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Johanna Wyttenbach (1773-1830)
zit. nach: Bickert/Nail 2000, S. 46
Leben und Werk
Johanna Wyttenbach wurde am 29. Dezember 1773 als Daniel Jeanne Gallien in Hanau geboren und wuchs aufgrund ihrer binationalen Herkunft mit Deutsch und Französisch auf. 1792 zog sie nach Amsterdam zu ihrem Onkel mütterlicherseits, dem Philologie-Professor Daniel Wyttenbach. Dort erwarb sie autodidaktisch umfangreiche Kenntnisse in Niederländisch, Latein und Griechisch sowie in antiker Geschichte, Literatur und Philosophie.
1817 heiratete sie ihren Onkel, mit dem sie vorher schon jahrelang einen gemeinsamen Haushalt geführt hatte. Ihre erfolgreichsten Publikationen – darunter die philosophischen Werke „Théagène“ (1815), „Banquet de Léontis“ (1817) und „Alexis“ (1823) – fanden Beachtung in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Griechenland. Zentrale Themen ihrer überwiegend auf Französisch verfassten Schriften waren die Stellung der Frau in der Gesellschaft und die Forderung nach Gleichberechtigung. Kritik an der unzulänglichen Mädchenerziehung jener Zeit übte sie beispielsweise in ihrer Erzählung „Histoire de ma petite chienne Hermione“ (1820).
1827 wurde Wyttenbach für ihre wissenschaftliche Bildung und philosophischen Abhandlungen zur Ästhetik die Doktorwürde „honoris causa“ durch die Philosophische Fakultät der Philipps-Universität Marburg verliehen. Marburg zählte zu den wenigen deutschen Universitäten, die Frauen bereits im frühen 19. Jahrhundert diese akademische Ehre zuteilwerden ließen. Denn Frauen durften offiziell erst ab 1900 – zunächst im Großherzogtum Baden, drei Jahre später auch in Bayern und ab 1908 in Preußen – ein reguläres Hochschulstudium aufnehmen. Vorher war es weiblichen Studierenden nur gestattet, als Gasthörerinnen an Vorlesungen teilzunehmen, was zudem abhängig von der Erlaubnis der jeweiligen Professoren sowie langwierigen Eignungsprüfungen im Vorfeld war. Als erste deutsche Doktorin der Philosophie gilt Dorothea Schlözer, die 1787 – mit einer Sondergenehmigung – an der Universität Göttingen promoviert wurde.
Am 26. August 1828 stiftete Wyttenbach ein Stipendium zur Förderung des philologischen und medizinischen Studiums sowie zur Unterstützung bedürftiger Hebammenschülerinnen an der Philipps-Universität. Sie starb am 27. April 1830 in Oegstgeest. In Marburg erinnert der Johanna-Wyttenbach-Weg auf den Lahnbergen an die Literatin und Ehrendoktorin.
Doktorurkunde Wyttenbachs
Entstehung der Tafel
Erste Fassung 2008 Prof. Dr. Marita Metz-Becker, Überarbeitung und inhaltliche Ergänzung 2026 Dr. Andrea Beutlhauser