Volkskunde als Privatdozentin. 1968 wurde Weber-Kellermann zur außerplanmäßigen Professorin für Europäische Ethnologie ernannt und ein Jahr später zur ordentlichen Professorin berufen.
Weber-Kellermann wurde zur zentralen Figur bei der Transformation der deutschen Volkskunde hin zu einer sozialwissenschaftlich orientierten Europäischen Ethnologie. Bereits in den 1950er-Jahren hatte sie den innovativen Forschungsansatz der „Interethnik“ entwickelt, der den Blick auf Kulturkontakt und Austausch in Südosteuropa richtete. Für ihre wegweisenden Arbeiten erhielt sie 1967 den Premio Internazionale di Folklore Giuseppe Pitré in Palermo.
Besonders ihre programmatische Schrift „Deutsche Volkskunde zwischen Germanistik und Sozialwissenschaften“ (1969) analysierte kritisch die Rolle des Fachs im Nationalsozialismus. Gemeinsam mit Heilfurth richtete sie 1965 in Marburg den Kongress „Arbeit und Volksleben“ aus, der schließlich zur Gründung des deutschen Fachverbandes führte. Als Dekanin der Philosophischen Fakultät (1970/71) gestaltete sie zudem die Universitätsreform und die Etablierung der Fachbereiche aktiv mit.
Ein besonderes Merkmal ihrer Arbeit war die enge Einbeziehung der Studierenden. In einem berufsfeldbezogenen Studienaufbau entwickelte sie gemeinsam mit ihnen zahlreiche, teils provokante Ausstellungen, um zur kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen aufzufordern. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Ausstellung „Talare, Wichs und Jeans. Zur Geschichte der Universitätskleidung“, die sie 1977 zum 450-jährigen Jubiläum der Philipps-Universität realisierte.
Ihr Lebenswerk, das auch vielgelesene Bücher und zahlreiche Dokumentarfilme zur hessischen Kulturgeschichte umfasste, wurde vielfach gewürdigt: 1985 erhielt sie die Wilhelm-Leuschner-Medaille und 1992 folgte die Verleihung des ungarischen Staatspreises „Pro Cultura Hungarica“. Ingeborg Weber-Kellermann verstarb am 12. Juni 1993 in Marburg. Seit 2006 erinnert eine Gedenktafel in der Wilhelmstraße 19 an die bedeutende Ethnologin.
Entstehung der Tafel
Erste Fassung: Dr. Andreas C. Bimmer, Prof. Dr. Siegfried Becker; Überarbeitung und inhaltliche Ergänzung 2026: Dr. Andrea Beutlhauser