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Hans-Hendrik Grimmling, der Käfig ist offen

Der Körper eines Vogels bildet mit seinen weißen Federn im Vordergrund das Zentrum des Bildes, das durch ausgeprägte schwarze Akzente gerahmt und kontrastreich hervorgehoben ist.
© VG Bild-Kunst Bonn 2021

Hans-Hendrik Grimmling
geb. 1947 in Zwenkau
der Käfig ist offen, 1987
Acryl/Pigment auf Leinwand, 200 x 170 cm
Schenkung Drs. Christa und Steffen Heilmann, Sonja Kühnelt 2020

An seinen Militärdienst erinnerte Hans-Hendrik Grimmling mit den Worten: „Dort habe ich vor mich hingemalt, richtig gehend vor mich hingemalt, als Flucht, als Zärtlichkeit für mich selbst, als Rettung vor der Realität und so habe ich das auch irgendwie überlebt.“

Diese Gedanken des Malers eröffnen nicht nur eine erste Perspektive zum Verstehen seiner Kunst, sie verdeutlichen gleichzeitig die existentielle Dimension für den Künstler, die bei der Betrachtung seiner Bilder von großer Bedeutung sein kann.

Der Körper eines Vogels bildet mit seinen weißen Federn im Vordergrund das Zentrum des Bildes, das durch ausgeprägte schwarze Akzente gerahmt und kontrastreich hervorgehoben ist.
© VG Bild-Kunst Bonn 2021

1987 malte der 1947 in Zwenkau bei Leipzig geborene und in der DDR aufgewachsene Hans-Hendrik Grimmling das Bild Der Käfig ist offen. Ein Jahr zuvor war er mit seiner Familie aus der DDR nach Westberlin ausgereist. Mit den Farben, Formen und Strukturen des Bildes kommuniziert Grimmling Hinweise auf seine neue Lebenssituation in Westberlin. Der Körper eines Vogels bildet mit seinen weißen Federn im Vordergrund das Zentrum des Bildes, das durch ausgeprägte schwarze Akzente gerahmt und kontrastreich hervorgehoben ist. Das tiefe, rahmende Schwarz dieser zentralen Fokussierung setzt sich in den gitterähnlichen und von links nach rechts etwas ansteigenden, kräftigen blauen Farbfeldern des Bildhintergrundes fort. Der Vogel erweckt den Eindruck, als sei er im Flug abgestürzt – vielleicht von einem Hindernis überrascht ins Straucheln gekommen – und auf dem Rücken gelandet.

Die gebrochen und verletzt erscheinenden Flügel und die verkrümmte Haltung des Vogelkörpers unterstützen den Eindruck von Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Begrenzung. Doch der Vogel lebt, wenn auch in Agonie, in einer desolaten Situation, und er kann als Metapher für Leben und Arbeiten des Malers verstanden werden. Das hinter den begrenzenden Gitterstäben sichtbare Blau manifestiert den abschließenden Hintergrund des Bildes, den Grimmling gegen alle Widrigkeiten auch als beständige Option und Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung gestaltet. Die Entstehungssituation des Bildes beschreibt er mit den Worten: „Das Weggehen […] aus einem Land voll Zwietracht und Lethargie in das Biotop Westberlin bedeutete äußerste Anspannung und Verlust, Risiko und Gewinn. Gute Freundschaften waren schwer belastet, gewachsene Beziehungen wurden bis zur Verleugnung strapaziert, Zerreißproben eigener Verwurzelung bis hin zur Verdrängungssucht mussten ausgehalten werden. Aber es war auch der Gewinn, sich einer selbsthuldigenden ‚kulturistischen’ Nomenklatur entzogen zu haben, sich einer gleichmachenden Vereinnahmung nicht verfügbar gemacht zu haben, auch nicht als Opfer.“

Als „Verhängnis Kunst“ beschreibt Grimmling in seiner 2008 veröffentlichten Biographie „Die Umerziehung der Vögel“ die Bedeutung der Kunst für sein Leben. Dass er sich der Umerziehung durch staatliche Gewalten und äußere Umstände so vehement widersetzen konnte und wie ihm seine individuellen Flugübungen trotz vieler Abstürze das Leben im Spannungsfeld zu Tod und Aussichtslosigkeit immer wieder durch seine Arbeit als Künstler und Maler möglich wurden, davon erzählt das Bild Der Käfig ist offen. Sein Kommentar zum Bild: „Es ist schwer zu sagen, ob Untergang oder Rettung gemeint ist, im Spiel der Kräfte ist beides möglich.“ Seinen Studierenden gibt Grimmling für ihr Leben als Künstler/innen folgenden Rat mit auf den Weg: „Mischt Euch ein!“

Thomas Gebauer

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