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Luise Berthold (1891-1983)
„Man wollte das weibliche Wesen sehen, was da […] in das fast 400jährige Männermonopol Marburgs einbrach.“
Aus Bertholds Anektodensammlung
Leben, Forschung und Lehre
Luise Berthold wurde am 27. Januar 1891 in Berlin geboren und absolvierte von 1907 bis 1909 die „Gymnasialkurse für Frauen“ von Helene Lange, die sie mit der Reifeprüfung abschloss. Ihr Studium der Fächer Deutsch, Evangelische Religionslehre und Philosophie begann sie 1909 in Berlin, kurz nachdem für Frauen in Preußen ab 1908 die Immatrikulation möglich geworden war. Wegen der Nichtzulassung von Frauen in einzelnen Seminaren wechselte sie jedoch zunächst nach Jena und dann nach Marburg. Auch in Marburg, das seit 1866 preußisch war, durften Frauen erst zum Wintersemester 1908/09 studieren. An der Philipps-Universität lernte Berthold 1912 ihren späteren Mentor und Lehrer Ferdinand Wrede, den Leiter des Deutschen Sprachatlas, kennen. Nach dem Staatsexamen im Jahr 1914 begann sie 1916 ihre Arbeit am Hessen-Nassauischen Wörterbuch sowie ihre Promotion in Deutsch, Evangelischer Theologie und Philosophie, die sie 1920 abschloss. Nach ihrer Habilitation 1923 mit einer Arbeit zur Heimatbestimmung alter Texte auf dialektgeographischer Grundlage hielt sie am 8. Dezember 1923 ihre Antrittsvorlesung als erste Marburger Dozentin.
Bertholds herausragende wissenschaftliche Neuerung war die Übertragung des am Deutschen Sprachatlas entwickelten dialektgeographischen Prinzips auf das Hessen-Nassauische Volkswörterbuch – eine Pionierleistung in der deutschen Wörterbucharbeit. Dieser methodische Ansatz, der mit möglichst genauen Verbreitungsangaben des Einzelwortes beginnt und durch die Beigabe von Sprachkarten besonders deutlich wird, hat die Fortentwicklung der Dialektologie entscheidend geprägt. Letztere gehörte neben der Vermittlung von Inhalten zur historischen Grammatik und altsächsischen Bibeldichtung auch zu ihren Lehrthemen.
Sie arbeitete ab 1916 am Wörterbuch mit, übernahm ab 1927 die Drucklegung und ab 1934 die Leitung, die sie über dreißig Jahre innehatte. Von 1947 bis 1951 war sie kommissarische Leiterin des Deutschen Sprachatlas. Obwohl Berthold 1930 zur nichtbeamteten Professorin und 1940 zur außerplanmäßigen Professorin ernannt worden war, erhielt sie eine beamtete außerordentliche Professur erst am 1. April 1952, knapp 30 Jahre nach ihrer Habilitation. Bis dahin – also 22 Jahre lang – sollte Berthold auch die einzige Professorin an der Marburger Universität bleiben.
1932 veröffentlichte sie den Artikel „Frau im Nationalsozialismus“, in dem sie Kritik am Faschismus übt. Im November 1933 unterzeichnete sie gemeinsam mit ihrem Lehrer Wrede das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ und trat am 1. März 1934 dem im NS-Lehrerbund bei, war jedoch nie NSDAP Mitglied. Vielmehr wurde sie Mitglied der „Bekennenden Kirche“, einer evangelischen Oppositionsbewegung im NS-Staat. Nach dem Krieg wurde Berthold als ‚unbelastete Dozentin‘ von den Amerikanern in die Spruchkammern zur Entnazifizierung berufen und engagierte sie sich von 1946 bis 1952 kommunalpolitisch als Stadtverordnete der LDP (später FDP). Zusammen mit acht weiteren Frauen gründete sie 1945 in Marburg einen ‚überparteilichen Frauenausschuss‘, der unter anderem eine Reformulierung des Frauenbildes in der „Oberhessischen Presse“ anhand einer monatlich erscheinenden Frauenseite bewirkte. Von 1949 bis 1957 hatte sie außerdem den Vorsitz im Hochschulausschuss des Deutschen Akademikerinnenbundes inne.
Berthold forschte und publizierte bis zu ihrem Tod am 3. Oktober 1983. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Wilhelm-Leuschner-Medaille, die Goethe-Plakette und das Große Bundesverdienstkreuz. 2023 – hundert Jahre nach ihrer Habilitation – ehrte die Stadt Marburg die erste Professorin der Philipps-Universität mit der Benennung der Luise-Berthold-Straße im Stadtteil Stadtwald.
Entstehung der Tafel
Susanne Mersmann (M. A.) mit Einverständnis von Prof. Dr. Heinrich Dingeldein; Inhaltliche Überarbeitung 2026 Dr. Andrea Beutlhauser mit Ergänzung von Prof. Dr. Marita Metz-Becker